“Weder links noch rechts, sondern Pirat” – Buchrezension

Totenkopf als Puzzle

Wer sind die Piraten? Woher kommen sie? Was treibt sie an und wie reagiert die restliche Parteienlandschaft? Der Berliner Parteienforscher Oskar Niedermayer hat ein Buch publiziert, das sich dem Phänomen Piratenpartei anhand politikwissenschaftlicher Analysen zu nähern versucht. Damit reiht er sich in eine kleine Liste weiterer Piraten-Buchveröffentlichungen ein.

Die meisten Rückblicke sind längst gesendet, das Jubiläum anlässlich ihres ersten Jahres  im Berliner Abgeordnetenhaus längst gefeiert, und die ersten Abgesänge auf die Piratenpartei sind bereits veröffentlicht. Da es bis zur nächsten Landtagswahl auch noch mehr als zwei Monate hin ist, kann man durchaus die Frage stellen: Wer interessiert sich aktuell für die Piratenpartei?

Interessengebiet für die Parteienforschung

Nachdem die von teils ehrfürchtigem Staunen begleiteten Erfolgsmeldungen in der Tat merklich abgeklungen sind und bei den Piraten, ihrem Bundesvorstand und den inzwischen vier Landtagsfraktionen Alltag(sstreit) eingekehrt ist, erweiterte sich im Verlauf des Jahres 2012 der hiesige Büchermarkt rund um die Partei und deren Anhängerschaft.

Neben dem von einem stattlichen Vorschuss und allerhand boulevardeskem Krawall begleiteten Erscheinen von Julia Schramms „Klick mich“, den teils skurrilen „Innenansichten“ einer politischen Akteurin, nährt sich auch die seriöse Forschung der Partei, ihrer Struktur und ihrem Selbstverständnis. Christoph Bieber und Claus Leggewie machten bereits im Frühsommer mit „Unter Piraten“ den Anfang und versammelten zahlreiche soziologische und kulturwissenschaftliche Perspektiven in ihrem Band.

Gründungsmythos, Genderfrage, Grundsatzprogramm

Was macht nun das neue beim Wiesbadener Fachverlag Springer VS erschienene Buch “Die Piratenpartei” im Einzelnen aus? Unter der Herausgeberschaft des Parteienforschers Oskar Niedermayer,  der an der Freien Universität Berlin Politische Wissenschaft lehrt, sind im vorliegenden Band Aufsätze von elf deutschen Wissenschaftlern vereinigt. Auch wenn der eine oder andere Rekurs auf Kategorien und Typologien der politikwissenschaftlichen Parteienforschung für den Laien umständlich zu lesen sein mag und anders als bei populärwissenschaftlichen Sachbüchern ein Glossar oder Stichwortregister natürlich fehlt, so sind die Abgeklärtheit und die empirisch-gesättigte Nüchternheit ein großer Gewinn. Denn die vermisst man bislang bei der Analyse einer Partei, deren Innenleben allzu gerne in Tweets, Blogposts und Mailinglisten zerrieben zu werden scheint.

Buchcover Oskar Niedermayer: Die PiratenparteiMit großer Sachlichkeit und basierend auf quantitativen wie qualitativen Erhebungen werden beispielsweise die historischen Wurzeln der Organisation (Henning Bartels), ihre bisherige parlamentarische Arbeit (Carsten Koschmieder) und die Sozialstruktur ihrer Anhängerschaft (Tobias Neumann) analysiert. In einem enorm detaillierten Beitrag geht Manuela S. Kulick zudem der Frage der Bedeutung von Geschlechterverhältnissen für die Binnen- und Außenwirkung der Partei nach und stellt fest, dass Frauen in der Piratenpartei „von Beginn an unterrepräsentiert waren“- was man in der aktuellen Debatte um die ehemalige Spitzenfrau Marina Weisband fast übersehen könnte.

Einen endgültigen Aufschluss über den Charakter der Partei kann selbstverständlich auch das nun vorliegende Buch (noch) nicht liefern. Dafür ist die Organisation zu jung und die Gesamtschau der demoskopischen Daten nicht aussagekräftig genu – wie die Wahlforscher Richard Hilmer und Stefanie Haas in ihrem Beitrag zeigen. Die Autoren können jedoch der von Piraten öffentlich gern gepflegten Attitüde der Nicht-Verortbarkeit entgegenhalten, dass „entgegen der selbstverordneten Loslösung vom Links-Rechts-Schema“ die Demoskopie zeigen könne, „dass die Piraten im Politikraum Deutschlands eher im linken und deutlich im libertären Lager zuhause sind“. Das bedeute aber nicht allzu viel, so Hilmer und Haas abschließend: „Dass sie deswegen eine parteipolitische Alternative zu den Angeboten von SPD, Grünen und Linkspartei ist“, glaube „nur eine Minderheit der Deutschen“.

Fazit

Für den politikwissenschaftlichen Laien, der das Buch eher zufällig zur Hand nimmt, mag die bereits erwähnte, mitunter streng an den Typologien der Parteienforschung orientierte Sprache zunächst befremdlich erscheinen. Es ist jedoch gerade die von Niedermayer formulierte Einleitung zu den „Erfolgsbedingungen neuer Parteien im Parteiensystem“, die dem interessierten Leser einen gewinnbringenden analytischen Leitfaden und dem knapp 260 Seiten starken Band eine Klammer gibt.

Stringenz erhält das Buch zudem durch die Perspektive der Autoren, die allesamt an deutschen Forschungseinrichtungen lehren und publizieren. Die rein nationale Perspektive ist zugleich ein kleiner Nachteil gegenüber den bei Christoph Bieber und Claus Leggewie versammelten spannenden internationalen Einblicken.

Auch wenn die Zahl der Publikationen und Forschungsperspektiven aktuell steigt, so wird nicht die Präsenz auf dem Buchmarkt, sondern der elektorale Erfolg ausschlaggebend für die Zukunft der Partei sein. Die Frage also, „ob die Piraten mit ihrem spezifischen Verständnis von Organisation und Führung den in den Denkstrukturen der ‘Politik 1.0‘ verhafteten anderen Parteien im Wettbewerb auf der Bundesebene tatsächlich Paroli bieten können“, wie es Herausgeber Niedermayer in einem abschließenden Kapitel nüchtern formuliert.

Oskar Niedermayer (Hrsg.): Die Piratenpartei, Springer VS. Erschienen am 08.09.2012. Preis: 19,95 €.

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