Die Edit-Wars der Wikipedia – Teil 2

Erik Möller, freier Journalist, aktiver Wikipedianer und Mitbegründer des Projekts Wikinews, spricht mit Ada von der Decken im Interview über die Edit-Wars der Wikipedia, den Glauben an die Glaubwürdigkeit und die echte Info-Elite.

Erik Möller, freier Journalist, aktiver Wikipedianer und Mitbegründer des Projekts Wikinews, spricht mit Ada von der Decken im Interview über die Edit-Wars der Wikipedia, den Glauben an die Glaubwürdigkeit und die echte Info-Elite.

Die Wikipedia wächst monatlich um sieben Prozent. Weltweit gibt es sie in hundert Sprachen. Mehr als 400 Autoren schreiben regelmäßig für die deutsche Ausgabe, die bereits über 330.000 Artikel umfasst. Welche Möglichkeiten zur Qualitätskontrolle gibt es bei diesem Monsterprojekt?

Erik Möller: Wikipedia hat interne Regeln und Richtlinien: Fakten und Aussagen sollen möglichst viele Quellenzitate zugrunde gelegt werden. Exzellente Artikel können von anderen Wikipedianern nominiert und gewählt werden. Durch Qualitätsoffensiven ist die gesamte Wikipedia-Gemeinschaft aufgefordert, Artikel bestimmter Themenfelder zu bearbeiten. Sehr lange wird schon über ein Feature diskutiert, das dem Permanentlink ähnelt: Artikel sollen von der Wikipedia-Gemeinde geprüft werden. Unsere letzte stabile Version, bei der wir uns für die Qualität, für die sachliche Richtigkeit des Artikels verbürgen, bleibt dann als Artikel-Basis erhalten. Leider gibt es in diesem Bereich noch keine größeren Fortschritte. Es fehlt am richtigen Push dahinter. Bei solchen Fragen behält Jimmy Wales sich die Entscheidung vor. Aber in zwei bis drei Jahren werden wir das Instrument auf jeden Fall haben.

Im Zusammenhang mit Wikipedia ist ja viel von den „Edit-Wars“, die Rede. Was hat es damit auf sich?

Erik Möller: Das sind Kämpfe um die jeweils gerade gültige Version eines Artikels: Verfechter verschiedener Ideologien tragen ihren Streit nicht in einer Diskussion aus, sondern ändern bestehende Artikel in einseitige Stellungnahmen um. Das ist momentan eines der größten Probleme der Wikipedia. Wobei es nicht so dramatisch ist, wenn sich nur zwei Ideologien gegenüberstehen. Die kämpfen zwar gegeneinander, aber kommen langfristig zu einem Kompromiss. Doch je mehr Positionen und Personen hier im Spiel sind, desto langwieriger kann es werden. Allerdings: Noch viel problematischer ist es, wenn es nur eine Ideologie gibt und es gar nicht zu einem Edit-War kommt. Wenn Leute schreiben können was sie wollen, ohne dass Wikipedianer anderer Meinung den Inhalt überprüfen, ist das Neutralitätsprinzip außer Kraft.

Ein Beispiel: Die faktische Definitionsmacht der Artikel über Mormonen in der englischen Wikipedia liegt bei dieser Glaubensgemeinschaft selbst, da sich ansonsten kaum jemand dafür interessiert. Es sind nur einige Religionskritiker, die die historischen Aussagen der Mormonen in Zweifel ziehen. Das reicht aber nicht für eine relevante Gegenwehr. Entsprechend wirken diese Mormonen-Artikel als stammten sie aus ihren eigenen Werbebroschüren. Um den neutralen Standpunkt sicherzustellen, müssten Wikipedianer die Artikel gemeinsam mit der Glaubensgemeinschaft überarbeiten und eine stabile Version erstellen. Danach könnten die Mormonen den aktuellen Artikel wieder in ihre gewünschte Form bringen. Solange daneben eine geprüfte stabile Version besteht, ist das nicht schlimm.

Sie haben vor einem Jahr Wikinews initiiert. Auch da kann jeder selbst zum Autor werden – allerdings von tagesaktuellen Beiträgen. Stellt sich das Problem der Glaubwürdigkeit bei dieser Nachrichtenplattform nicht in verschärfter Form?



Erik Möller: Ich glaube nicht an Glaubwürdigkeit, sondern lege Wert auf Transparenz. Ich will wissen, warum ein Artikel so geworden ist, wie er ist. In keinem Medium bekomme ich mehr Transparenz als bei Wikinews. Für jeden Artikel sind die Bearbeitungsschritte einsehbar, auf den Diskussionsseiten kann ich die Aussagen der Autoren zuordnen. Bei Originalberichterstattungen besteht Dokumentationspflicht. Transparenz ist hundertprozentig gegeben. Beim Spiegel hingegen habe ich zum Beispiel überhaupt keine Transparenz. Wenn ich da einen Artikel lese, weiß ich nicht, ob der Autor, die Redaktion oder der Ressortleiter das so veröffentlichen wollte.

Unterwegs sein, Interviews führen, in Archiven graben, zum Telefon greifen, Termine besuchen. Die eigene Recherche – das ist doch das Herzstück des Journalismus. Kann Wikinews das leisten?

Erik Möller: Es gibt auf Wikinews das Original Reporting, wo wirklich jemand zu einer Ausstellung, zu einer Veranstaltung oder zu einer Organisation gegangen ist und anschließend einen Bericht dazu veröffentlicht. Das ist mir auch sehr wichtig, weil man Originalberichterstattung in Blogs kaum findet. Das möchte ich noch intensivieren.

Aber ohne Finanzierung ist doch kein Journalismus möglich!

Erik Möller: Ja, das ist eindeutig ein Problem der unabhängigen Medien, das gelöst werden muss. Es ist weniger die Glaubwürdigkeit als die Finanzierbarkeit des Ganzen. Ohne Geld wird man richtigen Journalismus nicht realisieren können. Man wird sich an Spendenmodellen orientieren müssen, bei denen eine große Anzahl von Menschen kleine Beträge spendet. Wenn man bedenkt, dass die Wikimedia-Stiftung bei ihrem letzten Spendenaufruf 200.000 US-Dollar in zwei Wochen gesammelt hat, ist es kein großer Schritt, ein Recherchebudget zu schaffen, um das sich aktive Wiki-Nutzer bewerben können. Aufgrund meiner Erfahrung mit der Organisation glaube ich nur, dass die Wikimedia dafür zu unbeweglich ist.

Wird Wikinews in zwanzig Jahren die Tagespresse ersetzt haben?

Erik Möller: Ob Wikinews mal eine wirklich große Sache wird? Wie gesagt – die Finanzierung muss gesichert sein. Journalismus braucht Mittel. Wenn Wikinews das nicht schafft, wird es an seiner Stelle ein kollaboratives Blog leisten, also ein Blog als Gemeinschaftswerk. Da habe ich gar keinen Zweifel. Wikinews ist ein Modell und daneben werden andere entstehen. Und dann wird es spannend, glaube ich.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Erik Möller: Ich wünsche mir, dass der Bürger in Zukunft mehr partizipiert und nicht nur konsumiert. Das ist gewissermaßen unvermeidlich, weil es mehr Websites mit den entsprechenden Möglichkeiten geben wird. Darin sehe ich viel Potential, auch für demokratische Veränderung.

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ersten Teil des Interviews mir Erik Möller.

Dies ist ein Vorabdruck aus dem neu gegründeten Netz-Magazin
WebWatching, das Studierende des Hamburger Instituts für Journalistik und Kommunikationswissenschaft entwickelt haben. WebWatching wird ab dem 1.02.06 abrufbar sein.

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