Ungleicher Wahlkampf

Braucht der Online-Wahlkampf eine eigene Domain? Oder erreicht man die Bürger besser innerhalb vorhandener Parteiseiten? Die Parteien in Bayern nutzen beide Strategien.

Selten war die politische Stimmung in Bayern so klar wie in den letzten Wochen und Monaten vor der Landtags- und Bezirkswahl am 21. September. Natürlich hinterlassen 41 Jahre absolute Mehrheit der CSU an der Spitze des Freistaates nicht nur Spuren im politische Umgang, sondern beeinflussen auch die Wahlkampfstrategien der Parteien. Der Hauptunterschied liegt in der Herangehensweise. Dabei sind zwei Strategien erkennbar: zum einen die Schaffung eines eigenen Internetauftritts speziell für die Wahl, zum anderen das Nutzen der bekannten Domain. Aber welche Strategie auch immer gefahren wird, eins ist sicher: Der Online-Wahlkampf ist fester Bestandteil eines jeden Wahlkampfes geworden, auch auf Landesebene.

SPD: interaktiv und negative campaigning

Für den ersten Weg haben sich SPD und FDP entschieden. Die
Sozialdemokraten haben dabei viel Energie in die Erstellung der Seiten gesteckt. Nicht nur die URL „Bayern gewinnt“ soll die Wähler überzeugen, sondern auch eine breite Palette an Inhalten. Dazu gehören Profile der Kandidaten und ausführliche Informationen über den Spitzenkandidaten ebenso wie die wesentlichen Wahlkampfpositionen und das Regierungsprogramm. Sehr deutlich wird hier Wahlkampf aus der Opposition heraus gemacht – alle inhaltlichen Schwerpunkte werden anhand der Kritik an Stoibers Politik herausgearbeitet. Die Wahlkampfmanager nennen das „negative campaigning“. Mit "
Filzgeschichten" werden die Politik und die "Machenschaften" von Goppel und Co. attackiert: Hier werden dem Bürger noch einmal alle Skandale und Affären (von Wiesheu über Gauweiler bis hin zur Amigo-Affäre) der letzten Jahre in Erinnerung gerufen und mit dezidiertem Quellennachweis aufgelistet. Auffällig ist die starke Einbindung der Nutzer: Mit zahlreichen interaktiven Angeboten sollen sie möglichst lange auf den Seiten gehalten werden. Sie können sich hier z. B. an einer Abstimmung beteiligen, sich Videos und den Kinospot ansehen, dürfen aber auch im „Kampamat“ Kreativität beweisen und sich im „Stoibomat“ mit diversen Schuldzuweisungen an den Landesvater vergnügen. Unter der Fülle der Angebote leidet allerdings die Navigation– wichtige Bestandteile wie Kandidatenprofile oder das Regierungsprogramm sind zum Teil nicht auf den ersten Blick auffindbar.

FDP: sachlich

Übersichtlicher ist dagegen die Navigation bei den
Liberalen. Mit einem eher schlichten Erscheinungsbild haben auch sie sich für einen eigenen Internetauftritt zur Landtagswahl entschieden, und auch hier wird bereits mit der URL „Gelb mobilisiert“ eine erste Aussage gemacht. Die politischen Positionen sind in der gebotenen Ausführlichkeit, aber auch in einer Kurzübersicht zu finden. Sympathisch an den Kandidatenprofilen ist die Kombination aus eigenen politischen Aussagen und persönlicher Einschätzung statt reiner Auflistung der Daten und Fakten. Interaktive Angebote finden sich auch bei der FDP, allerdings ist hier der Spaßfaktor ausgeblendet. Mit Hörfunk- und Fernsehspot, Online-Mitgliedsantrag und der Möglichkeit des Downloads von Werbemitteln steht hier die Wahlkampfarbeit im Vordergrund. Leider braucht der Spot zur Wahl sehr lange bis er heruntergeladen ist. Und Spenden kann man nur klassisch per Überweisungsträger und nicht direkt auf der Seite online.

CSU: modern

Ebenfalls sachlich, aber mit einem modernen Erscheinungsbild präsentiert sich die
CSU. Hier wird bewusst die andere Strategie verfolgt, die darin besteht, Besucher nicht zu einer eigenen Wahlkampfseite zu lenken, sondern die entsprechenden Inhalte in den vorhandenen Internetauftritt der Landespartei zu integrieren. Online-Redakteur Alexander von Schmettow begründet das mit dem Wunsch nach Kontinuität: „Dies entspricht unserem Selbstverständnis, nicht nur als "Wahlverein" zu Wahlkampfzeiten mit Aktionismus aufzufallen, sondern den Besuchern unserer Seiten einen vollständigen Eindruck des Spektrums einer Partei zu geben, die auf allen Ebenen und zu jeder Zeit erfolgreiche Politik für die Menschen in Bayern macht.“ Die Einbindung der Wahlkampfinhalte auf den Parteiseiten habe den Vorteil, dass Inhalte nicht doppelt geliefert werden müssen und Nutzern keine Informationen „durchrutschen“. Allerdings werden dadurch der Fülle an Inhalten auch Grenzen gesetzt. Dies hat auch die CSU erkannt und – ausgehend von der Mutterseite – „
Sonderseiten“ zum Wahlkampf erstellt, die alle wahlkampfrelevanten Inhalte abdecken sollen.

Dennoch dominiert der Wahlkampf auch die Mutterseite, so dass eine umfassende und aktuelle Information der Wähler dort ebenfalls gewährleistet ist. Bei aller Sachlichkeit bleibt bei den Christsozialen der Spaß nicht auf der Strecke. So gibt es für spielerische Naturen ein mit einem Hindernisrennen verknüpftes Gewinnspiel. Wer hingegen sein Faible für die CSU in diesem heißen Sommer auch im Freibad oder auf der Terrasse demonstrieren wollte, hatte die Möglichkeit, sich blau-weiße Bademode zu bestellen. Mit einem steuerbaren Nachrichtenticker, einem Newsletter und der Online-Mitgliedschaft werden weitere interaktive Elemente bereitgestellt. Auf andere wurde bewusst verzichtet, denn „grundsätzlich ist bei allen Features der finanzielle und technische Aufwand mit dem Nutzen abzuwägen. Nicht alles, was technisch machbar ist, ist auch sinnvoll“, erläutert von Schmettow.

Grüne: ohne Schnörkel

Eine ähnliche Online-Strategie wie die CSU verfolgen die
Grünen. Auch sie lenken die Besucherströme zunächst auf die Hauptseiten, wo wesentliche Inhalte zum Wahlkampf zu finden sind. Das Layout ist an das der Bundespartei angelehnt – man profitiert von dem gleichen Content Management System. In der Rubrik „Wahlen 2003“ werden Inhalte und Kandidaten vorgestellt. „Unser Ziel ist es, den Bürgern ohne große Schnörkel / Pop-Ups / Flash-Animationen usw. die notwendigen Informationen zum Wahlkampf leicht auffindbar und in ansprechendem Design anzubieten“, erklärt Webredakteur Dieter Janecek. Entsprechend ruhig geht es auch auf der Homepage zu. Keine Video- oder Audiotracks lenken von den eigentlichen Inhalten ab. Wer sich zur Partei bekennen möchte, kann dies mittels E-Cards an Freunde und Bekannte tun, aber auch online spenden oder Mitglied werden.

Dieter Janecek kündigt noch eine Intensivierung des Online-Wahlkampfs bei den bayerischen Grünen an: „In der heißen Phase ab Anfang September wird die Homepage zunehmend deutlicher vom Wahlkampf geprägt sein. Die Erfahrungen aus dem Bundestagswahlkampf legen es uns nahe, eine Dramaturgie zu verfolgen, die sich auf die letzten drei Wochen vor der Wahl als Höhepunkt konzentriert.“ Daher kommen die Grünen nicht ohne Extra-Seite aus.
Spitzenteam und Positionen werden noch einmal auf einer eigenen Seite mit eigenem Layout präsentiert. Die neunwöchige Wahlkampftour des Viererteams kann hier Schritt für Schritt verfolgt werden. Ähnlich angriffslustig wie die SPD gibt sich das bayerische Wahlkampfteam der Grünen mit seinen Aktionsseiten "
s-reicht" (S-Bahnausbau statt Transrapid) und "
pass-her" (Einbürgerungskampagne).

Der Artikel entstand unter freundlicher Mithilfe von
Roland Müller.

Erschienen am 17.09.2003

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