Und wieder ist eine politische Online-Kampagne gescheitert – aber nicht das Internet als Politikarena.
Eine kritische Würdigung des US-Internet-Wahlkampfes von Dr. Christoph Bieber.

Dean, Dean, Dean – Internet, Internet, Internet. Eine Vielzahl von Berichten über die Frühphase der “primaries” zur Kür des demokratischen Präsidentschaftskandidaten befasste sich mit der innovativen Kampagne des ehemaligen Gouverneurs Howard Dean aus Vermont, der mit einer cleveren Kombination angesagter Online-Formate offenbar spielend leicht die Konkurrenz aus der eigenen Partei an die Wand zu drücken schien. Die Eckpfeiler der – inzwischen gescheiterten – Kampagne waren eine Mischung aus zeitgemäßem Online-Journalismus und moderner “p2p”-Kommunikation. Und außerdem waren sie ein weiteres Lehrstück in der an Missverständnissen nicht gerade armen Geschichte der spannungsreichen Beziehung von Politik und Internet.

Wahlkampagnen und Daily Soaps

Deans mit bis dahin ungekanntem Aufwand produzierter ”
Blog for America” zielte auf die Erschließung der Ressource Aufmerksamkeit, die das parteipolitische Leichtgewicht zur Popularisierung auf den Bühnen der amerikanischen Öffentlichkeit nutzen konnte. Erreicht hat Dean damit nicht nur eine große Zahl lese- und schreibbegeisterter Anhänger, sondern auch die Etablierung von
Weblogs als anerkanntes Kommunikationstool für mitteilungswillige Politiker. Im Grunde tat Dean dabei nur das, was längst getan werden musste – die Gestaltung des Wahlkampfs als politisches “In-den-Tag-Hineinleben”, das Reisen von Marktplatz zu Marktplatz mit gelegentlichen Zwischenstopps in geeigneten (oder nicht-geeigneten) Talk-Shows sowie die Inszenierung der privaten als öffentliche Person eignen sich hervorragend für die Übertragung in das digitale Tagebuchformat.

Schon die Kandidatenseite von Gerhard “dranbleiben” Schröder im Jahr 2002 war im Grunde nichts anderes als ein Weblog, nur ohne die Funktionalität der heutigen Angebote – die eigens zur Wahl neu gestylten Seiten bildeten die heiße Wahlkampfphase des Schröder-Teams tagesaktuell ab und garnierten das Angebot mit kleinen Info-Häppchen. In seiner
Rezension der Kanzler-Site für politik-digital schrieb Martin Bewert im Juli 2002: “…im Zentrum steht eine Deutschlandkarte mit den Hauptwahlkampfauftritten, die sogenannte “Schröder-Deutschland-Tour”, zu der die Nutzerinnen und Nutzer multimedial eingeladen sind. Bis zur Wahlentscheidung am 22. September wird jeder der 40 Schröder-Auftritte per Videostream nachvollziehbar sein.” Natürlich funktionierte die Schröder-Site nur in der klassischen “top-down”-Variante, eine Kommentierungsoption war in der für Weblogs typischen Breite nicht vorgesehen. In der Strukturierung der Wahlkampfgestaltung als politische “Daily Soap” liegt die wohl größte Affinität von Kampagnen und Weblogs – die Abbildung des politischen Tagesgeschäfts lässt sich in kaum einem anderen Format besser darstellen als mit den Infobytes direkt aus dem Bus der Kandidaten-Entourage.

Wechsel der Kommunikationsrichtung

Der zweite digitale Meilenstein der Dean-Kampagne war die frühzeitige Nutzung der “Mitmach-Plattform”
meetup zur Organisation der gerade in den USA so wichtigen “supporters”. Als zunächst einmal inhaltsleere Infrastruktur ermöglicht meetup den “kostenlosen Service zur Organisation lokaler Treffen über alles, irgendwo”. Die “Deaniacs” erkannten als erste die Potenziale zur internet-gestützten Vervielfältigung und Verbreitung der Botschaften ihres Hoffnungsträgers, der daher im vergangenen Spätsommer den passenden Beinamen “people-powered Howard” erhielt. Der Schlüssel für das frühzeitige Durchstarten der Dean-Kampagne lag in der Einbindung netztypischer “peer-to-peer”-Kommunikation, die vom professionellen Input aus Deans Kampagnen-Team angefeuert und unterstützt wurde. Bemerkenswert war dabei vor allem der Wechsel der Kommunikationsrichtung – das Kampagnen-Team agierte in der bewährten “top-down”-Manier, überließ aber auf der lokalen Ebene den Unterstützergruppen die Regie. Entstanden sind dadurch Horte der horizontalen Kommunikation, die Rekrutierungsbilanz der Politiker liest sich beeindruckend: Dean weiß Mitte Februar 2004 mit etwa 188.000 Registrierungen bei weitem die meisten “activists” hinter sich, Platz zwei behauptet der bereits ausgeschiedene Wesley Clark, John Kerry rangiert mit mehr als 47.000 Unterstützern erst auf Rang drei – und dem amtierenden Präsidenten geben bisher wenig mehr als 3.000 registrierte Meetup-Nutzer Rückhalt im digitalen Datenraum.

Erfolgsmodell Geldsammeln

Nun darf diese Nabelschau an der Online-Front auch nicht überbewertet werden, denn schließlich verlaufen die Qualitätsgrenzen zwischen digital organisiertem Debattierklub und neumodischem “Stammtisch 2.0” fließend – doch kann die gelenkte digitale Kommunikation auch ganz reale Erfolge vorweisen: so sammelte mit Howard Dean ein Ex-Gouverneur aus der randständigen Ostküsten-Idylle Vermont bis Jahresende 2003 die mit Abstand größte Menge Spenden unter allen demokratischen Kandidaten zur Finanzierung der landesweiten Polit-Tournee – mit 41 Millionen US-Dollar sogar mehr als Fundraising-Legende Bill Clinton.

Mitverantwortlich für diesen Erfolg war die via Internet lancierte “100-Dollar-Revolution” als basisorientierte Akkumulation von Klein- und Kleinstspenden in Kontrast zu der nach umfangreichen Spendenpaketen schielenden Konkurrenz. Beim Online-Fundraising setzte Dean auf ein Mittel, das bereits im vergangenen Präsidentschaftswahlkampf für Furore gesorgt hatte. Auch vor vier Jahren lehrte ein Außenseiter die etablierte Konkurrenz im Vorwahlkampf das Fürchten – allerdings im Lager der Republikaner: Senator John McCain sammelte im Millenium-Wahlkampf als erster hohe Spendensummen via Internet und ärgerte so den späteren Präsidenten George W. Bush. Jedoch musste sich auch McCain am Ende geschlagen geben – damals wie heute ermöglichte das digitale Säbelrasseln zwar einen guten Start ins zehrende Rennen um die Kandidatur, am Ende obsiegte jedoch der politisch “gewichtigere” und stärker im Partei-Establishment verankerte Bewerber.

Zu viel eBusiness

Grund dafür könnte eine Art “Kategorienfehler” der neuen Online-Kampagnen sein – Howard Deans Online-Auftritt funktioniert in mancher Weise perfekt, nur leitet das Dean-Team keine politische Perspektive auf das Internet, sondern eine ökonomische. Die Wahlkampfmaschine “Dean Inc.” führt einen grandiosen Online-Wahlkampf, nur betreibt sie dabei nicht “e-politics”, sondern “e-business”: die Räderwerke der Online-PR laufen dank des “Blog for America” wie geschmiert, Spenden fließen dank “Online-Fundraising” ohne Unterlass und dank “Meetup” stimmt auch die “Customer Relationship”. Doch leider sind all dies Benchmark-Posten aus dem Bereich des digitalen Kommerzes und nicht aus dem Feld der digitalen Politik – dass es zwischen diesen beiden Feldern offenbar Unterschiede gibt, machen die angesichts der Vorschusslorbeeren bescheidenen Primary-Resultate Deans mehr als deutlich.

Politikarena Internet

Ist also “das Internet” doch nicht in der Lage, ein politisches Erdbeben auszulösen? Ja und nein. Wie stets bei solchen Kardinalfragen werden schnell jene Stimmen laut, die das Netz auf ein normales Maß zurecht stutzen wollen und ihm jeglichen oder zumindest größeren Einfluss auf politische Prozesse absprechen. Doch ganz so ist es nicht – nimmt man allein die Zahlen der eingeschriebenen Unterstützer einzelner Kampagnen und wertet sie als eine Art “Schnuppermitgliedschaft” im politischen Fitness-Club, so dürften den Parteistrategen hierzulande die Tränen in die Augen schießen. Auch Inhalte, Reichweite und Feedback politischer Weblogs geben angesichts einer immer trister werdenden Medienlandschaft zwischen Konzentration und Boulevard Anlass zur Hoffnung. Und schließlich sind auch die ganz manifesten Veränderungen im Beteiligungsverhalten nicht aus den Augen zu verlieren – bei den diesjährigen Primaries sind mitunter beträchtliche Mobilisierungseffekte zu beobachten und gleich in mehreren Bundesstaaten wurden Rekorde bei der Bewerberauswahl gemeldet.

Wenngleich ein Kurzschluss zwischen lebhaften Online-Kampagnen und gesteigertem Interesse an der innerparteilichen Vorauswahl vermieden werden sollte, ist der Anteil der politik-orientierten Online-Kommunikation an einer Renaissance des komplizierten Auswahlverfahrens kaum zu leugnen. Dass das Internet dabei gelegentlich nicht über die Rolle des medialen Erfüllungsgehilfen bei der Inszenierung einer politischen Daily-Soap hinaus gekommen ist, darf nicht dem Medium selbst angekreidet werden – sondern nur seinen auf einem Auge blinden Nutzern: den “dotcom-Politikern” nämlich, die sich exzellent auf politisches E-Business verstehen, das Internet als genuinen Raum für politische Aushandlungsprozesse jedoch zunehmend verstellen.

Erschienen am 18.02.2004

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