Wo sind wir nun, Mr. Obama?

ArtikelbildObamaBerlinDie 25. Kalenderwoche kurz vor der Jahreshalbzeitpause hat es in sich – gerade erst wurde die 100-Tage-Schallmauer bis zur Bundestagswahl am 22. September durchbrochen, und nach dem G8-Gipfel zum Wochenbeginn besucht Barack Obama Berlin und hält eine Rede vor dem Brandenburger Tor. Der #prism-Skandal gibt dem ganzen eine sonderbare Note: Nach dem Hoffnungsträger und Abrüstungs-Prediger Obama kommt nun ein ganz normaler Staatschef.

Obama knüpft damit ein zeithistorisches Band zur Schöneberger Rede von John F. Kennedy und reiht sich ein in die Ahnengalerie der US-Präsidenten in der Hauptstadt.

Interessanter als die Rückblende um fünf Jahrzehnte ist jedoch die Erinnerung an den nur fünf Jahre zurück liegenden Wahlkampfauftritt Obamas aus dem Jahr 2008. Damals wurde dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten noch untersagt, das Brandenburger Tor als historischen Wahlkampf-backdrop zu nutzen – Hauptakteure des Sommertheaters waren Angela Merkel und Klaus Wowereit, für den damaligen SPD-Headliner Frank-Walter Steinmeier blieb nur eine Nebenrolle reserviert. In der deutschen Öffentlichkeit lieferte man sich ein kleines Spiegelgefecht um die – insbesondere aus der konservativen Perspektive unzulässige – Vorteilsnahme Obamas, der mit dem Auswärtsspiel seine außenpolitische Eignung unter Beweis stellen wollte. Aufgrund des Vetos der Kanzlerin wich Obama an die Siegessäule aus (im US-amerikanischen Korrespondententon gerne: „war dildo“) und legte dort eine perfekte Inszenierung auf die Rednerbühne.

Das Wahlkampfargument wird zumindest nicht offen bemüht, wenn Obama nun als US-Präsident ganz offiziell in die Hauptstadt kommt und dort an jenem Ort sprechen darf, der ihm 2008 noch verwehrt wurde. Dennoch registrieren Beobachter die Feinheiten im Berliner Politik- und Kommunikationsbetrieb, so etwa die Tatsache, dass Obama auf Einladung der Kanzlerin rede. Ein Schelm ist, wer zu sehr an den 22. September denkt. Es wäre sicher falsch, von „umgekehrten Vorzeichen“ zu sprechen, doch mutet der große Unterschied zum Gezerre von 2008 schon ein wenig seltsam an. Denn selbstverständlich machen sich Berlin-Bilder an Obamas Seite mehr als gut in den Wahlkampffilmen, die nach der Sommerpause auf Fernseh- und Computerbildschirme geladen werden.

Allerdings hat die politische Tagesordnung die Hoffnungen der Kampagnenteams auf eine Postkartenidylle zerstört: allein schon die Debatte um #prism wird die Treffen mit Barack „Yes we scan“ Obama nicht zum Spaziergang machen. Praktisch ist allerdings, dass der Präsident selbst als Kandidat schon 2008 sehr gute Textbausteine geliefert, die sich in diesem Jahr mit Gewinn als Gesprächseinstieg nutzen lassen:

That is why America cannot turn inward. That is why Europe cannot turn inward. America has no better partner than Europe. Now is the time to build new bridges across the globe as strong as the one that bound us across the Atlantic. Now is the time to join together, through constant cooperation, strong institutions, shared sacrifice, and a global commitment to progress, to meet the challenges of the 21st century.

Im Lichte der #prism-Enthüllungen klingen die Worte über das transatlantische Brückenbauen jedoch ziemlich leer, denn unter „dauerhafter Kooperation“ oder „starken Institutionen“ hatte man sich doch etwas anderes vorgestellt als ein digitales Abhörregime unter Federführung der NSA. Was anderes als ein „inward turn“ ist der Ansatz der USA, Nicht-amerikanische Online-Nutzer durch die Einrichtung eines Informationsflusses zwischen Geheimdienst und Internetkonzernen auszuspähen?

Es gäbe viele Bezugspunkte aus der Rede mit dem Titel “A World that Stands as One!“, doch dürften weder Gast noch Gastgeber ein gesteigertes Verlangen nach einer Ausbuchstabierung der vielen Ideen und Impulse haben. Die Sachzwänge des großen politischen Tagesgeschäfts verbieten es.

Allen Spannungen zum Trotz wird der Besuch ein großes Medienereignis sein, akribisch begleitet vom hauptamtlichen Personal der Berliner Republik, aber auch von den unberechenbaren Online-Nutzern, die sich unter Hashtags wie #ObamainBerlin #ObamaBesuch oder #GreetObama bereits warmlaufen. Unter den kurzen Grußbotschaften, zu deren Produktion Spiegel Online aufgerufen hat, werden sich auch einige kritische Stimmen finden lassen und auch die nächste Tumblr-Sammlung kommt bestimmt.

Insofern ist also alles angerichtet, doch es bleibt zu hoffen, dass die eigentliche Rede tatsächlich auch die Aufmerksamkeit erhält, die sie verdient – vom Publikum ebenso wie vom Präsidenten. Where are we now, Barack Obama?

 

Bilder: rob.rudloff (CC BY-NC 2.0)

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