Wir wählen das netzpolitische Wort des Jahres 2012!


Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat es getan. Wir tun es auch. Nur ein wenig anders, deutlich digitaler und viel partizipativer: politik-digital.de wählt das netzpolitische Wort des Jahres 2012. Auf der Suche nach geeigneten Worten haben wir in den vergangenen Tagen in der Redaktion gegrübelt, uns die Haare gerauft, heiß diskutiert und uns schließlich die Meinung einiger Kollegen eingeholt. Am Ende konnten wir fünf Begriffe identifizieren, die wir prägend für das Jahr 2012 halten. Fünf Paten stellen ihren Wort-Kandidaten in kurzen Plädoyers vor. Und nachdem Sie, liebe Leserinnen und Leser, abgestimmt haben, werden wir das Gewinnerwort Anfang 2013 offiziell küren.

Welcher Begriff wird das netzpolitische Wort des Jahres 2012? Wählen Sie ihren Liebling und stimmen Sie bis 7. Januar 2013 ab!

Dr. Leonard Novy: Microtargeting wird auch 2013 eine Rolle spielen

Das netzpolitische Wort des Jahres ist scheinbar keines. Die diesjährige US-Wahl, in Folge derer “Microtargeting” plötzlich zum Lieblingsthema von Politikjunkies auf beiden Seiten des Atlantiks avancierte, jedenfalls war weniger von spektakulären Innovationen im Netz geprägt. Entscheidend war, was hinter den Kulissen lief: eine perfekt geplante Wählermobilisierung durch die Obama-Kampagne, die ihre beispiellose Effizienz letztlich auch der Nutzung des Netzes verdankte. Bildung, Beruf, Einkommen, Hobbies, Konsumverhalten – Unmengen von Daten wurden gesammelt und ausgewertet, um potentielle Wähler insbesondere in den Swing States direkt und mit personalisierten Botschaften anzusprechen – online wie offline. Obwohl die Rahmenbedingungen ganz andere sind, wird Microtargeting auch beim Bundestagswahlkampf  2013 eine größere Rolle spielen, geht es doch angesichts zunehmender Volatilität des Wählerverhaltens auch für deutsche Parteien zusehends darum, Unentschiedene für sich zu gewinnen und die eigenen Anhänger zu mobilisieren. Von den dafür erforderlichen Informationen sind auf dem Markt mehr verfügbar, als dem ein oder anderen lieb sein dürfte – Datenschutz hin oder her.

Dr. Leonard Novy (Jhrg. 1977) ist Direktor am Institut für Medien- und Kommunikationspolitik, Berlin, und Herausgeber des Mehrautorenblogs carta.info.

 

Prof. Dr. Christoph Bieber: Liquid gleich mehrfach relevant

“Liquid” ist für mich das netzpolitische Wort des Jahres, weil es gleich in drei Perspektiven relevant ist. Als abstraktes Konzept der “Liquid Democracy” beschreibt es die Verflüssigung unterschiedlicher demokratietheoretischer Ansätze durch Online-Kommunikation, bei der Elemente aus repräsentativer, direkter und deliberativer Demokratie zusammengeführt werden. In der Software-Lösung “Liquid Feedback” steht es für die flexible Rückkopplung innerhalb begrenzter Nutzergruppen, die damit neue Wege zur Entscheidungsvorbereitung und –findung im Praxisversuch testen. Und schließlich beschreibt die Politikwissenschaft damit eine zentrale Eigenschaft des deutschen Parteiensystems. So ist spätestens seit der Wahl 2009 die Rede vom “liquiden Fünfparteiensystem”, in dem die Rangfolge der Parteien variabel geworden ist und sich die Parteien ihrer Position nicht mehr sicher sein können. Das Aufkommen der Piratenpartei betont dieses Charaktermerkmal zusätzlich – inzwischen scheinen Sechs-Fraktionen-Parlamente ebenso in Reichweite wie unterschiedliche Konstellationen mit fünf Fraktionen. Dadurch wächst die Unsicherheit der Parteien über ihren parlamentarischen Status und insofern erhält der Begriff der “Liquidität” des Parteiensystems eine neue Qualität.

Prof. Dr. Christoph Bieber ist Politikwissenschaftler am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Seit Mai 2011 hat er dort die Welker-Stiftungsprofessur für Ethik in Politikmanagement und Gesellschaft an der NRW School of Governance übernommen. Er ist seit der Gründung Mitglied im Vorstand von pol-di.net e.V.

 

Wolf-Christian Ulrich: Früher kamen die Beleidigungen per Post – heute kommt der Tweet. Fröhlich nominiere ich die Netiquette!

Foto Wolf-Christian UlrichNeulich war eine junge Piratin in meiner Sendung zu Gast – die sich für ein wirklich gutes Thema engagiert: Menschen mit Behinderung bessere Möglichkeiten zu geben, an unserer Gesellschaft teilzuhaben. Sie ist gehörlos. Für ihren Auftritt gab es Tweets, in denen sich die Verfasser über ihre Behinderung lustig gemacht hatten. Das war wirklich extrem beknackt.

Wer sich öffentlich äußert, muss mit Beleidigungen leben. Früher kamen die per Post – heute kommt der Tweet. Oder die Kommentare auf YouTube (das sind die schlimmsten). Es tippt sich halt leicht dahin. Das ist schade, weil das Netz eigentlich die Chance bietet für einen besseren Diskurs als auf der Straße, wo man sich gemeinhin wegen der Vorfahrt anschnauzt.

Ich habe das Glück, in diesem Jahr 98% tolle oder freundliche oder witzige Nachrichten in digitaler Form erhalten zuhaben; darunter auch konstruktive Kritik, für die ich dankbar bin. Ich glaube, dass uns das weiterbringt. Deshalb nominiere ich fröhlich und in good spirits die Netiquette zum Onlinewort des Jahres!

Wolf-Christian Ulrich moderiert den crossmedialen Polit-Talk ZDF log in. Auf ZDFinfo präsentiert er darüber hinaus weitere gesellschaftspolitische Formate wie die Reportage-Reihe Ulrich protestiert oder den pop-politischen Talk Verstärker! Er lebt in Berlin.

 

Matthias Spielkamp: Das Leistungsschutzrecht ist die Steinkohlesubvention des 21. Jahrhunderts

Das Leistungsschutzrecht für Presseverleger: Springer will es, Burda will es, der Bundesverband deutscher Zeitungsverleger und der Verband deutscher Zeitschriftenverleger wollen es auch. Das ist offenbar genug, damit es auch das Kanzleramt will. Nicht einführen wollen es: jeder unabhängige Urheberrechtsjurist dieser Republik, vertreten (wenn man so will) durch 16 der bekanntesten Akademiker unter Führung des Max-Planck-Instituts für Immaterialgüterrecht und die deutsche Vereinigung für gewerblichen Rechtsschutz und Urheberrecht, der Bundesverband Deutscher Industrie, der Bundesverband Digitale Wirtschaft, der Verband der deutschen Internetwirtschaft (eco), der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITKOM) und (mindestens) 20 weitere Verbände, Freischreiber – der Zusammenschluss freier Journalisten und die Gesamtheit dessen, was man hierzulande die Netzgemeinde oder Internet-Community nennt. Ach ja: Das Bundesjustizministerium will es auch nicht. Das darf dort nur niemand offen sagen. Denn es ist ein verkorkster Gesetzesvorschlag, der einer noch verkorksteren Idee entsprungen ist. An ihm wird kein Generationenkonflikt deutlich, wie es mancher behauptet. Sondern es wird daran deutlich, wie fest die Presseverlage die CDU im Griff haben und wie wenig der Union an einer Politik gelegen ist, die in die Zukunft schaut, statt die Gegenwart zu betonieren. Das Leistungsschutzrecht (das besser Leistungsschutzgeld heißen sollte) ist die Steinkohlesubvention des 21. Jahrhunderts. Das allein sollte genug sein, es zum netzpolitischen (Un)Wort des Jahres 2012 zu küren.

Matthias Spielkamp arbeitet als Journalist, Referent und Berater in Berlin. Er ist Partner beim iRightsLab sowie Gründungsmitglied und Projektleiter von iRights.info. Als Dozent für Urheberrecht und Journalismus Online sowie Redaktions- und Management-Coach arbeitet er u.a. für die ARD-ZDF-Medienakademie und die DW-Akademie. Er ist Autor mehrerer Bücher und Vorstandsmitglied bei Reporter ohne Grenzen.

 

Dirk von Gehlen: Im Gemeinsamen steckt der Wert der #Crowd, nicht in der Masse

Der Begriff der Crowd ist eigentlich irreführend. Er beschreibt eine gesichtslose Masse, die in der Verwendung als Verb im Englischen sogar einen bedrängenden Aspekt in sich trägt. Die Form der Finanzierung der Vielen, die mit dem Begriff des Crowdfunding beschrieben wird, zeichnet sich aber eben dadurch aus, dass es keine gesichtslose Masse ist, sondern eine Verbindung vieler Einzelner, die etwas verbindet: das Interesse an einem Produkt, die Begeisterung für einen Künstler oder ganz einfach der Wille, jetzt gemeinsam etwas zu schaffen. Denn im Gemeinsamen steckt der Wert der Crowd, nicht in der Masse. Die erfolgreichen Ansätze des im späten 2012 etwas überhypten Crowdfundings, gründen genau darauf: gemeinsam etwas zu schaffen, was alleine nicht gelingen würde. Dieser Ansatz verdient Anerkennung – über das Jahr 2012 hinaus.

Dirk von Gehlen leitet bei der Süddeutschen Zeitung die Abteilung “Social Media/Innovation”, zu der auch das junge Magazin jetzt.de zählt. Der Diplom-Journalist finanzierte im Winter 2012 sein Buchexperiment “Eine neue Version ist verfügbar” mit Hilfe seiner Leser auf der Plattform startnext. Rund 14.000 Euro kamen für das Buch zusammen, das als Nachfolger seines Suhrkamp-Titel “Mashup – Lob der Kopie” die These aufstellt: Die Digitalisierung macht Kultur zu Software.

 

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3 Antworten auf Wir wählen das netzpolitische Wort des Jahres 2012!

  1. opalkatze sagt:

    - und ihr konntet vermutlich keine Frau finden, die einen Vorschlag hatte?

  2. Christian Marx sagt:

    Hallo “opalkatze”,
    Sie haben recht. Obwohl ich mit der Auswahl unserer Wort-Paten sehr glücklich bin, wäre eine Frauenstimme in der Reihe prima gewesen.
    Grundsätzlich sind wir bei der Suche nach Gastbeiträgen immer bemüht, Männer und Frauen gleichermaßen anzufragen. In der Regel führt das auch dazu, dass wir am Ende verschiedene Stimmen und Perspektiven abbilden können. Deshalb bin ich mir sehr sicher, dass wir bei unserer nächsten Themenreihe -wie gehabt- auch wieder Zusagen von Frauen und Männern haben werden!
    Viele Grüße aus der Redaktion, cm

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