Digitale Presseschau – KW 23

Bei unseren Top-Links der Woche geht ein Beitrag als Sieger hervor, der sich mit dem syrischen Aufstand gegen das Regime und der fehlenden Vernetzung der Bevölkerung befasst. Weitere Themen: UN vs. EU bei Internetfreiheit, Netz-Diktatur vs. Netz-Anarchismus, digitale Aufrüstung in Estland und Open Access an europäischen Spitzen-Universitäten.

Fehlende Vernetzung in Syrien?

Das syrische Volk nutze im Zuge des Aufstandes gegen das Regime in Damaskus zwar Twitter, Facebook & Co., sei aber gesellschaftlich kaum vernetzt. Das meint Madeleine Donati beim Medienblog Telepolis. Unterschiedliche Facebookseiten zur Volkserhebung machten die ethnische und konfessionelle Komplexität des Landes deutlich. So gebe es einen vielstimmigen Chor an Revoluzzern, und jeder koche sein eigenes Süppchen! Einer Gesellschaft, die 48 Jahre lang dazu erzogen wurde, nicht miteinander zu sprechen, sei eine Diskussionskultur eben noch neu.

Freie Meinungsäußerung im Netz

Könnten die beiden größten transnationalen Institutionen, die UN und die EU, bald in einen komplexen, ideologischen Kampf um das Recht der Menschen auf digitale Meinungsäußerung verfallen? Dieser Frage geht John Hendel im US-amerikanischen Online-Magazin The Atlantic nach. Dabei nimmt er Bezug auf den am vergangenen Freitag veröffentlichten und von politik-digital.de zusammengefassten UN-Bericht über die Förderung und den Schutz der Meinungs- und Redefreiheit im Internet. Die dem Bericht zugrunde liegende Vorstellung von freier Meinungsäußerung lasse sich kaum mit europäischen Sensibilitäten im Hinblick auf die Privatsphäre zusammenbringen. Das wachsende Recht, im Netz vergessen zu werden, ließe sich kaum mit der UN-Botschaft in Einklang bringen.

Offline-Strafrecht auch online?

Zwischen den vermeintlichen Extremen der Absicht zur Internet-Regulierung auf der einen und der totalen Freiheit im Internet auf der anderen Seite versucht der Journalist Yascha Mounk im Debattenmagazin The European einen Mittelweg aufzuzeigen. Was offline unter Strafe stehe, solle dies auch online tun – unter gleichzeitiger Wahrung der Schutzrechte des freiheitlich-demokratischen Staats für die Bürger. So auch beim Urheberrecht: Raubkopierern sollten die gleichen Strafen blühen wie Ladendieben. Fraglich bleibt, ob diese von ihm selbst eingestandene naive und verkürzte Herangehensweise an derlei rechtliche Materie zielführend ist.

Prinzipien für digitale Welt (Deutsche Übersetzung)

Jeder Internet-Nutzer hinterlässt auf die eine oder andere Art Spuren im Netz. Das entspricht häufig auch einer gewissen Notwendigkeit, um sich gegenseitig zu vernetzen und miteinander zu kommunizieren. Beispielsweise, wenn wir dies über soziale Netzwerke wie Google oder Facebook tun. Der US-amerikanische Journalismus-Professor Jeff Jarvis meint in seinem Beitrag für das Technologie-Magazin IEEE Spectrum, dass diese Internetdienste genauso wie er selbst an eine offene Gesellschaft glaubten und dass wir am Beginn einer Ära der Offenheit stünden. Zugleich müsse es jedoch bestimmte Prinzipien für diese neue Welt geben, auf die Bürger sich berufen könnten, wenn Staaten oder Unternehmen das Netz zensieren oder kontrollieren wollten. Jarvis erstellte dazu den Entwurf eines Manifests, das den Anfangspunkt einer weiterführenden Debatte bilden soll und hat es damit auf den vierten Platz unserer wöchentlichen Link-Rangliste geschafft.

Digitale Aufrüstung

Dass Estland als Vorreiter für die digitale Vernetzung gilt, ist kein Geheimnis. Davon hatte auch politik-digital.de zuletzt im Zusammenhang mit dem dortigen E-Voting berichtet. Zugleich ist das Land aber auch besonders anfällig für Cyber-Attacken, wie im Jahr 2007 geschehen, als es Hackern per DDoS-Attacke gelang, Server der estnischen Regierung sowie von Banken, Medien und Unternehmen über längere Zeit lahmzulegen. Auf Platz fünf unserer Linkfavoriten der Woche steht ein Audio-Beitrag bei DRadio Wissen von Birgit Johannsmeier, die berichtet, dass die Esten aus dieser Erfahrung heraus eine Freiwilligen-Armee aus IT-Experten zur Cyber-Abwehr ins Leben riefen, um für die Zukunft besser gewappnet zu sein. Es gebe gar Überlegungen zur Einführung einer Cyber-Wehrpflicht in dem baltischen Staat.

Open Access an europäischen Spitzen-Unis

Der freie Zugang zu wissenschaftlicher Literatur im Netz, sprich: Open Access, steht jetzt auch ganz oben auf der Agenda europäischer Spitzenuniversitäten. Hans-Jochen Schiewer berichtet auf faz.net, dass diese der Öffentlichkeit in Kürze ein gemeinsames Strategiepapier (LERU Roadmap Towards Open Access) zum Thema Open Access vorstellen wollen. Der Rektor der Freiburger Universität setzt sich des weiteren mit dem Einsatz von Open Access im wissenschaftlichen Betrieb auseinander und leitet daraus notwendige Forderungen ab. Dazu gehört für ihn der Betrieb digitaler Bibliotheken in den Unis, in denen Forschungsergebnisse nach Qualitätsprüfung frei verfügbar gemacht werden. Open Access sei der richtige Weg zu einem ernsthaft offenen Zugang zu Wissen und wissenschaftlicher Erkenntnis.

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