Politische Onlinemacher im Interview: Mark Seibert (LINKE)

Im Rahmen unserer Interviewserie stehen die Verantwortlichen für Soziale Netzwerke aller deutschen Parteien im Bundestag Rede und Antwort. Was sind die Visionen, Strategien und Hoffnungen, die das Web-2.0 im Wahlkampf zu bieten hat? Die Fragen stellte Patrick Brauckmann. 

 

Nachfolgend das Interview mit Mark Seibert, Mitglied des Bundesausschusses der Partei DIE LINKE, Mitarbeiter im Bereich Öffentlichkeitsarbeit/Wahlen und Leiter des Online-Ressorts des WahlQuartier, der Wahlkampfzentrale der LINKEN.

Mark Seibertpolitik-digital.de: Herr Seibert, Sie sind bei der Partei DIE LINKE für das partei-eigene Social Network „linksaktiv.de“ verantwortlich. Welche Aufgaben verbinden sich noch mit ihrer Tätigkeit?

Mark Seibert: In der Wahlkampfzentrale der LINKEN, dem WahlQuartier, bin ich Leiter des Arbeitsbereichs „Redaktion, Online-Kampagne und Events“. Ich kümmere mich also im weitesten Sinn um die Außendarstellung der LINKEN und ihrer Kampagne im Wahljahr 2009.

politik-digital.de: Wie ist das Network historisch entstanden? Wer hatte wann die Idee dazu?

Die Idee wurde aus den Gliederungen der Partei an uns herangetragen. LINKE sind besonders diskussionsfreudig und forderten immer wieder eine eigene LINKE Community. Ende 2008 gab es mit zahlreichen Interessierten in Berlin ein Treffen. Dort brachten die Genossinnen und Genossen Ideen auf den Tisch, die heute konzeptionelle Grundlage von linksaktiv.de sind.

politik-digital.de: Wie lange gibt es linksaktiv.de schon und wie viele Mitglieder sind registriert?

Linksaktiv.de startete am 9. April eine nicht öffentliche Betaphase. Gestartet haben wir die Community am 29. April. In der ersten Woche nach dem Start haben sich rund 550 User registriert.

politik-digital.de: Wie hoch ist die Zahl der Posts pro Mitglied? Greifen Sie zudem die Debatten im Network für die Partei in irgendeiner Weise auf?

In der ersten Woche haben die registrierten Mitglieder rund 900 Fotos, 150 Termine, 100 Videos, 100 Blogpostings und mehr als 230 Diskussions-Threads mit unzähligen Einzelbeiträgen gepostet. Wir freuen uns über die rege Beteiligung, weil wir offenbar einem Bedürfnis unserer Mitglieder und Unterstützerinnen und Unterstützer entgegenkommen. Das Feedback, das wir in unserer Community erhalten, nehmen wir in die Kampagnenplanung auf. Eine Einwegkommunikation würde ausgerechnet in einem sozialen Netzwerk wenig Sinn machen. Oftmals sind es aber auch ganz praktische Fragen – sei es zur Wahlkampforganisation oder zu Inhalten – auf die in der Community schnelle Antworten gegeben werden können. Wir fordern in der Community aber auch ganz gezielt Beiträge ein – zu zum Beispiel zum 1. Mai, wo wir die Community baten, uns Fotos und Berichte für unsere Öffentlichkeitsarbeit zu liefern.

politik-digital.de: Wo steht das Social Network strategisch im Wahlkampf? Wie würden Sie ihre Zielgruppe im Netz definieren?

Zwar richten sich unsere Aktivitäten im Internet nicht an eine bestimmte Zielgruppe, sondern an ein breites Publikum. Wir gehen aber davon aus, dass wir insbesondere jüngere Menschen gut erreichen werden, denen die bekannten Sitzungen der Parteigliederungen zu dröge sind. Mit unseren Aktivitäten in sozialen Netzwerken können wir solche Menschen trotzdem gut an die Partei binden und in den Wahlkampf integrieren. Für Regionen mit schwach ausgeprägten Parteistrukturen kann linksaktiv.de ein sinnvolles Organisationsinstrument werden, das Selbstorganisation und eigene Kampagnenplanung ermöglicht.

politik-digital.de: Welche Strategie verfolgen Sie bei kritischen Beiträgen im Network?

Unsere User verpflichten sich zu fairem Verhalten anderen gegenüber. Wenn Beiträge gepostet werden, die andere verleumden, grob beleidigen, die rassistisch oder antisemitisch sind, dann werden diese Inhalte schnell gelöscht. Mit sachlicher Kritik jedoch muss die Partei leben und die Chance zur Debatte nutzen. Im Zweifel haben wir dann auch den Mut, eine andere Meinung einfach stehen zu lassen.

politik-digital.de: Welchen Grund gibt es ihrer Meinung nach, dass sich jemand ausgerechnet bei linksaktiv.de anmeldet und nicht über studiVZ, facebook oder XING geht – etablierte Netzwerke in denen die meisten User ja eh schon aktiv sind.

Wir machen die Erfahrung, dass viele User in mehreren Netzwerken gleichzeitig aktiv sind. Linksaktiv.de ist sozusagen ein Spartenprogramm. Dort kann man Gleichgesinnte finden. Zudem bietet linksaktiv.de Werkzeuge, die für das eigene politische Engagement nützlich sind. Die Mitglieder von linksaktiv.de haben zudem einen besonders kurzen Draht zur Wahlkampfleitung der Partei. Und nicht zuletzt können sich die User unserer Community sicher sein, dass ihre Daten nicht für Marketing verwendet werden, weil wir uns einem hohen Datenschutzstandard verpflichtet haben und nichtmal die IP-Adressen unserer User speichern.

politik-digital.de: Information, Kommunikation, Partizipation: Ordnen Sie bitte diese drei Begriffe in den Kontext ihres Network ein.

Um genau diese Schlagworte geht es auch bei linksaktiv.de. User können sich Informationen aus der Wahlkampfleitung abholen und sonst nichts tun. In der Regel werden sie aber die Möglichkeiten horizontaler Kommunikation und des Austauschs mit Anderen nutzen, die linksaktiv.de bietet. Mit der Mitgliedschaft bei linksaktiv.de bekommen die User aber nicht nur Informations- und Kommunikationstools an die Hand, sondern auch reale Möglichkeiten, selbst Teil der Kampagne zu werden, sie selbst zu gestalten und eigene Akzente zu setzen.

politik-digital.de: Welche Rolle spielen die Spitzenkandidaten und deren Team im Network – engagieren die sich selbst?

Unsere Spitzenkandidaten beobachten nicht nur linksaktiv.de, sondern auch die Profile der LINKEN bei anderen Networks wie Facebook oder StudiVZ mit wachsendem Interesse. Derzeit dominiert die Neugier aus vorsichtiger Distanz. Ich glaube aber nicht, dass Oskar Lafontaine oder Lothar Bisky sich demnächst ein Profil dort einrichten werden. Es ist einfach nicht ihr Medium und das kann man akzeptieren. DIE LINKE hätte auch nichts gewonnen, wenn wir eine PR-Agentur in Herrn Biskys Namen bloggen lassen würden. Authentizität geht für uns vor. Dafür muss man dann auf den einen oder anderen Gag verzichten.

politik-digital.de: Viele Internet-User waren aufgebracht als Ihr Parteimitglied Heimann im letzten Jahr für eine kurzzeitige Sperrung der deutschen Wikipedia gesorgt hatte. Wie kam es dazu?

Lutz Heilmann hat einen großen Fehler begangen, als er versuchte, einer seiner Auffassung nach falschen Darstellung zu seiner Person bei Wikipedia per einstweiliger Verfügung entgegenzutreten. Erreicht hat er genau das Gegenteil. Plötzlich kannte jeder Lutz Heilmann. Die fragliche Information war ja immer noch abrufbar. Die Geschichte mit Lutz Heilmann war der klassische Fall, bei dem jemand das Medium nicht verstanden hat, in dem er wirken wollte. Immerhin: Von dem Lehrgeld, das Heilmann bezahlen musste, profitieren jetzt alle anderen, denn diesen Fehler wird niemand mehr machen.

politik-digital.de: Wenn Sie den Anteil an interner und externer Kommunikation über ihr Social Network in Prozent angeben müssten, wie sähe die Verteilung dann aus? Woran machen Sie das fest?

Das ist im Moment kaum abzuschätzen. Wir werden uns die Entwicklung unserer Aktivitäten genau anschauen und nach den beiden Wahlen im Juni und im September versuchen, eine Antwort darauf zu finden.

politik-digital.de: Wofür nutzen Sie selbst das parteieigene Netzwerk und wie häufig posten Sie Beiträge?

Für meinen „privaten Bedarf“ nutze ich vor allem die Terminverwaltung, die endlich einen praktischen Überblick über die Wahlveranstaltungen in meiner Gegend liefert. Und natürlich die Gruppenforen: Mein Bezirksverband koordiniert die Aktivitäten verschiedener Wahlkampfgruppen über die Community. Zudem laufen gerade spannende Debatten über den Entwurf des Bundestagswahlprogramms und über die aktuelle Plakatkampagne. Ich poste fast jeden Tag mehrere Beiträge.

politik-digital.de: Ihre Vision für Ihr Social Network im Wahlkampf 2009:

Die Networks schließen die Lücke, die traditionelle Parteistrukturen offen lassen. Vor allem neue Mitglieder und Unterstützer finden schnell Anschluss an die Partei und nehmen die Möglichkeiten der Mitbestimmung wahr. Im September werden die Mühen dann mit einem großartigen Wahlergebnis belohnt, weil die Basis der Partei ein ungeahntes kreatives Potenzial wecken konnte.

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