Zwischen Online-Chat und Y2K

Wie schon in den Jahren zuvor wurden die politischen Online-Nutzerinnen und -Nutzer auch anno
1999 Zeuge interessanter Entwicklungen im dynamischen Datenraum. Neben dem sprunghaften Anstieg
der Politikerdomains oder einigen überraschend lebhaften Online-Wahlkämpfen auf Landesebene,
gab es auch den ersten ernsthaften Fall von "Domain-Grabbing" zu beobachten.
Als unbestrittene Nummer Eins der politischen Online-Landschaft können jedoch die zahlreichen
Chat-Veranstaltungen mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern aller Couleur gelten.
Darüber hinaus fällt die Medienwirksamkeit von "Realkontakten" mit Elementen aus dem Bereich der
Neuen Medien auf: Politikerinnen und Politiker suchen immer häufiger die "körperliche" Nähe der
Hardware.

In einer Kette von Symbolen und Ritualen stellen Mausklick und Tastaturgeklapper – oder eben auch
nur die Nähe zum Computer – ein aktuelles Bindeglied dar. Die Reduzierung komplexer
"grosstechnischer" Zusammenhänge auf minimale körperliche Handlungen wie einen Knopfdruck, das
Zerschneiden eines Absperrbandes oder den ersten Spatenstich samt Grundsteinlegung symbolisiert
seit langem die Unterstützung und Mithilfe politischer Amtsinhaber.
Auf den stürmischen Wogen des Datenozeans fügt sich die Kombination aus Mensch und Rechenmaschine
zu einer doppelten Inszenierung: einerseits stützt das Hardware-Ensemble die Y2K-Tauglichkeit
der politischen Probanden, auf der anderen Seite aber trägt diese Konstellation auch zur
"Verwirklichung" des hochgradig abstrakten Kommunikationsnetzwerkes bei.

Das prominenteste Beispiel dafür lieferte im vergangenen Jahr nicht etwa die deutsche
Polit-Prominenz, sondern US-Präsident Bill Clinton. Am 8. November sass er scheu vor einem
Notebook und beantwortete die Fragen der Onliner mündlich – seine Chat-Beiträge wurden
eingetippt. Verfolgt wurde das Medienspektakel vom weitgehend studentischen Publikum der
George-Washington-University. Der Online-Chat als Offline-Theater.

Aufgrund einer für viele unerwarteten Popularität der politischen Online-Chats lohnt ein genauerer
Blick auf dieses Kommunikationsformat. Es haben sich inzwischen drei wesentliche
Veranstaltungsorte herauskristallisiert: es gibt das "Heimspiel" auf der eigenen Homepage oder
den Seiten der eigenen Partei, ausserdem ist der Auftritt bei "staatlichen" Online-Präsenzen wie
z.B. dem Deutschen Bundestag möglich. Eine dritte Möglichkeit ist der Chat-Auftritt bei
einem Drittanbieter, zumeist in Gestalt von Medien, Online-Diensten oder inhaltlich spezialisierten
Web-Sites wie politik-digital.

In den USA hat gerade diese letzte Variante schon beträchtliche Dimensionen angenommen: der
Clinton-Chat war als regelrechte Massenveranstaltung konzipiert. Der Präsident trat auf der
Website von excite@home an – auf den ersten Blick ein mutiges Auswärtsspiel auf den Seiten eines
grossen Web-Portals. Bei näherem Hinsehen konnte man jedoch feststellen, dass mit dem Democratic
Leadership Council
eine dem Präsidenten politisch sehr nahestehende Organisation als Mitveranstalter
fungierte.

Warum aber dieser Gang zum externen Veranstalter? In den USA sind Online-Chats mit prominenten
Gästen mittlerweile zu derart grossen Publikumsereignissen geworden, dass nur wenige Anbieter
überhaupt einen reibungslosen technischen Ablauf gewährleisten können. Ein paar Zahlen: mit
234.000 Gästen versammelte sich die "record crowd" der letzten Monate bei einem AOL-Chat. Wer
war der Stargast? Pop-Sternchen Britney Spears. Für
den Präsidenten-Chat gab es aus technischen Sicherheitsgründen ein Limit, maximal waren 50.000
Teilnehmer zugelassen. Damit liegt Clinton in der Grössenordnung von Michael Jackson oder Rod
Stewart. Zum Vergleich: Politiker-Chats in Deutschland gelten als erfolgreich, wenn mehrere
hundert Gäste im Chat-Room vorbeischauen.

Das eigentlich interessante an dieser Zahlenhuberei ist aber die Tatsache, dass es nur wenige
"Arenen" gibt, in denen das Online-Spektakel stattfinden kann. Hier fühlt man sich an die
Ausbildung grosser "Bühnen-Standorte" erinnert. Und ganz offensichtlich treten die Betriebsbühnen
der grossen Medienkonzerne im Online-Zeitalter an die Stelle von Madison Square Garden, Festhalle
oder Wembley-Stadion.
Bill Clinton war viel daran gelegen, seinen Online-Auftritt mit der Aura des "Geschichtemachenden"
zu umgeben: "Wie die Kamingespräche von Franklin D. Roosevelt oder John F. Kennedy´s Pressekonferenzen,
nutzt dieses präsidentielle "Town Hall Meeting" im Internet die allerneueste Technologie für die
altmodische Kommunikation zwischen dem amerikanischem Volk und ihrem Präsidenten."

Ganz ähnlich klangen vor etwas mehr als einem Jahr auch die Worte von Helmut Kohl: "Die Zukunft
liegt im Internet" – mit seiner holprigen Online-Performance sicherte er sich den inoffiziellen
Titel des ersten chattenden Bundeskanzlers.
In beiden Fällen spielten die Inhalte der Online-Plaudereien eine untergeordnete Rolle. War man
bei Kohl schon froh, überhaupt eine Antwort zu bekommen – der CDU-Server war völlig überlastet und
der Kanzler kam eine halbe Stunde zu spät – so murrte das fachkundige amerikanische Publikum ob
des "Kleinkrams über Gesundheitsvorsorge, Kontrolle von Waffenbesitz und andere Fragen, die Clinton
schon so häufig beantwortet hat."

Die wahre Bedeutung des Politiker-Kontakts mit der Datenwelt liegt zurzeit in der "Domestizierung" eines
für viele komplexen, undurchsichtigen und nicht zuletzt gefährlichen Mediums. Wenn sich die Politiker
an die Tastatur trauen und so das Internet auf zwar eigentümlliche aber doch wirksame Weise
entzaubern, leisten sie ihren eigenen Beitrag zur Vernetzung der Gesellschaft. So spiegelt das
aktuelle Gesicht der Chats nichts anderes wider, als die noch immer unklare Rolle der digitalen Medienwelt
für die Gesellschaft.

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