Zwischen Freiheit und Politik

"De Digitale Stad" Amsterdam wird erwachsen – Geert Lovink stellt sie vor

Über die neuen Medien wird viel
geredet und geschrieben. Meistens geht es ums Geschäft. Nutzer sind
Konsumenten und man verspricht ihnen das Blaue vom Himmel herunter.
Eine Art geheiligte, mythische Aura wird um die »online-Menschheit«
gezogen, und wenn wir den Cyber-Ideologen glauben dürfen, sind ihre
Vertreter so etwas wie Halbgötter.

Die Amsterdamer Digitale Stad (DDS, "De Digitale Stad")
wurde innerhalb weniger Tage nach ihrem Start im Januar 1994 in
geradezu metaphysische Proportionen hochgelobt. Es ist allerdings
unbestreitbar, daß sie in den Niederlanden als eine Art Katalysator
funktioniert hat. Für viele stellte die Digitale Stad – direkt oder
indirekt – den ersten Kontakt mit dem Internet dar. Sie wurde schnell
auch zu einem Symbol für die »Public domain«, den kostenfreien
öffentlichen Raum des Cyberspace. Obwohl sie die Kluft zwischen
Politikern und Bürgern nicht zu überbrücken vermochte – was eines ihrer
wichtigsten erklärten Ziele und der Grund dafür war, daß die Regierung
Geld in das Experiment steckte – spielte sie eine zentrale Rolle in der
Debatte über die »Informationsgesellschaft«.
In kürzester Zeit entwickelte sich das Projekt zu Europas größtem und
berühmtestem öffentlichen Computernetzwerk, oder »Freenet«, wie die
Amerikaner es nennen würden. In der Praxis bedeutet dies Unmengen von
Telefonleitungen, eine freie E-Mail-Adresse für jeden Nutzer,
Speicherplatz für die eigene Homepage, massenhaft Gelegenheit, Kontakte
zu knüpfen und Information zu sammeln oder zu verteilen, und, vor
allem, die Freiheit, unbehelligt zu bleiben von Zensur und Überwachung.

Im Juni 1998 verzeichnete die
Digitale Stad über 79000 »Einwohner«, d. h. registrierte Nutzer, und
viele weitere Besucher (oder »Touristen«). Es ist traurig, daß es im
Gegensatz zu den meisten anderen kommunalen Internet- und Webprojekten
in Europa an der notwendigen Nutzerschaft fehlt, und daß sie
infolgedessen ziemlich inhaltsleer und in der Tat virtuell geblieben
sind – zum Beispiel die unlängst eingestellte Internationale Stadt
Berlin, die der Digitalen Stad direkt nachempfunden war, sich aber
zunehmend zu einem Dienstleistungsunternehmen für Inhalte und Software
entwickelte.
Der Digitalen Stad hingegen ist es gelungen, eine vielfältige und
lebendige Netzkultur zu entfachen. Das System ist mittlerweile so groß
und kompliziert, daß kaum jemand – am wenigsten das Management – noch
die Übersicht hat. Nach Ansicht von uns Betreibern ist der primäre
Grund für den Erfolg der Digitalen Stad die Freiheit, die ihren
Benutzern von Anfang an eingeräumt wurde. Das mag trivial klingen, ist
es aber nicht, vor allem wenn man die zunehmende Kontrolle über die
Internet-Nutzung an Universitäten und in Betrieben, vor allem außerhalb
der Niederlande, in Betracht zieht.
Die Digitale Stad ist nie unter dem Deckmantel »die normalen Bürger mit
Hilfe der Informationstechnologie näher an die Politik heranzuführen«
zu einem Verlautbarungsorgan der Stadtverwaltung geworden. Sie gehört
nicht dem Behördenapparat, auch wenn viele das annehmen. Im Gegenteil,
die Digitale Stad hat seit zweieinhalb Jahren von der Stadt keine
Zuschüsse mehr erhalten. Die Stadtverwaltung ist jedoch weiterhin ihr
größter Kunde.

Die simple Tatsache, daß Politik
in unserem normalen Alltag eine eher geringe Rolle spielt, hat sich
auch im Netz niedergeschlagen. Außerdem stellte sich schnell heraus,
daß die Politiker weder willens, noch in der Lage waren, sich mit dem
neuen Medium vertraut zu machen – Bemühungen in der Anfangsphase, sie
online zu bringen und einen Kontakt zur Wählerschaft herzustellen,
erwiesen sich als Zeitverschwendung. Auch die Bürger waren mehr daran
interessiert, sich miteinander zu unterhalten, als sich in obskure
Geplänkel mit engstirnigen Politikern zu verwickeln.
Nina Meilof, die ihre Medienerfahrung beim lokalen Fernsehen sammelte,
einem weiteren Erfolgssektor der Amsterdamer Stadtkultur, wurde von der
Digitalen Stad eingestellt, um Diskussionen über lokalpolitische Themen
zu organisieren. Da gab es zum Beispiel den – inzwischen gescheiterten
– Versuch, die Stadt als einen "städtischen Bezirk" zu restrukturieren,
sowie die kontroversen Landgewinnungsmaßnahmen im Ijsselmeer und das
noch umstrittenere Projekt einer unterirdisch geführten
Nord-Süd-Eisenbahn, oder den Ausbau des Flughafens Schiphol, der die
gesamte Umweltbewegung mobilisierte.
Zur Zeit laufen Experimente mit dem Beurs TV Kabelnetz, bei denen es um
einen direkten Anschluß ans Internet geht.

Subkultur statt Mainstream
Von technischen Gesichtspunkten einmal abgesehen besteht das Hauptziel
darin, die Unbeweglichkeit der gegenwärtigen politischen Rituale zu
überwinden. Nina Meilof: »Ein entscheidender Vorteil der Digitalen Stad
ist ihr anarchischer Charakter. Es gibt eine ganze Reihe von
versteckten Nischen und Winkeln, zum Beispiel Cafés an weniger
frequentierten Plätzen. Dann schaut man in eine der privaten Homepages
und findet dort eine komplette Geschichte des betreffenden Cafés, mit
dem dortigen Insider-Jargon, einer Geburtstagsliste und einem
Gruppenfoto. Es gibt zum Beispiel eine Gruppe von Harley-Davidson-Fans,
die sich in einem bestimmten Café treffen und auch einen Newsletter
herausbringen. Solche Subkulturen sind natürlich weit interessanter als
die Mainstream-Sites, die von großen Unternehmen oder Institutionen
betrieben werden. Derartige Sites ›swingen‹ nie.« Aus diesem Grund
sucht die Digitale Stad nach einer Art Balance, in der sich diese
Subkulturen optimal entfalten können, ohne daß die politische Sphäre
völlig vernachlässigt wird.
Das funktioniert nur, solange das System unabhängig bleibt. Und das
kostet Geld, viel Geld. Die Digitale Stad hat sich mehr und mehr zu
einem Wirtschaftsunternehmen entwickelt, während gleichzeitig der
Wunsch erhalten blieb, den gemeinnützigen Charakter des Projekts
aufrechtzuerhalten. Die Strategie des Managements besteht darin, sich
vor allem um eine Reihe zahlungskräftiger Großkunden zu bemühen und
darüber hinaus Projekte an Land zu ziehen, die zum Konzept der
Digitalen Stad passen. Das geht nicht immer ohne Reibungen ab.
Es gibt drei zentrale Komponenten: Die Geschäftsführung versucht, Geld
heranzuschaffen. Eine Innovationsabteilung entwickelt neue Technologien
für Geschäftskunden. Und dann gibt es weiterhin den
Gemeinschaftsaspekt, unter dem sich die Digitale Stad als eine Art
soziales Laboratorium versteht. Doch das Bild einer »Virtuellen
Gemeinschaft«, wie es Howard Rheingold in seinem gleichnamigen Buch
beschwört, ist hier nicht wirklich angemessen. Die Digitale Stad hat
sich eher zu einem vielgesichtigen Amalgam kleiner Gemeinschaften
entwickelt, die gemeinsam das Ziel verfolgen, das System DDS als eine
»offene Stadt« am Leben zu erhalten.
Hier spielt das zentrale Interface eine Schlüsselrolle. Es ist dazu
entwickelt worden, einen Überblick über die gewaltigen
Informationsmengen zu ermöglichen. Entsprechend dem Namen des Systems
gruppiert sich das DDS-Interface um die Begriffe »Platz«,
»Gebäude/Haus« und »(Seiten-)Straße«, aber es zeigt keine Bilder oder
Simulationen des tatsächlichen Amsterdamer Stadtbildes – wie viele
vielleicht erwarten würden.
Es gibt zum Beispiel »Plätze«, die sich solchen Themen widmen wie
Umwelt, Tod, Sport, Bücher, Tourismus, soziale Aktivitäten, Regierung.
Das Interface ist nicht in der Lage, die darunterliegenden Aktivitäten
wirklich darzustellen. Diese Lücke füllen spezielle Info-Dienste und
die DDS-eigene Zeitung »De Digitale Stedeling«.

Wie hält sich ein Insider über
die aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden? Noch einmal Nina Meilof,
die auch Herausgeberin von »De Digitale Stedeling« ist: »Ich erhalte
die Zugriffsstatistiken der beliebtesten "Häuser" (d.h. Homepages). Die
schaue ich mir von Zeit zu Zeit an. Zur Zeit entsteht gerade ein ganzes
Netzwerk schwuler ›Häuser‹. Dort werden Fotografien attraktiver Männer
gezeigt. Die sind natürlich ziemlich beliebt. Das ist eigentlich alles
ganz normal: Autos, Drogen, wie man sein eigenes Gras anbaut,
Musik-Sites mit umfangreichen Archiven. Es gibt auch einen großen
Bereich, wo man Software bekommen oder austauschen kann. Einige dieser
›Warez-Häuser‹ existieren nur für zwei Tage und verschwinden dann
wieder. Und es gibt natürlich Netzwerk-Spiele, die sind ein Evergreen.
Aber dann findet man auch mal eine Homepage über einen sehr seltenen
Vogel, und es stellt sich heraus, daß das eine international berühmte
Site ist, die von Ornithologen aus der ganzen Welt besucht wird. Andere
Leute flippen über Design oder Java-Programmierung aus. Und es gibt die
Linklisten. Und die Witzeseiten darf man natürlich auch nicht
vergessen…«

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