Offener Brief an Google – Kritik an Pseudonymverbot

In einem heute veröffentlichten offenen Brief an Europas Google-Chef Philip Schindler prangern führende Vertreter aus der Netzgemeinschaft und Fachpolitiker verschiedener Parteien die  Unternehmenspolitik des Internetriesens an.

Konkret geht es in dem offenen Brief um die Nutzungsbestimmungen des neuen sozialen Netzwerks Google+. Die "Common name policy" des Netzwerkes erlaubt ausschließlich Profile, die unter einem offiziell gültigen Namen erstellt werden. Damit entfällt die Möglichkeit, Künstlernamen oder Pseudonyme zu verwenden. Google begründet diesen Schritt mit der Etablierung eines gehobenen Kommunikationsniveaus, welches Google+ von Konkurrenten wie Facebook abgrenzen soll.

Die Autoren des Briefes mahnen hingegen an, dass auch echt wirkende "Fakeprofile" erstellt werden könnten. Zudem würde Google mit dieser Politik die Vorschriften des deutschen Telemediengesetzes missachten. Dieses entkoppelt die Nutzung von Telemedien, zu denen auch soziale Netzwerke zählen, von der Verwendung eines echten Namens und schreibt den Betreibern explizit vor, auch Profile mit Pseudonymen zuzulassen. Die Implementierung des Gesetzes sei nicht nur rechtlich vorgeschrieben, sondern auch mit guten Argumenten begründbar. So könne die Verwendung von Pseudonymen vor allem zum Schutz von Minderheiten und politisch Andersdenkenden beitragen. Ein anonymes Profil ermögliche die Artikulierung der freien Meinung ohne Rücksicht auf etwaige berufliche oder persönliche Nachteile und schütze vor allem User in totalitären Staaten vor staatlicher Repression. Außerdem könne die mit der Anonymität von Benutzerprofilen einhergehende Missbrauchsgefahr beispielsweise durch Meldeverfahren kontrolliert werden. Warum das Unternehmen dennoch die Nutzung von Pseudonymen nicht zulassen will, "kann nur Google selbst beantworten", gibt der netzpolitische Aktivist und Mitunterzeichner Markus Beckedahl gegenüber politik-digital.de zu bedenken. Es gehe "wohl eher um den Aufbau eines Identitätsmanagementsystems", dessen Fernziel eine Art "elektronischer Personalausweis" sei. Dies würde jedoch "insbesondere Menschen in diktatorischen Regimen gefährden". 

Die Unterzeichner des offenen Briefes fordern Google daher zu einer öffentlichen Stellungnahme auf und laden zu Gesprächen ein. Mit dieser "konzertierten Aktion verschiedener Vertreter der Netzgemeinschaft soll der öffentliche Druck auf Google erhöht und das Unternehmen zur Umsetzung der Bestimmungen des Telemediengesetzes angehalten werden", erläutert Beckedahl. Inwiefern der öffentlich erzeugte Druck zu Änderungen an der Unternehmensstrategie führt, liegt nun in Googles Hand.

Eine Antwort auf Offener Brief an Google – Kritik an Pseudonymverbot

  1. Browsersim sagt:

    ich hätte gar nicht gedacht, dass das Telemediengesetz so weit denkt und die Zulassung von Pseudonymen vorschreibt. Finde ich zwar gut, andererseits ist es aber auch ein Eingriff in die Souveränität der Seitenbetreiber, was ich in Anbetracht der vielfältigen Konkurrenz nicht so prall finde.

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