Statistik-Wirrwarr im Wahlkampf

"Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast": Einen solchen Eindruck gewinnt man, wenn Umfrageinstitute den Einfluss des Internet im Wahlkampf untersuchen. Allzu widersprüchlich sind die Ergebnisse und viel zu verwirrend die Analysen – sogar wenn sie vom gleichen Institut kommen.

Der Ausgangspunkt

Doch beginnen wir vorn: Einer Umfrage der Initiative D21 vom Juni 2009 zufolge sind ca. 70 Prozent aller Menschen in Deutschland online. Rund vier Prozent mehr als im Jahr zuvor und noch immer stark abhängig von Wohnort, Geschlecht und Lebensalter.

Forsa im Juli: Internet wenig relevant für Politik

Im Juli 2009 dann gab Forsa bekannt, dass das Internet für die Politik wenig relevant sei. Interessant: 44 Prozent der befragten Internetnutzer sehen das Internet als politisches Informationsmitel, 57 Prozent als kriminelles Betätigungsfeld. Hier muss bereits nach der Vergleichbarkeit der Aussagen gefragt werden – methodische Details jedoch oder gar Analysevorgaben werden dem Leser solcher Studien nicht mitgeteilt. Immerhin 89 Prozent der Nutzer gaben an, das Internet als "allgemeine Informationsquelle" zu nutzen – ein Aspekt, den näher zu beleuchten sich sicherlich gelohnt hätte.

Emnid im August: dito

Anfang August 2009: Emnid ermittelt (im Auftrag von N24), dass das Internet im Wahlkampf keine Rolle spielt. Wobei auch hier wieder Unschärfen in der Fragestellung offenbar werden. Wird nach der Nutzung des Internet gefragt? Oder nach Themen das Internet betreffend (erinnert sei an zensursula)? Immerhin 72 Prozent der Befragten gaben an, dass das Internet keine Rolle bei ihrer politischen Willensbildung spiele. Aha. Aber, so die Studie, Jugendliche könne man durchaus erreichen. Wurden die nicht gefragt?

Forsa im August: Internet ist wahlentscheidend

Mitte August: Forsa gibt im Auftrag des BITKOM bekannt, dass das Internet eine entscheidende Rolle im Wahlkampf spiele. Das ging aber schnell! Die Präsenz von Parteien sei "wahlentscheidend", heißt es (kampagnen-fabrik.de berichtete). Immerhin seien vier von fünf Befragten der Ansicht, dass eine Partei eine gute Internetpräsenz haben müsse. Zudem würden 77 Prozent der bis 29-jährigen das Internet für politische Informationen nutzen. 

Emnid: Internet Allheilmittel gegen Wahlmüdigkeit

Das passt nicht so ganz zu den Zahlen von Emnid… Außerdem seien laut Emnid die Internetseiten vor allen anderen Medien für die Wahlentscheidung wichtig. Auch gegen Wahlmüdigkeit sei das Internet das Allheilmittel, immerhin gaben 80 Prozent der Befragten an, sie hätten an der Europawahl teilgenommen, wenn diese online durchgeführt worden wäre. Phantastisch, worauf warten wir?!

Uneinheitliche Methodik

Stimmt also das alte Sprichwort? Nun, alles hängt wohl davon ab, welche Fragen die Auftraggeber stellen und wie die Umfrageinstitute diese umsetzen. Das Vorgehen bei Methodik und Analyse sind entscheidend und werden jedoch nur allzu selten mit kommuniziert. Damit bleibt der geneigte Leser und User im Unklaren, wie entscheidend das Internet in Sachen Wahlen am kommenden 27. September 2009 sein wird.

Oder: Das Internet ist Wahlentscheidend wie jedes andere Medium auch – die Glaubwürdigkeit einer Kommunikationsstrategie ist das entscheidende Kriterium und dies kann sich online wie offline zeigen. Wichtig ist also: die für jede Partei und jeden Politiker geeigneten Kommunikationswegen identifizieren und bespielen. Und das können je unterschiedliche sein. Nicht mehr, nicht weniger.

 

Zuerst erschienen im Blog des Autors auf www.kampagnen-fabrik.de

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