Politische Onlinemacher im Interview: Robert Heinrich (Grüne)

In unserer Interviewserie stehen die Verantwortlichen aller deutschen Parteien für Soziale Netzwerke im Bundestag Rede und Antwort. Was sind die Visionen, Strategien und Hoffnungen, die das Web-2.0 im Wahlkampf zu bieten hat? Die Fragen stellte Patrick Brauckmann.

 

Nachfolgend das Interview mit Robert Heinrich, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit und zuständig für den Onlinewahlkampf der Partei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.

politik-digital.de: Herr Heinrich, Sie sind bei den Grünen für das partei-eigene Social Network „wurzelwerk“ verantwortlich. Welche Aufgaben verbinden sich noch mit Ihrer Tätigkeit?

Robert HeinrichRobert Heinrich: Ich bin für den gesamten Online-Auftritt des Bundesverbandes von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN verantwortlich und damit auch die interne Kommunikations- und Arbeitsplattform Wurzelwerk. In den letzten 12 Monaten durfte ich dieses faszinierende Projekt gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen in der Bundesgeschäftsstelle und den Landesverbänden entwickeln und seine Umsetzung durch die Firma Newthinking begleiten.

politik-digital.de: Wie ist das Network historisch entstanden? Wer hatte wann die Idee dazu?

Das Wurzelwerk ist eine Weiterentwicklung unseres parteiinternen Intranets www.gruene-extra.de. Seit 2002 stellten wir dort den grünen Funktionärinnen und Funktionären Argumentationshilfen, Musterbriefe und Kampagnentipps zur Verfügung. Dank der Einführung einer zentralen Mitgliederverwaltung im letzten Jahr hatten wir endlich die Möglichkeit, den Zugang auf alle Mitglieder auszuweiten. Wir wären ja blöd gewesen, diese Chance nicht konsequent zu nutzen und aus einem reinen Informationsinstrument ein echtes Kommunikationsnetzwerk zu machen. Die Idee ist in Teamarbeit entstanden und entwickelt worden.

politik-digital.de: Wie lange gibt es das wurzelwerk schon und wie viele Mitglieder sind registriert?

Das Wurzelwerk ist seit Mitte April online. Es haben sich schon mehrere Tausend unserer knapp 46.000 Mitglieder registriert. Bis alle drin sind, wird es noch ein Weilchen dauern. Ab Juni werden wir das Wurzelwerk zudem für Nichtmitglieder öffnen.

politik-digital.de: Wie hoch ist die Zahl der Posts pro Mitglied? Greifen Sie zudem die Debatten im Network für die Partei in irgendeiner Weise auf?

Natürlich behalten wir die Entwicklung im Auge, werden Debatten aufgreifen und Feedback verarbeiten. In erster Linie ist das Wurzelwerk aber ein Netzwerk für unsere Mitglieder. Für sie soll es Nutzen stiften – als Wissensdatenbank, Servicepool, Kontaktbörse und Organisationsplattform.

politik-digital.de: Wo steht das Social Network strategisch im Wahlkampf? Wie würden Sie Ihre Zielgruppe im Netz definieren?

Das Wurzelwerk ist kein reines Wahlkampfprojekt, sondern eine langfristig angelegte Plattform der innerparteilichen Kooperation und Kommunikation. Den grünen Kreis- und Ortsverbänden geben wir digitale Werkzeuge an die Hand, um ihre Arbeit vor Ort besser koordinieren zu können. Den Mitgliedern geben wir einen Ort, an dem sie sich nach Interessen vernetzen und dezentral Basisinitiativen und Kampagnen starten können. Für den Bundestags- und Europawahlkampf ist vor allem der exklusive Informationsbereich mit Aktionsvorschlägen, Handbüchern und Argumentationshilfen von Nutzen. Direktkandidaten können ihre Unterstützer im Wurzelwerk organisieren.

Im Gegensatz zum dezentral funktionierenden Wurzelwerk dient die von der Wahlkampfzentrale gesteuerte Mitmachplattform „Meine Kampagne“ als konkretes Kampagnenportal für den Bundestags- und Europawahlkampf.

politik-digital.de: Welche Strategie verfolgen Sie bei kritischen Beiträgen im Network?

Kritische Beiträge sind ausdrücklich erwünscht, solange sie sich an die in den Nutzungsbedingungen formulierten Grundregeln wie Höflichkeit und Fairness halten. Beleidigende, sexistische oder gar rassistische Äußerungen werden nicht toleriert.

politik-digital.de: Welchen Grund gibt es Ihrer Meinung nach, dass sich jemand ausgerechnet beim wurzelwerk anmeldet und nicht über studiVZ, facebook oder XING geht – etablierte Netzwerke, in denen die meisten User bereits aktiv sind?

Das Wurzelwerk kann und soll nicht mit Facebook konkurrieren. Es ist – anders als die großen sozialen Netzwerke – ganz auf die Bedürfnisse der Parteiarbeit zugeschnitten und soll seinen Nutzern für diese Parteiarbeit eine sinnvolle Arbeitsplattform bieten – nicht mehr und nicht weniger.

politik-digital.de: Information, Kommunikation, Partizipation: Ordnen Sie bitte diese drei Begriffe in den Kontext Ihres Networks ein.

Das Wurzelwerk ist zum ersten, zweiten und dritten ein Netzwerk, das Partizipation stärken soll. Bundespartei und Landesparteien informieren unsere Mitglieder über Mitmachmöglichkeiten, liefern ihnen Werkzeuge an die Hand, um sich vor Ort besser an der politischen Arbeit der Grünen beteiligen zu können. Wir bieten den Mitgliedern und Gremien außerdem einen geschützten Raum, um untereinander zu kommunizieren.

politik-digital.de: Welche Rolle spielen die Spitzenkandidaten und deren Team im Network – engagieren die sich selbst?

Die Spitzenkandidaten werden im Bundestagswahlkampf das Wurzelwerk nutzen, um direkt mit den Mitgliedern und Unterstützern zu kommunizieren. Außerdem werden die Teams von  Renate Künast und Jürgen Trittin natürlich regen Gebrauch machen von den Angeboten und Informationen im Wurzelwerk.

politik-digital.de: Der Start des wurzelwerk verlief ja alles andere als glatt. Wie kam es dazu?

Beim Start des Wurzelwerks tauchten plötzlich gravierende Lastenprobleme auf, die in der Testphase nicht bemerkt wurden. Sie sind inzwischen behoben.

politik-digital.de: Wenn Sie den Anteil an interner und externer Kommunikation über Ihr Social Network in Prozent angeben müssten, wie sähe die Verteilung dann aus?

Das Wurzelwerk dient ausschließlich zur internen Kommunikation.

politik-digital.de: Wofür nutzen Sie selbst das parteieigene Netzwerk und wie häufig posten Sie Beiträge?

Ich nutze das Wurzelwerk in gleicher Weise für meine Arbeit, wie es auch andere Funktionsträger in der Partei tun werden. Meine erste Amtshandlung war die Gründung einer Gruppe „Presse- und Öffentlichkeit“, in der ich den Austausch zwischen den grünen Presse- und Öffentlichkeitsarbeitern in Bund und Ländern organisiere. Außerdem bastle ich fleißig am Ausbau meiner Kontaktliste.

politik-digital.de: Ihre Vision für Ihr Social Network im Wahlkampf 2009:

Der Aufbau eines Netzwerks braucht Zeit, permanentes internes Campaigning und eine fortlaufende Evaluation. Der Wahlkampf 09 kann daher nur den Startimpuls für ein langfristig angelegtes grünes Netzwerk geben, das die Arbeit von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in den kommenden zehn Jahren erheblich bereichern und erleichtern wird.

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