Wer wird Internet-Direktor für Europa?


ICANN startet die ersten weltweiten Internet-Wahlen. Die Registrierung zum Online-Voting läuft bereits auf
Hochtouren -allein, es fehlen noch die Kandidaten, die künftig über die Ordnung im Web Konsens stiften sollen


www.democratic-internet.de. Das Anforderungsprofil klingt fulminant: "Unabhängig soll er sein", natürlich
"hochqualifiziert", "frei von Unternehmensinteressen"; "Sachkunde, Unabhängigkeit und Gespür für die Anliegen
der "kleinen Nutzer" zeichnen ihn aus und ganz klar "muss er Deutschland in europäischer Dimension
überzeugend vertreten können". Gesucht wird nicht der zukünftige Staatspräsident für Europa, sondern der
europäische Idealkandidat für ICANN, einer Non-Profit-Organisation, die künftig -einer Cyber-Regierung gleich-
die Rahmenbedingungen für die weltweite Vergabe von Domains regeln wird und damit automatisch zu einer
Schlüsselinstitution in der neuen digitalen Informationswelt wird.

Der Lohn für diesen Tobjob sieht dagegen eher karg aus: So ist die prestigeträchtige Position des
ICANN-Direktors unbezahlt. Nur die Reisekosten werden von der Organisation erstattet. Großer Einfluss
steht einem täglichen diplomatischen Nervenkrieg mit diversen Internet-Organisationen und Regierungen
gegenüber, denn ICANN ist zwar mit weltweitem Mandat in digitaler Mission unterwegs, ist aber mit knapp
4,8 Millionen Dollar Jahresbudget und knapp 10 Mitarbeitern im kalifornischen Hauptquartier eher davidsstark
im Kampf gegen die Goliaths-Regierungen in den USA und Europa.

Ob Internet-Freak, Medienpolitiker oder Netz-Professor, welche Sorte von Internet-Experte diese wichtige
Position besetzen könnte und sollte, war hinter den Kulissen der Konferenz ""Internet Governance" der
Bertelsmann Stiftung das heißdiskutierteste Tagungsthema. Denn fest steht schon heute, beste Chancen
für den europäischen Direktorenposten bei ICANN hat ein Kandidat aus Deutschland. Der Grund: Bei der
Wahl der "At large Memebership", zu der alle ca. 300 Millionen Internet-Nutzer aufgerufen sind, ist die
Resonanz der deutschen Online-Community besonders groß So stammen von den 20.000 registrierten
Online-Wählern aktuell 7965 aus den USA und 4738 aus Deutschland. In anderen europäischen Ländern
wie Frankreich und England haben sich dagegen erst wenige hundert User zur ersten globalen Online-Wahl
registrieren lassen. Dieser Trend wird nach Expertenmeinung anhalten,weil gerade hier eine Allianz aus u.a.
www.politik-digital.de; www.heise.de; www. sueddeutsche.de, und www.spiegel.de intensiv für die Initiative
"I can -eLection 2000" online trommelt.

Doch auch beim ersten Experiment für globales Regieren gelten die gleichen Spielregeln wie in der traditionellen
Politik-Welt: Eine Kandidat ohne ausreichende Finanzmittel und einflussreiche Unterstützer ist chancenlos. Die
Hürden dafür hat ICANN bereits selber mit einem heftig kritisieren Nominierungsmodus hoch gestellt. Denn
Kandidaten die nicht vom ICANN- Nominierungskomitee benannt werden, bleibt nur die Möglichkeit sich per
Online-Petition selber zu nominieren. Voraussetzung für den Erfolg jedoch: Der "Möchtegern-Kandidat" muß
zehn Prozent des gesamten Internetwahlvolkes seiner Region hinter sich versammeln muss, um auf der
Wahlwebsite zu erscheinen – ein grand-prix-gleiches Unterfangen.

"Eine Professionalisierung der Lobby" ist deshalb nach Meinung von Jeanette Hofmann Vertreterin des
Wissenschaftszentrums Berlin, die drohende Konsequenz: Es wird keinen industriefernen und bürgernahen
deutschen ICANN-Kandidaten geben. "Man muß schon einen der großen Media-Player im Rücken haben,
um den Wahlkampf und die Arbeit als ICANN-Direktor finanzieren zu können", faßte Professor Bernd Holznagel
von der Universität Münster die Kritik zusammen. Rechtsanwalt Michael Schneider, Direktor EuroISPA, wies
deutlich jegliche Illusionen über die basisdemokratische Qualität der ersten globalen Internet-Wahl zurück:
"Intensive Lobby-Arbeit interessierter Unternehmen wird den Verlauf und Ausgang der ICANN-Wahl sicherlich
verzerren. Wenn beispielsweise Herr Middelhoff als Bertelsmann-Chef allen 65.000 Bertelsmann-Mitarbeitern
eine Mail schickt und sie zur Teilnahme an der ICANN-Wahl auffordert, schließt das eine Schieflage der Wahl
nicht aus."

Über eines sind sich Telekom, Bertelsmann, Kirch & Co jedoch im Klaren: Einen Top-Manager der New
Economy wird die deutsche und europäische Netz-Community nicht akzeptieren. Als Königsmacher fühlen
sich deshalb die SPIEGEL-Online-Macher, die bislang die Mehrheit der registrierten deutschen Wähler
mobilisiert haben und zur Zeit eine erste Kandidatenumfrage durchführen, bei der auch Altbundeskanzler
Helmut Kohl als "Finanz-Experte" im Rennen ist. Von den Konferenz-Experten werden dagegen als Favoriten
die Professoren Dieter Otten von Universität Osnabrück, sowie Wolfgang Kleinwächter, Universität Aarhus,
gehandelt. Chancen werden auch dem Multi-Akteur und Medienexperten Prof. Peter Glotz eingeräumt, der
seit einigen Wochen bei Spiegel online eine eigene Kolumne betreibt und damit schon über das beste
Sprachrohr zum digitalen Wahlvolk verfügt.

"Wenn ICANN keine Topkandidaten findet, ist diese Online-Quasi-Regierung bereits in der Krise, bevor sie
überhaupt mit dem Regieren begonnen hat", kommentierte ein Konferenzteilnehmer die Kandidatensuche.
Doch dies ist nur die erste Hürde auf dem Weg in die elektronische Demokratie. Denn während der
Online-Wahlkampf hinter den Kulissen schon in vollem Gange ist, scheint der Mehrheit der Wähler die
Bedeutung dieser Wahl noch gar nicht bewusst zu sein. So bestand die größte Sorge der Gütersloher
Konferenzteilnehmer darin, dass am Wahltag im September die finale Zahl der ICANN-Wähler im Promille-Bereich
bleibt. "Die Enttäuschung danach ist praktisch vorprogrammiert", formulierte Professor Dr. Herbert Burkert,
Universität St. Gallen, lakonisch. So könnte die erste Internet-Wahl zum digitalen Desaster werden: Es wird
online gewählt, aber keiner klickt hin.

Dieser Artikel wurde in der aktuellen Ausgabe der Net-Business veröffentlicht.

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