(R)Evolution des Währungssystems durch Bitcoins?

10680535645_a7215e3323_zAls die Finanzkrise 2009 die breite Öffentlichkeit erreicht, ist klar: Es gibt ein Problem mit dem globalisierten Wirtschaftssystem. Staaten sind in einem historisch einmaligen Maße von Finanzmärkten abhängig und Reformvorschläge wie die Tobinsteuer werden aus genau diesem Grund verworfen. Ein Vorschlag jedoch setzt sich immer mehr durch, der nicht von Staaten abhängig ist: Die Revolution des Währungssystems durch rein elektronisches und dezentrales Geld: „Bitcoins“.

Im Oktober 2008 stellte Satoshi Nakamoto in einer Newsgroup seine Idee einer elektronischen Währung vor, die auf einem Netzwerk von Servern ohne jegliche zentrale Autorität basiert. Das Netzwerk soll neben der Anonymität auch die eindeutige Zuordnung von Besitz und Transaktionen sichern. Über Nakamoto, sehr wahrscheinlich ein Pseudonym, ist noch nicht einmal bekannt, ob es sich um eine oder mehrere Personen handelt. Aber mit der Open-Source-Software „Bitcoin-QT“ hat er eine alternative Währung geschaffen, die in ihrer Gesamtheit inzwischen knapp 12 Milliarden Dollar wert ist (entspricht dem isländischen Bruttoinlandsprodukt von 2012) und das gesamte Währungssystem in Frage stellt.

Bis vor kurzem war Bitcoin, wenn überhaupt, nur bekannt als ominöse Währung, mit der Waffen, Drogen und Menschenleben in den Tiefen des „Darknet“ gehandelt werden. Auch wenn diese Analyse bis heute nicht ganz falsch ist, scheint das Bitcoin-Netzwerk sich davon zu emanzipieren: Große Online-Händler und -Handelsplattformen wie ebay liebäugeln mit den wertvollen Codes als Zahlungsmittel, Hedgefonds spezialisieren sich bereits auf die elektronische Währung.

Bitcoins wert

Bitcoin-Preis in US-Dollar, Entwicklung im Jahr 2013

Staaten und Zentralbanken kommen nicht mehr umhin, sich mit Bitcoin zu beschäftigen. Denn das dezentrale Netzwerk, auf dem das Geld basiert, entzieht sich jeglicher Kontrolle durch die üblichen Institutionen. Es ist kein Zufall, dass Bitcoins gerade zu dem Zeitpunkt im Frühjahr 2013 einen Boom erlebten, als der zypriotische Staat im Zuge der Eurokrise private Bankkonten belangen wollte. Die Ende 2013 beginnende Rallye wird auf das wachsende Interesse chinesischer und US-amerikanischer Investoren zurückgeführt. Auch eine Reihe von Anhörungen im US-Parlament zum Thema mit führenden Mitarbeitern aus Justiz und Verwaltung werden als Ursache genannt. Doch die chinesische Regierung sah sich Anfang Dezember offenbar bedroht genug, um den eigenen Finanzinstituten den Handel mit Bitcoins zu verbieten. Das Verbot führte prompt zu einem Kurseinbruch.

Wie funktionieren Bitcoins?

Wer Euros gegen Bitcoins tauscht, der kauft mit bei der EZB registriertem Geld digitale Codes ein. Während jeder papierene Geldschein eine Seriennummer trägt, besteht ein Bitcoin (BTC) aus nichts anderem mehr als einer Folge von Zahlen und Buchstaben. Diese Folgen werden, eher Gold ähnelnd als Papiergeld, mithilfe von Computern elektronisch geschürft. In der Bitcoin-Sprache nennt sich der Vorgang sehr bildlich „Mining“ und meint die Berechnung von kryptografischen Rätseln, die mit momentan 25 BTC (z. Z. über 20.000 USD) belohnt werden.

Prinzipiell kann also jeder, der über eine Internetverbindung verfügt, elektronischer Minenarbeiter werden und den eigenen PC digitales Gold schürfen lassen. Allerdings werden die Rätsel umso schwerer, je mehr Rechenkraft das Mining-Netzwerk, also alle „Miner“ zusammen, aufbringt. Zudem verringert sich die Belohnung, je mehr bereits geschürft wurde. Auf diese Weise wird ein immer langsamer werdender Mengenzuwachs an Bitcoins sichergestellt. Das Schürfen lohnt sich daher nur noch für professionelle Minenbesitzer.

Der Clou schließlich ist, dass die Miner mit ihren Berechnungen nichts anderes machen, als alle getätigten Transaktionen von Bitcoins zu überprüfen. Damit braucht es keine zentralen Institutionen wie Staaten oder Banken mehr, sondern diese Aufgabe verteilt sich dezentral über das Netzwerk. Benutzer können Bitcoins auf diese Weise kostenlos über eine Internetverbindung an jeden Nutzer mit Bitcoin-Account verschicken – und durch Verschlüsselung bleibt alles anonym.

Idealismus und Schwarzmarkt

Bitcoin ist nicht das einzige rein elektronische Zahlungsmittel, aber das erste, das Anspruch auf eine allgemeingültige Währung erhebt und damit einigen Erfolg hat. Was motivierte die ersten Benutzer und Miner, auf den Wert der im Prinzip wertlosen Datenpakete zu vertrauen? Möglicherweise war es der Wille, die Macht über das Geld den Staaten und dem Finanzsystem aus den Händen zu reißen und ein politisch nicht beeinflussbares Währungssystem zu etablieren. Der durchaus lukrative Schwarzmarkt im Darknet trug jedoch sicherlich auch seinen Teil dazu bei.

Nicht nur deshalb ist Bitcoin hoch umstritten. Während einige euphorisch das Ende staatlicher Gelddruckerei und Steuerverschwendung feiern, warnen andere vor inhärenter Deflationsgefahr, einem „Anti-Social Network“ und dem Zerfall der Staaten und Regierungen weltweit. An zwei zentralen Fragen trennen sich dabei die Geister: a) Ist Bitcoin eine potenziell voll funktionsfähige Währung? b) Ist der staatliche Kontrollverlust ein Schritt Richtung Utopie oder Dystopie?

Geld als soziales Kontrukt

a) Die Frage, ob Bitcoin eine Währung ist oder nicht, bietet einen guten Grund, sich kurz generell mit Geld auseinanderzusetzen: Die Grundfunktion von Geld ist die Erleichterung des Warentausches zwischen Menschen. Dazu kommen noch die Funktionen als Sparmöglichkeit und als Wertmaßstab. Geld braucht daher einen relativ stabilen Wert. Spätestens aber seitdem Geld hauptsächlich in Form von Papierscheinen genutzt wird, muss der Wert sozial hergestellt werden. Und mit der Aufgabe der Goldbindung in den 1970er Jahren ist allgemeines Vertrauen und die Versicherung der Staaten das Einzige, was hinter dem Wert von Geld steht. Auch hinter Bitcoins steht nur noch das allgemeine Vertrauen.

Trotz der Tatsache, dass die Codes offensichtlich als Tauschmittel funktionieren, bezweifelt der Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman daher, dass sie als Sparmittel verwendet werden können. Zu unsicher sei der Wert. Sein Kollege Gerhard Rösl dagegen ist sich sicher, dass Bitcoins „genauso als Geld zu interpretieren sind wie offizielles Geld, das Banken ausgeben“. Abgesehen von der absoluten Abhängigkeit von Internet und Strom sind die kritischen Punkte der Anteil an Spekulation auf dem Bitcoin-Markt, eine hohe Volatilität des Wertes und eine inhärente Deflationsgefahr.

„We are for some reason digging our way back to the 17th century“

In Nakamotos Konzeption von Bitcoin zeigt sich die Angst vor ungehemmter staatlicher Gelddruckerei und damit einhergehender Inflation der Preise sowie Entwertung der Währung. Durch den geregelten Zuwachs an Bitcoins bis zu einer fixen Grenze, die voraussichtlich um 2140 erreicht sein wird, hat der Initiator Nakamoto Inflation gewissermaßen unmöglich gemacht.

Allerdings sehen Kritiker wie der Wirtschaftsjournalist Matthew Yglesias hier die Gefahr einer Deflation mit eingebaut. Da die Menge der Bitcoins nur begrenzt und immer langsamer wächst, steige deren Wert mit immer mehr Nutzern und Märkten automatisch. Das könnte dazu führen, dass niemand mehr Bitcoins ausgibt, sondern sie nur hortet. Auch hier tut sich die Analogie zu Gold auf, was Paul Krugman zu der Aussage veranlasst, dass „wir uns in das 17. Jahrhundert zurück graben“.

„The point is not that Bitcoin is a deflationary currency. The point is that it can be anything.“

Jedoch auch diese Kritik bleibt nicht unerwidert. So könnte die stetig an Wert zunehmende Währung überflüssigen Konsum verhindern und Anreiz zum Sparen anstatt zum Schuldenmachen geben. Wired-Redakteur Cade Metz verweist darauf, dass das Bitcoin-System grundsätzlich reformierbar sei. Denn das Netzwerk basiert auf einer Open-Source-Software, die geändert werden könne, sobald mehr als die Hälfte der Nutzer dahinter stehen. So könnte zum Beispiel die Obergrenze aufgehoben werden.

Das elektronische Geld ist mit gut fünf Jahren noch sehr jung, und ob es sich als eine vollwertige Währung etabliert, bleibt abzuwarten. Aber das Potenzial ist da.

Utopie und Dystopie

b) Wie jeder Währung liegt Bitcoin eine politische Agenda zugrunde: die Etablierung eines Währungssystems unter Ausschluss von Staaten und Banken. Nakamoto stellt damit die herrschenden Formen von Politik und Macht in Frage. Das Ideal wäre eine Welt, in der alle über das Netzwerk an der Währung mitbauen könnten, Transaktionen nichts oder nur sehr wenig kosten und unnötiger Konsum ausbleiben würde. Damit würde die Demokratie ebenso gestärkt wie eine nachhaltige Wirtschaft.

Auf der anderen Seite interpretieren Kritiker die politischen Implikationen der Währung ganz anders: Sie entwerfen eine Dystopie, in der Staaten die Steuereinnahmen wegbrechen würden, da Bitcoins nur schwer besteuert werden können. In diesem Fall würde eine harsche Austeritätspolitik herrschen, verbunden mit einem Absterben des Sozialstaats. Monetäre Wirtschaftspolitik käme durch den Verlust der staatlichen Kontrolle der Geldmenge zum Erliegen und durch eine Deflationsspirale würde auch das Wirtschaftswachstum einbrechen.

Ist das dezentrale Zahlungsmittel Teil eines Traums einer staatenlosen, globalen Gemeinschaft? Oder ist es der Anfang einer asozialen, Algorithmen-gesteuerten Netzwerkgesellschaft? Oder vielleicht funktionieren die wertvollen Codes einfach als praktisches Mittel für globale Peer-to-peer-Überweisungen?

Wie auch immer Bitcoin sich entwickelt, die digitale Währung bietet wohl vorerst keine Lösung der Finanzkrise: Denn sie ist weder gefeit gegen übermäßige Spekulation noch gegen Ungleichheit. Jedoch hat das Aufkommen der elektronischen Währung eine Menge wichtiger Fragen aufgeworfen und an ein Prinzip erinnert: Das Währungs- und Finanzsystem ist von Menschen gemacht – und kann von ihnen verändert werden.

Bild: oben: BTC Keychain (CC BY 2.0); Grafik: Bitcoincharts.com (CC BY-SA 3.0)

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