PR-Profis im Wahlkampf 2002: Teil 2

Auch die kleineren Parteien arbeiten mit PR-Profis zusammen. Aber sicherlich ist ihr finanzielles Budget deutlich kleiner als bei den beiden großen Volksparteien. Nachteil oder Chance?

 

Wenn zwei sich streiten, freuen sich in der Politik die Dritten nicht automatisch. Besonders die
FDP fürchtet einen Lagerwahlkampf, der seine Höhepunkte im TV-Duell Schröder gegen Stoiber fände: Die öffentliche Aufmerksamkeit, so die Angst des
Wahlkampfteam 18/2002, ginge dann über die Liberalen schlicht hinweg. Mit Fritz Goergen (
hier im Interview mit politik-digital.de) als Wahlkampfmanager präsentierte FDP-Chef Guido Westerwelle als potentiellen Rettungsanker einen Medienexperte aus Nordrhein-Westfalen, der dort schon eine wichtige Rolle beim FDP-Ringen um die vieldiskutierten und oft bespöttelten 18 Prozent einnahm. Goergen gilt als Kämpfer, der große Ziele anpeilt. Bei der Wahl 2000 leitete er das Möllemann-Team und brachte gemeinsam mit dem umtriebeigen Fallschirmspringer die Partei auf überraschende 9,8 Prozent und sicherte so die Rückkehr in den Düsseldorfer Landtag. Auf Agenturseite setzen die Liberalen auf die Berliner
ECC Advertising, die sich beim Pitch im Finale gegen Heimat aus Berlin durchsetzen konnte. EEC Advertsing ist ebenso Teil des BBDO-Netzwerkes wie die Agentur
KNSK, die für die SPD arbeiten. Wahlkampfmanager Goergen sieht sich als Bindeglied zwischen FDP-Zentrale und der Werbeagentur, die auch für die FDP-PR zuständig ist. Zwar hatte NRW-Landeschef Jürgen Möllemann im vergangenen Jahr vergebens für die Aufstellung einen eigenen FDP-Kanzlerkandidaten geworben. Nicht nur Westerwelle hatte das – zunächst – als kurzatmigen PR-Gag abgelehnt. Doch wie sollte man Westerwelle sonst ins rechte Licht rücken? Die einst proklamierte "Partei der Besserverdienenden" musste man mühsam wieder aus dem Bewusstsein der Wähler entfernen. "Wir werden keine Politik für Stoiber oder Schröder machen. Wir führen den Wahlkampf als freie, unabhängige und nicht festgelegte Partei", erklärte Westerwelle die zentralen Elemente der FDP-Strategie. Ob die ehemalige Pünktchenpartei aber gut beraten war, Westerwelle doch noch zum Kanzlerkandidaten zu küren, bleibt offen. Immerhin sind durch die strategischen Scharmützel auf der Achse Berlin – Düsseldorf die Gräben zwischen den FDP-Lagern noch tiefer geworden. Der Parteiübertritt des umstrittenen Landtagsabgeordneten Jamal Karsli bietet Möllemanns Feinden vor allem eines: Die Gelegenheit, offene Rechnungen begleichen zu können. Ob Möllemann diese Zahltage überlebt, ist mehr als unsicher. Die PR-Strategen der FDP müssen jetzt wohl wieder die Ärmel hochkrempeln – ohne ihre genau Botschaft zu kennen.

Joschka Fischer – Der Traum der Werber

Bündnis 90/Die Grünen müssen auch in diesem Jahr um ihren Einzug in den Bundestag zittern. Um stärker als Teil der rot-grünen Bundesregierung wahrgenommen zu werden, werden sie sich auf Kosten der Sozialdemokraten profilieren müssen. Im programmatischen Dilemma befindet sich die Truppe, seit traditionell grüne Themen wie Ökologie oder Pazifismus alleine keine Wählerstimmer mehr bringen. Und entgegen den basisdemokratischen Ritualen der Partei werden die Grünen ihren smarten Außenminister Joschka Fischer ins Zentrum ihrer Kampagne stellen: Fischer ist der beliebteste deutsche Politiker, der ehemalige Straßenkämpfer verfügt sogar über Sympathien in rechten Unionskreisen. Kommt es – wie absehbar – zum Showdown zwischen Schröder und Stoiber, wollen die Grünen mit den Themenfeldern Arbeitsmarktpolitik und der Forderung nach staatlichen Förderprogrammen im linken Traditionsmilieu neue Wählerschichten erschließen. 1,5 Mio Euro lassen sie sich ihre Kampagne kosten. "Entscheidend ist, flexibel auf politische Ereignisse reagieren zu können", erklärte Julian Scholl, für die Agentur
"Zum Goldenen Hirschen" für Bündnis 90/Die Grünen zuständig, in einem Interview. Im Pitch hatte das achtköpfige Hirschen-Team Mitbewerber wie Kolle Rebbe, Enfant Terrible oder Philipp und Keuntje ausgestochen. Die von keiner internationalen Agenturgruppe abhängige Agentur zählt bereits das Umwelt und- Arbeitsministerium und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zu ihren Kunden. Wie wird die PR der krisengeschüttelten Grünen aussehen? "Lustig-lustig-Kampagnen nach dem Pappnasen-Modell der FDP in NRW", wird es nicht geben, erklärte Grünen-Wahlkampfmanager Rudi Hoogvliet zum Auftakt. Die ersten Plakatmotive "Rache für Angie. Grün wählen" und "Wahlkampf 2002 – Wir freuen uns auf euch!" zierten bereits die grüne Bundeszentrale in Berlin-Mitte. Unter dem Schriftzug: "Wir freuen uns auf euch!" waren die missmutigen Gesichter von Stoiber, Westerwelle, Merkel und Gysi abgebildet. Die Hirschen wollen einen »kampfeslustigen, humorvollen und neuartigen« Wahlkampf gestalten. Die Kampagne sei komplex angelegt, transportiere von Anfang an auch Inhalte und könne jederzeit Personen einbeziehen. Es werde nicht nur auf die üblichen Medien, wie Plakataktionen und Fernsehspots gesetzt. »Wir wollen auffallen durch einen zeitgemäßen Wahlkampf, eine moderne Sprache und ungewöhnliche Aktionen. Der Wahlkampf wird auch an Orten stattfinden, wo man die Grünen sonst eher nicht erwartet«, versprach Julian Scholl.

Wer spielt mit den Schmuddelkindern?

Im Unterschied zu mehreren Landesparlamenten gilt die PDS auf bundesebene noch nicht als koalitionswürdig. Schafft sie also den Sprung in den Reichstag, sind ihr die harten Oppositionsbänke sicher. Die Kommunikationsarbeit für die Sozialisten leistet bereits zum dritten Mal die Agentur Trialon aus dem Ostberliner Kleineleuteviertel Pankow. Trialon-Geschäftsführer, Werber schon zu DDR-Zeiten, wehrt sich öffentlich gegen den Verdacht, Trialon käme bei der SED-Nachfolgepartei einen Ossi-Bonus. "Genau so gut hätte eine West-Agentur den PDS-Etat gewinnen können.", Stillschweigen herrscht über geplante Kampagnenschwerpunkte, lediglich das Volumen der voraussichtlichen Wahlkampfaufwendungen ist bekannt. Etwa vier Millionen Euro. Um die PDS vom Geruch des muffigen Altstalinismus längst vergangener DDR-Zeiten zu befreien, bastelte das Trialon-Team an einem Image, dass die Partei mit immer noch massiver Ost-Präsenz vor allem auch im Westen als "frisch, jung, modern und wild" verkaufen wollte. Das Ergebnis ihrer Arbeit zusammenzufassen, kostet Strutz, ein Lächeln und einen einzigen Satz: "Die PDS wirkt heute jünger, dynamischer und frecher als sie wirklich ist", sagt Reiner Strutz der Geschäftsführer von Trialon gegenüber der
TAZ. Der Werbeprofi bekommt bei diesem Spruch keine Gewissenbisse. "Für uns ist die PDS ein Markenartikel", sagt er, "so wie ein Waschmittel, das verkauft werden muss." Seit 1994 arbeiten sechs festangestellte Mitarbeiter zusammen mit einem Team von freien Mitarbeitern am „Corporate Design“, das einheitliche Erscheinungsbild der PDS. Die Partei ist der größte Kunde der Agentur. Integraler Bestandteil aller Kampagnenaktivitäten wird sicherlich der Berliner Wirtschaftsenator Gregor Gysi sein, der als einer der wenigen PDS-Politiker hohe Sympathiewerte auch außerhalb des eigenen Lagers erreicht.

Hier geht `s weiter:
PR-Profis im Wahlkampf 2002: SPD und CDU

Der Artikel erschien am 3. Mai 2002 im
PR Report.

Erschienen am 20.06.2002

Kommentar verfassen