Streber oder Klassenclown – Wer wird Amerikanischer Präsident?

Echte Spannung will im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf bisher nicht aufkommen. Der Grund: die
beiden Kandidaten bieten wenig Überraschendes. Aus Mangel an handfesten Polit-Sensationen verlegen sich
die amerikanischen Medien nun auf Anekdoten aus der Jugendzeit.

Anfang November wird der Nachfolger Bill Clintons gewählt. Bisher war das Interesse der Medien und der
Öffentlichkeit nicht sehr groß. Vizepräsident Al Gore und der Texanische Governor George W. Bush
standen früh als Kandidaten fest. Richtige Spannung will nicht recht
aufkommen. Im Vergleich zum legendären Duell zwischen George Bush und
Bill Clinton im Jahr 1992 herrscht schon fast Desinteresse. Die Luft
ist raus!
Die conventions der Republikaner und Demokraten werden jetzt vermutlich
noch einmal eine Trendwende einleiten und mit reichlich Konfetti,
Ballons, Show, perfekter Inszenierung und viel Emotionen auch dem
Letzten klarmachen, dass die Präsidentenwahl ansteht.

George W. Bush wird von den meisten Intellektuellen und Liberalen abgelehnt. Er hat ähnlich wie Bill Clinton ein
"Teflon-Image." Sein Glück ist, dass die immer wieder aufkommenden Vorwürfe im Zusammenhang mit der
Todesstrafe an ihm abprallen. Er ist ein unbeschriebenes Blatt und vor allem der Sohn des ehemaligen
Präsidenten. Zweifel an seiner Eigenständigkeit bleiben.

Bush ist alles andere als das Idealbild eines zukünftigen Präsidenten der USA. Bill Clinton und George Bush
senior waren stets überall die Ersten und die Besten. Wie oft hat man das Bild des jungen Bill Clinton gesehen,
der als Jugendlicher die Hand John F. Kennedys schüttelte? Diese Aufnahme war symbolisch für die Unzähligen,
die nie Zweifel hatten, dass Clinton das Zeug zum Präsidenten hat. Bei George W. Bush hingegen hätte es
niemand für möglich gehalten, dass er einmal Präsidentschaftskandidat werden könnte. Er besticht nicht durch
intellektuelle Brillianz, sondern interessierte sich schon zu Collegezeiten mehr für Sport, vor allem Baseball.
Immerhin lernte George W. Bush dort, was es heißt Leute für sich zu gewinnen und sie zu lenken.
Hier bescheinigt man ihm außergewöhnliche Fähigkeiten.

Darin liegt auch einer der Hauptunterschiede zu Al Gore, dessen Handicap es gerade
ist, dass er die Menschen nicht begeistert. Zwar gilt er schon seit Jahren als der
geborene Präsident, doch sorgt das eher für Misstrauen. Traditionell hat die Mehrheit der Amerikaner Vorbehalte
gegenüber dem Washingtoner Establishment. Und ein langjähriger Vizepräsident ist Teil des Establisments.
Während sein Vater Senator in Washington war, wohnte Sohn Al in einem Hotelzimmer in der Stadt.
Er verbrachte große Teile seine Kindheit hier. Bewusst verlegte man die Wahlkampfzentrale nach Tennessee,
um von Washington abzulenken.

Al Gore versucht immer noch vergeblich gegen sein Langweiler-Image anzukämpfen. Er kann die Menschen nicht
mitreißen, daran konnte auch das von den Imageberatern verordnete neue Outfit aus Chinos und offenem Hemd
nichts ändern. Der Spott wurde nur noch größer. So empfahl ein amerikanischer Talkmaster besorgten Eltern
unlängst eine Al Gore Puppe als Einschlafhilfe für ihre Sprösslinge. Zu allem Übel eignet sich der Name des
demokratischen Präsidentschaftskandidaten auch noch zu naheliegenden Wortspielen (Bore=Langeweile),
passende Webpages ließen auch nicht lange auf sich warten. Die Seite www.albore.com findet sich inzwischen
allerdings nicht mehr im Internet.

Die Republikaner gingen hier professioneller vor. Rechtzeitig hatte man sich zahlreiche domains gesichert, damit
ähnliche Webpages sich erst gar nicht ausbreiten konnten. Wer jetzt unter
www.bushsucks.com
glaubt eine Anlaufstelle für Bushgegner zu finden, wird sich wundern, landet er doch
auf der offiziellen Seite des Kandidaten.

Die amerikanischen Medien durchleuchten die Kandidaten und deren Vergangenheit – Bill Clinton sei Dank – nun
besonders sorgfältig. Vor allem die New York
Times
widmet sich sorgfältig der Vita der beiden Präsidentschaftsanwärter. Selbst vor der frühesten Jugend
machen sie nicht halt. Für die Journalisten ist es verständlicherweise bedauernswert, wenn keine wirkliche
Spannung im Duell Bush vs. Gore aufkommt und man sehnt sich nach Auflagenzahlen aus vergangenen
Lewinsky-Tagen zurück. Also helfen die Medien gerne etwas nach und konstruieren notfalls an den Haaren
herbeigezogene Erklärungen für das heutige Charakterbild der Kandidaten. Wer sich schon immer gefragt hat,
warum George W. Bush so massiv für Recht und Ordnung eintritt, erfährt dass die Antwort in seiner Kindheit
liegt.

Wer sich bei der New York Times in
einen speziellen Verteiler einträgt, der erfährt, dass der Viertklässler und Klassenclown George sich in seiner Freizeit
damit amüsierte, Frösche unter Einsatz von
Feuerwerkskörpern in die Luft zu jagen. Den Unterricht soll er gestört haben, in dem er sich mit seinem Füller
einen Bart und Kotletten ins Gesicht gemalt hatte. Dafür bekam er im
Zimmer des Direktors einige Schläge auf den Hintern. Das ganze erinnert zwar eher an Bart Simpson oder Max
und Moritz, doch für Beobachter ist klar: Bush hat seine eigene Lektion in Sachen Bestrafung schon sehr früh
gelernt.

Die menschliche Note soll den Kandidaten beim Wahlvolk sympathisch erscheinen lassen. In der Rubrik
"Jugendsünden" gibt es vom kleinen Al jedoch kaum etwas zu berichten. Mit Alter von 12 Jahren soll er zwar einen Truck mit
Steinen beworfen haben, der Nachteil für Al war aber, dass dies ausgerechnet in einem Wahljahr passierte und er
auf Geheis seines Vaters vorsorglich Entschuldigungsbriefe an diverse Trucking-Companies schreiben musste.
Anstatt mit Lausbuben-Streichen zu glänzen, saß Al Gore lieber auf dem Schoß des damaligen Vizepräsidenten
Richard Nixon oder hörte an der anderen Leitung zu, wenn sein Vater mit Präsident Kennedy telefonierte. Schon
früh schnupperte er große Politik.

Zweifellos ist Al Gore der absolute Politprofi. George W. Bush müsste demnach der Außenseiter sein.
Dass dem nicht so ist, hängt vor allem mit Gores schlechtem Image zusammen. Je mehr er dagegen ankämpft,
desto unglaubwürdiger wirken die Versuche, die jedermann durchschaut. George W. Bush ist kein Intellektueller,
er versucht sich auch nicht als solcher zu präsentieren. Es hat ihm daher auch nicht geschadet, dass er in einem
Interview einige Fragen zur Außenpolitk falsch beantwortete.

Reagan und Clinton hatten gemeinsam, dass sie beide von Liberalen bzw. Konservativen heftig kritisiert wurden.
Beide waren vor allem sehr beliebt in der Bevölkerung und konnten deshalb politisch überleben. Die wenigsten
Amerikaner wählen nach parteipolitischen Gesichtspunkten, die Person des Kandidaten und dessen Popularität
entscheidet. Es ist also die Verpackung die zählt, nicht der Inhalt. Gore oder Bush – das ist die große Frage.
Wen mögen die Amerikaner, wem schenken sie ihr Vertrauen: dem Klassenclown George W. Bush oder dem
Streber Al Gore? Die Entscheidung wird aus dem Bauch heraus getroffen, nicht mit dem Kopf. More show than go:
Ein Wahlkampf-Trend, der sich auch jenseits des Atlantiks immer mehr durchsetzt.

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