Ist es wirklich schon so schlimm? – „Das Digitale Debakel“

intertDer britische Autor Andrew Keen hat bereits vor einigen Monaten eine weidlich rezipierte Auseinandersetzung mit den aktuellen und zukünftigen sozioökonomischen Konsequenzen des Wirtschaftens und Arbeitens im digitalen Zeitalter veröffentlicht. politik-digital.de hat die kenntnisreiche Darstellung, eine ebenso anregende wie provozierende Auseinandersetzung mit der geschichtlichen Entwicklung vom Web 1.0 zum Web 2.0, gelesen.

Eine „Abrechnung“, „eine Polemik“, „emotionsgeladen“ – solche oder ganz ähnlich gerichtete Charakterisierungen sind in den hiesigen Medien immer wieder zu vernehmen gewesen, seitdem das gut 270 Seiten starke Buch des ehemaligen Startup-Gründers und heutigen Bloggers & Technikautors Andrew Keen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt erschienen ist. Woran – so sollte man mit einigem zeitlichen Abstand, nach eingehender Lektüre und nach Selbstprüfung des eigenen Online-Konsumverhaltens (!) fragen – machen sich diese Charakterisierungen fest und sind die Zuschreibungen so eindeutig und richtig?

Klar ist: der gebürtige Brite provoziert und polemisiert, wo er nur kann – ob nun zwischen den Buchdeckeln oder auf einem der Podien , auf denen er rund um die Veröffentlichung des bei DVA erschienenen Sachbuches Platz nahm und Dampf abließ. Insbesondere in der zweiten Buchhälfte fallen die harschen Werturteile über die tatsächliche oder vermeintliche Atmosphäre im „Valley“ und die angeblichen charakterlichen Dispositionen maßgeblicher Akteure in den Hightech-Schmieden rund um San Francisco in einer Frequenz, die problemlos auch noch für zwei bis drei Fortsetzungsbände gereicht hätte. Doch kann man dem Autor ebenso zugute halten, dass er mit seiner offensiv vorgebrachten Kritik an den digitalisierungsinduzierten Veränderungsprozessen unserer Arbeits- und Kulturwelt nicht auf einen bereits fahrenden, derzeit von vielen anderen Autoren populärwissenschaftlicher Technikkritik besetzten Zug, aufgesprungen ist.

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Andrew Keen: Das digitale Debakel: Warum das Internet gescheitert ist – und wie wir es retten können, Deutsche Verlags-Anstalt, 2. Auflage, 320 Seiten. Preis: € 19.99                            ISBN: 978-3421046475

Der gebürtige Londoner, der in den 1990er-Jahren mit seinem Angebot „audiocafe.com“ selbst in der ersten Hochphase des online-basierten Unternehmertums am Markt war, profiliert sich bereits seit vielen Jahren – zum Beispiel mit seinem Buch „Die Stunde der Stümper“, erschienen im Jahr 2008 – als kompromissloser Kritiker von webbasierten Geschäftsmodellen und Kulturtechniken sowie von den Personen und Persönlichkeiten hinter diesen Innovationen. Erst die „Die Stunde der Stümper“, jetzt „Das digitale Debakel“ – nicht nur Keens letzte Veröffentlichungen, auch die Übersetzung des aktuellen Buches, dessen englischsprachiger Originaltitel schlicht und einfach „The Internet is not the answer“ lautet, legen den Verdacht nahe, dass die Übersetzung ins Deutsche, zumal mit dem nicht unproblematischen Titelzusatz „Warum das Internet gescheitert ist – und wie wir es retten können“ zu Missverständnissen und vorschnellen Urteilen geradezu einlädt und den hierzulande florierenden Markt schwarzseherischer Ratgeberliteratur bedienen soll.

Ein Vierteljahrhundert „Internet“ – die historische Perspektive

Wer sich trotz der bekannten Rezensionen sowie der etwas reißerisch geratenen Klappentexte an die Lektüre des in acht Kapitel, zuzüglich Einleitung & Schluss, gegliederten Buches macht, der erlebt eine spannend geschriebene, selbstverständlich stark subjektive Reise durch die Entwicklungsgeschichte unserer modernen vernetzten Gesellschaft. Was mit Innovationen US-amerikanischer Forscher wie Vannevar Bush, Norbert Wiener oder J.C.R. Licklider begann, entwickelte sich vor dem Hintergrund des Kalten Krieges über die Jahrzehnte von einem militärischen Nachrichtennetzwerk über einen exklusiven Kommunikationskanal für Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen hin zum „offenen“ (?) Internet in seiner heutigen Form.

Keen widmet diesen „Urvätern“ unserer heutigen digital-vernetzten Kommunikationsgesellschaft, ob sie nun Robert Kahn, Vint Cerf oder natürlich Tim Berners-Lee heißen, lange, fußnotengesättigte Kapitel, sind sie doch für seine spätere Argumentation von erheblicher Bedeutung. Das Internet, so eine der Kernthesen des Buches, habe sich im Laufe des vergangenen Vierteljahrhunderts von einer durch Idealisten, akademisch oder patriotisch motivierte Technik-Gurus kreierten, potentiell offenen Idee zu einem Gewinnmaximierungsinstrument für eine reiche und ständig reicher werdende, im Sillicon Valley beheimatete Unternehmerschaft entwickelt.

Dass der Autor mehr als nur Beobachter oder Analyst des Internet und seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten ist, wird im zweiten, stark reportageartigen Teil mehr als nur deutlich. Keen profitiert bei der plastischen, manchmal zu plastischen Darstellung von seinen persönlichen Kontakten in die Szene der Entwickler und Entrepreneure. Er beschreibt die potentiell zerstörerische Wirkung digitaler Innovationen anhand eines eindrücklichen Vor-Ort-Besuchs in Rochester (US-Bundesstaat New York), wo sich Andrew Keen in Anbetracht der ständig an Reichweite gewinnenden Foto-App Instagram auf die Spuren des einstigen US-Fotogiganten Eastman Kodak macht und das komplette Wegbrechen eines Industriezweiges nachzeichnet.

Auch ansonsten ist das Buch immer dann besonders überzeugend und schlüssig, wenn es um die von der digitalen Wirtschaft ausgelösten Verschiebungen in den Beschäftigungsgefügen moderner Volkswirtschaften geht. Kodak, ein Unternehmen von einst Tausenden Beschäftigten, wurde in seiner Bedeutung für unser fotografisches Gedächtnis abgelöst durch Instagram, eine Idee ersonnen durch den Entwickler Kevin Systrom in einer Hängematte und umgesetzt von anfangs kaum mehr als einem Dutzend Entwickler. Hier ist Keen besonders stark, wenn er den vorgeblichen wirtschaftlichen Segen der Digitalisierung anhand konkreter Beispiele auch für Laien als teilweise (oder vollständige) Legende enttarnt und somit das Hohelied auf die schöpferische Zerstörung im schumpeterschen Sinne als ideologisches Mantra bloßstellt.

Ein Sittengemälde des Silicon Valley

Die durch eine schier endlose Zahl an Quellen-Hinweisen aufgewertete Darstellung besticht jedoch nicht nur in der historischen Perspektive. In seinen besten Momenten zeichnet das Buch ein Sittengemälde des heutigen Silicon Valley-Unternehmertums, inklusive aller negativer Begleiterscheinungen: radikale Selbstbezogenheit, die Etablierung sichtbarer Zwei-Klassen-Gesellschaften, die Verächtlichmachung staatlich garantierter Arbeitnehmerrechte oder die „beinahe religiöse Verehrung des Scheiterns“, einem der laut Keen „albernsten Kulte des Silicon Valley“. Auch geht der Autor mit den Werkzeugen eines rhetorischen Bulldozers gegen die Selbsttäuschung maßgeblicher Akteure des „Valley“ vor, ihre Innovationen würden die Medien demokratisieren. Keen konstatiert hierzu verbittert: „Je mehr Inhalte im Internet zur Auswahl stehen, umso dramatischer der Unterschied zwischen den wenigen Superhits und dem ganzen Rest, der völlig im Dunkeln verschwindet.“

Doch kommt in diesem zweiten, wie bereits erwähnt eher erzählerischen, Buchteil, ebenso schnell Langeweile auf. Nämlich immer dann, wenn Andrew Keen sich in teils extrem redundanter, teils herablassender – und hier trifft der Polemik-Vorwurf unzweifelhaft zu – Art und Weise an den kommerziell-erfolgreichen (US-amerikanischen) Größen der heutigen Online-Geschäftswelt abarbeitet. Sei es Uber-CEO Travis Kalanick („ein Pin-up des digitalen Zeitalters“), der Investor Peter Thiel, Amazon-Gründer Jeff Bezos, Larry Page, Sergej Brin (Google) oder natürlich Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Sie alle haben sich, so ist zu hoffen, vor der Lektüre des Buches warm angezogen, denn Keen geht nicht eben zimperlich mit ihnen um. Andererseits ist die persönliche Kritik an Unternehmern wie Zuckerberg nicht wirklich neu und von Kinofilmen über Illustrierte bis hin zu den Feuilletons von Regionalzeitungen inzwischen ziemlich breitgetreten.

Fazit

Keen ist, das macht er, wenn auch weniger pointiert, im Buch immer wieder deutlich, kein Technikfeind oder Internet-Gegner im engeren Sinne. Seine harsche Kritik zielt auf einen, wie er es im Buch nennt, „gegen alle Regeln verstoßenden Libertarismus“ ab. Von seiner rhetorischen Walze wird nicht „das Internet“, das Keens Meinung nach in den vergangenen 25 Jahren eine „180-Grad-Wende“ vollzogen hat, getroffen. Sein Groll gilt vielmehr der Abgehobenheit und Selbstbezogenheit des „einen Prozent“, der Kaste utopisch reicher Anführer der Hightech-Startups rund um San Francisco – Kurz: seine Kritik gilt der unbarmherzigen Kommerzialisierung der Idee eines World Wide Web.

Dass das Versprechen des Titelzusatzes, gleich noch einen Plan zur „Rettung“ des Internet zu präsentieren, zwanzig Seiten vor Schluss nicht mehr eingelöst wird, dürfte niemanden verwundern: zu rigoros und ultimativ – mitunter auch unterhaltsam – hat Keen sich da bereits über das derzeitige Procedere von Arbeiten und Wirtschaften in der digitalen Welt ausgelassen. Dann erst schlägt er vor, die Politik möge doch bitte durch legislative Akte Internetkonzerne stärker überwachen und auf die Durchsetzung transnationaler Standards dringen. Das Buch regt dennoch, trotz aller insbesondere in der zweiten Buchhälfte offen zu Tage tretenden Polemik, zur Reflexion über die Konsequenzen der „Share-Economy“ an. Es gibt, dies ein nicht zu unterschätzender Aspekt, insbesondere jüngeren Leserinnen und Lesern eine gut lesbare Einführung in die Entwicklungsgeschichte des Internet und seiner Vorläufer und mahnt die Leserin oder den Leser, die eigenen (Einkaufs-)Gewohnheiten im Web bei Zeiten immer wieder kritisch zu reflektieren.

Bild: cvrcak1

 

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