Digitale Presseschau – KW 30

Vergessenes Land Irak, der Hassblog PI-News, E-Protest als Mittel politischer Veränderung – dies und mehr in unserer aktuellen Digitalen Presseschau.

Auch diese Woche gingen wir auf die Suche nach lesenswerten Artikeln. Einstimmig fiel unsere Wahl auf den Top 1–Artikel aus. Darin wird über die Rolle des Internet für den politischen und gesellschaftlichen Wandel in einem arabischen Land berichtet, das in den vergangenen Monaten und während des Arabischen Frühlings nicht im Fokus der medialen und öffentlichen Aufmerksamkeit stand: der Irak.

Das vergessene Land?

Der irakische Journalist Dana Asaad berichtet seit 2009 als Redakteur des Blogs niqash.org aus dem Irak und dem kurdischen Autonomiegebiet. Er schildert in der “Berliner Gazette” aus eigener Erfahrung die aktuelle Situation der Presse- und Meinungsfreiheit in seinem Heimatland, um die es nicht gut bestellt zu sein scheint. Dies ist wohl insbesondere dem Umstand geschuldet, dass das Land auch acht Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins politisch höchst instabil ist. Außerdem erklärt Asaad, inwieweit soziale Medien und Blogs einen Einfluss auf die öffentliche Meinung und die Bereitschaft der Iraker zum Demonstrieren haben und warum ihre Bedeutung kritisch zu hinterfragen ist. Mit Dana Asaad spricht hier offensichtlich ein sehr guter Kenner der Situation vor Ort. Prädikat: sehr lesenswert!

Die Proklamation des Überwachungsstaates

Auf Platz 2 unserer dieswöchigen Presseschau schaffte es ein Beitrag des Anwalts Udo Vetter in seinem preisgekrönten „law blog“. Vetter weist darauf hin, wie deutsche Politiker die schrecklichen Ereignisse in Norwegen als Steilvorlage nutzen, um bestimmte Überwachungsmaßnahmen zu legitimieren – so wie Hans-Peter Uhl (CSU) in punkto Vorratsdatenspeicherung. Sehr treffend legt der Jurist Vetter dar, wie hanebüchen die aufgestellten Forderungen sind und wohin sie letztlich führen würden – zum Überwachungs- und Ausgrenzungsstaat. Orwells “1984” lässt grüßen!

Der Hassblog PI-News

Ario Ebrahimpour Mirzaie widmet sich in dem Blog „Störungsmelder“ auf Zeit Online dem islamfeindlichen Weltbild des modernen europäischen Rechtspopulismus, das sich auch in der Gedankenwelt des Osloer Attentäters Anders Breivik wiederfindet. Dabei setzt der Autor sich mit dem Blog „Politically Incorrect“ (PI) auseinander, das er als die wichtigste Online-Plattform der Islamhasser in Deutschland bezeichnet, und schlägt einen Bogen zu bekannten europäischen Rechtspopulisten wie dem niederländischen Politiker und Islamkritiker Geert Wilders.

Droht uns die Verbiederung?

Auf Rang 4 unserer Presseschau schaffte es Jörg Wittkewitz auf faz.net. Er schreibt über die vermeintlich wichtige Rolle sozialer Netzwerke für die Erkundung der Vorlieben und Interessen von Nutzern durch die Internetwirtschaft. Unser Verhalten in den sozialen Medien soll als Indikator für die maßgerechte Zuschneidung von Produkten herhalten. Wittkewitz beleuchtet dabei auch die kulturelle Dimension der „Pseudofamiliarisierung“ über „Gefällt mir“-Optionen – eine Welt, in der Nähe und Distanz künstlich aufgehoben würden.

E-Protest als Mittel politischer Veränderung

Günter Metzges zeigt sich in seinem Kommentar auf taz.de davon überzeugt, dass Netzpolitik über soziale Medien oder Online-Kampagnen wie Campact Auswirkungen auf die parlamentarische Debatte haben und widerspricht damit Franziska Heine. Die durch ihre Petition gegen Netzsperren bekannt gewordene Internetaktivistin meine, dass ausschließlich die Bundestagsplattform “epetitionen.bundestag.de“ die richtige Anlaufstelle für wirksame Online-Appelle sei. Metzges versucht zu belegen, dass es auch andere und sogar effektivere Wege im Netz gäbe, um politische Veränderungen herbeizuführen.

Zerstören Profitgier und Furcht das Netz?

Der deutsche Journalist und Verleger Jakob Augstein zeichnet in der Spiegel Online-Kolumne „Im Zweifel links“ ein düsteres Bild von der Zukunft des Internet. Dieses großartige Experiment würde durch Profitgier und Furcht zerfleddert werden, wenn es in Zukunft weiter beschränkt würde. Übrig bliebe dann ein Gefängnis, in dem die Internetnutzer der Kontrolle und der Verwertbarkeit durch Unternehmen und Institutionen hilflos ausgeliefert wären. Augstein bezweifelt, dass die Bürger sich der Kontrolle entziehen und sich für ein freies Netz entscheiden werden.

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