Russland: Vom Präsidenten zum Bloggen verdammt

Präsident Medwedew treibt das Web 2.0 voran, Gouverneure sollen bloggen und Offline-Beamte können ihren Job verlieren: Der Web-Analyst Alexey Sidorenko beschreibt, wie sich die politische Elite in Russland im Internet präsentiert und wie die russische Blogosphäre aufgestellt ist.

Die vergangenen vier Jahre seit 2006 wurden in Russland durch eine „Bloggisierung“ der politischen Elite geprägt. Blogs sind zu einer Plattform für politische Kommunikation, PR und Propaganda geworden. Sie versuchen, die Kommunikationslücke zwischen dem Establishment und den Massen zu füllen und bieten Plattformen für politische Analysen und Kommentare.

Ausweichmedium Internet

Nachdem die wichtigsten oppositionellen Massenmedien zwischen 2003 und 2004 unter die Kontrolle von regierungsnahen Konzernen gerieten, entwickelte sich das Internet zu einem alternativen Forum für eine unabhängige politische Diskussion in Russland. Anfänglich wurde diese Entwicklung von Seiten der Regierung nicht sehr ernst genommen, doch mit der steigenden Anzahl von Internetzugängen wuchs letztendlich auch der Druck auf die Politik, auf das neue Medium zu reagieren.

2008 fingen die ersten Regionalpolitiker an, Blogs für ihre politischen Aktivitäten zu nutzen. Einer der ersten offiziellen Blogger war Oleg Tschirkunow, Gouverneur der Perm-Region. Sein Blog ist momentan auf der Top-150 Liste des RuNet Blog-Ratings. Nikita Belych, der ehemalige Vorsitzende der liberalen Partei „Union der rechten Kräfte“, bloggte bereits bevor er Gouverneur der Kirow-Region wurde. Sowohl Tschirkunow als auch Belych werden als die einzigen „echten Blogger“ unter den Gouverneuren angesehen.

Bis Anfang 2009 war der Kreml im Internet offiziell nur wenig vertreten. Im Januar startete der russische Präsident Dmitri Medwedew seinen Video-Blog, vier Monate später öffnete die LiveJournal-Community des Präsidenten (blog_medvedev). Der Weblog-Anbieter LiveJournal (LJ) gehört dem Kreml-nahen Oligarchen Alexander Mamut und hostet eine Vielzahl von Politik-Blogs.

Der direkte Draht zum Präsidenten

Das besondere an Medwedews Blog war, dass auch Kommentare zugelassen waren, wenngleich diese vorab moderiert wurden. Der bloggende Präsident entwickelte sich zu einem der meist diskutierten Themen in der russischen Blogosphäre. Sein Post „Über die Entwicklung des Internets in Russland“ erhielt mehr als 4500 Kommentare.

Einige Nutzer sahen in dem Präsidentenblog eine Plattform, auf der man Beschwerden einreichen kann, in der Hoffnung, dass sich die Regierung des Problems annimmt. In einigen Fällen funktionierte dies auch: Ein illegales Kasino in Balaschicha wurde geschlossen, ein entlassener Mann aus Saratow wurde wieder eingestellt und ein Geschäftsmann aus Sankt Petersburg erhielt einen Anti-Krisen-Kredit für sein Unternehmen.

Der Präsident als Trendsetter

Mittlerweile haben 18 der 83 Gouverneure in Russland ein Blog, doch die meisten davon sind inhaltlich uninteressant. In der Regel kopieren sie Inhalte vom Blog des Präsidenten, wie zum Beispiel kurze Videoauszüge oder Pressemitteilungen von der PR-Abteilung. Einigen Blogs fehlt auch die Kommentarfunktion. Eine Tatsache, die deutlich zeigt, was für ein Verhältnis die Gouverneure zu Feedback und öffentlichen Debatten haben.

Im Januar 2010 unternahm Präsident Medwedew einen weiteren Schritt, Blogs zum offiziellen Mainstream zu machen. Während eines Treffens mit den Gouverneuren des Landes ließ Medwedew verlauten, dass Beamte, die nicht mit dem Internet umgehen können, ihren Job verlieren könnten. Außerdem wies er die Gouverneure an, „sich mit Blogs auseinanderzusetzen, aktiver an der Online-Diskussion teilzunehmen und die Online-Medien zu unterstützen.“

Jelzins Tochter bloggt

Mittlerweile unterhalten nicht nur aktive Regierungspolitiker Blogs, sondern auch einige politische Persönlichkeiten aus früheren Tagen. Im Dezember 2009 zum Beispiel eröffnete Tatjana Jumaschew, die Tochter des ersten russischen Präsidenten Boris Jelzin, ihr Blog. Innerhalb der ersten zwei Monate zog sie bereits mehr als 10.000 Leser an und entfachte unter anderem eine hitzige Debatte über die Rolle der Reformen ihres Vaters in den Neunzigern.

Übersetzt aus dem Englischen von politik-digital.de. Demnächst in
der Serie "Politics en Blog": Berichte aus dem Libanon, Ägypten, Südafrika, Bolivien u.a.

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