Digitale Presseschau – KW 28

Politiker fürchten sich vor Transparenz, Chinas Diktatur im Netz, Internet-Enquete macht Sommerpause, Lateinamerka-Portal Amerika21.de – dies und mehr in unserer Digitalen Presseschau.

Wieder einmal hat die politik-digital.de-Redaktion über lesenswerte Artikel in dieser Woche diskutiert und abgestimmt. Hier unsere Favoriten von Rang 1 bis 6:

Angst vor Transparenz

Anke Domscheit-Berg kritisiert in einem äußerst lesenswerten Artikel in der Süddeutschen Zeitung, wie Politiker getreu dem Motto „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“, nach Möglichkeiten suchen, das Internet zu zivilisieren. Anschaulich beschreibt sie, wie viele Regierungsbeauftragte das Internet noch immer nicht verstanden haben und es als Sodom und Gomorrha des 21. Jahrhunderts und nicht als Katalysator für Kreativität und Innovation verstehen. Das Internet, stellt sie fest, ist nur ein Spiegel der Gesellschaft, und so muss man in dieser nach den Wurzeln der Probleme suchen und nicht im Netz selbst.

Chinas Diktatur im Internet

Vom Überwachungsstaat 2.0 in China berichteten in dieser Woche die Oberösterreichischen Nachrichten, denen ein parteiinternes Papier vorliegt, in dem die chinesische Regierung eine Ausweitung der täglichen Überwachung im Internet fordert. Die Direktive liefert zum ersten Mal handfeste Beweise für die Existenz von „Cyberspitzeln“, die im Auftrag des Propagandaapparats Online-Beiträge verfassen, oppositionelle Meinungen löschen und Regimekritiker melden, um so die öffentliche Meinung zu steuern. Der aufschlussreiche Artikel zeigt, wie das Internet Diktaturen nicht nur stürzen, sondern auch stärken kann.

Netzpolitik im Hinterzimmer

„Demokratie ist eine feine Sache, wenn man nicht so genau hinschaut“, erklärt Constanze Kurz in ihrer Kritik an der Arbeitsweise der Internet-Enquete im Blog „Digitales Denken“ auf faz.net. Wenn wie zuletzt kurz vor der Sommerpause der Sachverstand drohte, über die Regierungsfraktion zu siegen, wurde schnell hinter verschlossenen Türen und unter Ausschluss sowohl der Experten als auch der Öffentlichkeit eine Strategie gesucht, um dies zu verhindern, beanstandet die Autorin. Als Lösung hätten die Abgeordneten sich auf eine Vertagung geeinigt, um Zeit zu gewinnen, die Sachverständigen doch noch in die „richtige“ Richtung zu lenken. Die Einschätzung der Sachverständigen der Internet-Enquete brachte es auf Platz drei unserer Rangliste.

Amerika21.de

Von der verzerrten Berichterstattung über Lateinamerika in der deutschen Presse spricht Harald Neuber, Redaktionsmitarbeiter des Non-Profit Projekts „Portal Amerika21.de“ im Interview mit der Neuen Rheinischen Zeitung. Auf dem Webblog wollen Journalisten und Aktivisten falsche und irreführende Artikel offen kritisieren und sowohl Leser als auch die deutsche Presse auf die Defizite aufmerksam machen. Das vorherrschende Problem der deutschen Medien sei es, dass Korrespondentennetze ausgedünnt und Propaganda der Regierungsopposition unkritisch aufgenommen würden. Es fehle an Willenskraft seitens der Berichterstatter, hinter die Kulissen zu schauen.

The Guardian und Youtube

Anthony D. Williams berichtet in einem informativen Interview mit derStandard.at über die Möglichkeiten digitalen Wirtschaftens und Marketings. Medien müssen sich neu im Netz erfinden, so der Autor des Bestsellers „Wikinomics“. Dies könne mithilfe digitaler Abonnenten oder aber neuer Werbenetzwerke, wie es der Guardian zurzeit vormacht, geschehen. Dabei orientiere sich die britische Tageszeitung in ihrem innovativen Projekt an den Grundgedanken der Verknüpfung von Content und Online-Werbung, der auch bei Youtube zu finden sei.

Magna Charta fürs Internet

Wir brauchen Regeln, damit Regierungen und das Internet den Menschen dienen und nicht umgekehrt, fordert die US-Journalistin und Aktivistin Rebecca MacKinnon in einem wissenswerten Video-Vortrag für das Non-Profit-Projekt TED. In einer Zeit, in der das Internet ein Mittler zwischen Regierenden und Bürgern ist, müssten nicht nur Staatsoberhäupter, sondern auch Unternehmen, die großen Einfluss auf das Netz nehmen können, den Bürgern gegenüber eine Rechenschaftspflicht haben. Die US-Journalistin fordert eine Magna Charta für das Internet, um beispielsweise unrechtmäßige Internetzensur durch Großkonzerne zu verhindern.

Kommentar verfassen