Privatheit im Jahr 2035

Was wird in Zukunft privat, was öffentlich sein? Die 4. Initiative des Co:llaboratory für Internet und Gesellschaft sucht nach Antworten auf diese Frage, indem es drei Zukunftsszenarien entwirft, in denen Privatheit und Öffentlichkeit nicht mehr sein werden, was sie heute zu sein scheinen.

Die zunehmende Digitalisierung und die wachsenden Bedeutung des Internet machen die Frage nach der zukünftigen Bedeutung von Privatsphäre zu einem immer wichtigeren Thema unserer Zeit. Das zeigen nicht zuletzt die letzten Diskussionen über den Schutz privater Daten in sozialen Netzwerken. Welche Informationen sollen im Internet privat bleiben? Wie können wir sie schützen? Ist ein verändertes Verständnis von Privatheit und Öffentlichkeit nötig, um die Technologien des Web 2.0 adäquat und gewinnbringend nutzen zu können?

Mit diesen Fragen hat sich die 4. Initiative des Think Tanks Co:llaboratory beschäftigt. Als Expertenkreis, in dem Akteure aus Wissenschaft, Verbänden, Daten- und Verbraucherschutz sowie aus Internetunternehmen zusammenkommen, wurde er von Google Deutschland initiiert, um an Lösungsansätzen zu gesellschaftlichen Fragen rund um das Internet zu arbeiten. Nach Initiativen zu den Themen Innovationskultur in der digitalen Gesellschaft, Open Government und Urheberrecht behandelt die 4. Initiative das Thema Privatheit und Öffentlichkeit.

Der in der vergangenen Woche veröffentlichte Bericht „Gleichgewicht und Spannung zwischen digitaler Privatheit und Öffentlichkeit. Phänomene, Szenarien und Denkanstöße“ dokumentiert die Ergebnisse der Inititative. Unter den insgesamt 28 Autoren des Berichts befinden sich Post-Privacy-Vertreter bis hin zu Datenschutzexperten.

Bestimmung des Status Quo

In einer einleitenden Analyse zeigen die Autoren die Schwierigkeiten auf, die bei der Bestimmung des zukünftigen Grenzverlaufes zwischen Öffentlichem und Privatem auftreten. Zwar sei es offensichtlich, dass, insbesondere durch die zunehmende Bedeutung des Web 2.0, eine Verschiebung vom Privaten zum Öffentlichen stattgefunden habe. Solange jedoch nicht geklärt ist, ob und inwiefern die neuen Technologien auch „Gegenmittel“ wie spezielle geschützte Endgeräte, Blockademechanismen, großflächige Netze oder ähnliches hervorbringen könnten, sei eine abschließende Einschätzung aber nicht möglich.

Als besorgniserregend wird vor allem die Komplexität vieler Technologien wahrgenommen, deren Funktionsweisen dem Nutzer verborgen blieben, wie z.B. Algorithmen zur Identitätsermittlung oder Analysen von Verhaltensdaten. Auch Anonymität und Pseudonymität im Internet wird unterschiedlich bewertet: einerseits als eine „wünschenswerte Option“, könnten beide mit guter und mit schlechter Absicht eingesetzt werden. Insgesamt müsse man im Umgang mit vielen neuen Technologien flexibel bleiben und von einer kurzfristigen Überforderung im sozialen Gebrauch neuer Technik ausgehen, ebenso wie von korrekturbedürftigen technischen Fehlentwicklungen, unangemessenen Reaktionen der Beteiligten sowie Über- oder Unterregulierungen durch die Politik. Es sei aber damit zu rechnen, „dass die Menschheit auf Dauer lerne, die Vorteile dieses Umbruches langfristig zu nutzen und die Nachteile zu beherrschen“, so die Verfasser des Berichts.

Szenarien

Ausgehend von den beschriebenen Schwierigkeiten, wird in drei Szenarien modellhaft vorgestellt, wie Privatheit und Öffentlichkeit im Jahr 2035 gestaltet sein könnten. „Es sollten weder Utopien noch um Dystopien geschaffen werden“, so die Autoren. Vielmehr wolle man durch die plausible und logische Abbildung möglicher Konstellationen die Grundlage für ergebnisoffene Diskussionen schaffen.
Die Szenarien werden jeweils in eine Zeitachse eingeordnet, in der die Ereignisse bis zum Jahr 2035 dargestellt werden. Jede dieser Entwicklungen endet in einer Zukunft, die durch einen gesellschaftlichen, politischen und technischen Umgang mit Privatheit und Öffentlichkeit gekennzeichnet ist. Ausgangspunkt sind in jedem der beschriebenen Fälle große Datenskandale, die zu einem Umdenken geführt haben.

Öffentliche Privatheit: Im ersten Szenario hat die Privatheit jegliche Bedeutung verloren. Alle Informationen über jedermann stehen allen jederzeit zur Verfügung. Es hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass durch die Veröffentlichung persönlicher Informationen kaum negative Folgen entstehen. Die vorherrschenden Prinzipien sind dementsprechend Integrität, Transparenz und Toleranz. Ehemals brisante Informationen wie politische Überzeugungen, Krankheitsgeschichten, sexuelle Orientierung oder Religionszugehörigkeit werden toleriert bzw. von anderen Bürgern und Firmen genutzt, häufig zum Vorteil der jeweiligen Merkmalsträger.

Selbstbestimmte Privatheit: Das zweite Szenario zeichnet eine „vertrauende Gesellschaft“. In einer solchen ist jeder einzelne Bürger in der Lage, eigenständig über Privatheit und Öffentlichkeit zu entscheiden, da das Wissen über technische Funktionsweisen weit verbreitet ist und die Folgen der Digitalisierung präsent sind. Alle Produkte enthalten technische und rechtliche Möglichkeiten zum Schutz von Daten, die von den Nutzern nach Bedarf ein- und ausgeschaltet werden können. Alle Daten sind zwar öffentlich zugänglich, jedoch ist die Gewährung von Privatheit selbstverständlich geworden. Der Respekt für die Privatsphäre der Anderen ist in dieser Zukunftsgesellschaft zu einer wichtigen Grundregel geworden, die allen früh nahegebracht und in der Regel respektiert wird.

Technikbestimmte Privatheit: Auch im dritten Szenario spielt Privatheit eine große Rolle. Die Verantwortung liegt hier aber nicht bei den Nutzern, sondern beim Gesetzgeber und den wenigen Kommunikationskonzernen, die in dieser Zukunftsvision noch existieren. Datensicherheit und Privatheit werden hier von diesen wenigen großen Firmen garantiert, die geschlossene Systeme aus Netzwerk und Programmen, Geräten und Inhalten anbieten. Die in Folge dieser Entwicklung auftretende Machtkonzentration auf Seiten der Plattformbetreiber wird am Ende des Berichts kurz diskutiert. Als Lösungsansatz werden „verständliche Datenschutzerklärungen“ und eine schärfere Haftung für die Sammler von Nutzerdaten vorgeschlagen, die auf Buß- oder Schmerzensgelder hinauslaufen könnte.

Die Ergebnisse des Berichts sollen voraussichtlich ab Anfang Dezember in einer offen gehaltenen Arbeitsgruppe weiter diskutiert werden. Einfache Antworten sind, das hat auch diese Initiative gezeigt, auf die Ausgangsfragen nicht zu finden. Aber sie gehen uns alle an. Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sind aufgefordert, gemeinsam und verantwortungsbewusst Wege aufzuzeigen, die der Gesellschaft von morgen gerecht werden. Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Auch Fehlentscheidungen auf diesem Weg werden uns weiterbringen und unser Bewusstsein für das Thema schärfen.

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