Von thailändischen Frauenfüßen und amerikanischen Moralvorstellungen

Nachdem die türkische Regierung Anfang März die Videoplattform YouTube für kurze Zeit sperren ließ, zog jetzt die thailändische Regierung nach: In der vergangenen Woche konnten thailändische Internetnutzer nicht mehr auf die YouTube-Website zugreifen. Bei jedem Versuch wurden sie automatisch auf den Internetauftritt des dortigen Informationsministeriums weitergeleitet.

Der Grund sind genau wie im türkischen Beispiel Kurzvideos, die wichtige Staatsoberhäupter verunglimpfen. Handelte es sich im ersten Fall um den türkischen Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk, konnte man im neusten Kurzfilm den thailändischen König Bhumibol Adulyadej bewundern – und zwar in einer Bildmontage, die ihn mit Frauenfüßen über seinem Kopf zeigt. Laut futurezone.at verbreitet der Streit um den Film zum größten Teil heiße Luft: Denn das Video bestehe „aus einer schlecht gemachten Slideshow mit Bhumibol-Bildern, die in einem simplen Grafikprogramm mit Glubschaugen und ähnlich Lustigem übermalt wurden.“ Für die thailändische Regierung haben aber gerade diese Bilder eine ganz andere Wirkung: In Thailand gelten Füße als schmutzigster Körperteil. Dass sie im Kurzfilm über dem Kopf des Königs auftauchen, wirkt wie eine große Beleidigung.
Die unterschiedlichen Sittenvorstellungen erschweren auch die aktuellen Gespräche um einen Moralkodex für das Web 2.0: Tim O’Reilly, Erfinder des Begriffs Web 2.0, hat Richtlinien für einen höflichen und zivilisierten Umgang im Internet aufgestellt und damit unter den us-amerikanischen Bloggern eine rege Diskussion über Meinungsfreiheit entfacht. Das Problem: Solche Regeln lassen sich meist nur auf nationaler Ebene umsetzen – international gelten ganz andere Maßstäbe: Denn welcher US-Amerikaner hätte schließlich gedacht, dass Frauenfüße über den Kopf eines Königs in Thailand höchst beleidigend wirken?
Ein türkischer Parlamentsausschuss will jetzt schon einmal vorsorgen, damit sich solche Videos nicht so leicht wiederholen können: Er stimmte einem Gesetzesvorschlag zu, der es erlaubt, den Zugang zu Webseiten zu sperren, die Staatsgründer Atatürk beleidigen.

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