Nach der Wahl ist nach der Wahl

Wahlnachlese in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg


Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz haben gewählt. Und nach der Wahl
ist nicht vor der Wahl. Zumindest im Netz nicht. Haben im Endspurt noch
alle Spitzenkandidaten eifrig gechattet und auf möglichst vielen
Partei-, Kampagnen- und Unterstützungs-Plattformen oder
Personality-Pages kommuniziert und mobilisiert, stellt die
Nachbereitung im Netz die Akteure vor Probleme.

Bereits
der obligatorische Dank an die Wähler und Unterstützer scheint dabei
nicht nur den Verlieren schwer zu fallen. So sucht man sowohl auf Ute Vogts Homepage als auch bei ihren Unterstützern vergeblich nach Dankesworten oder Glückwünschen. Erst bei der Landespartei wird man am Tag nach dem Urnengang fündig. Auch Kurt Beck reagiert auf seiner Personality-Page
nicht und man muss auch hier den Umweg auf die Wahlkampfplattform der
Landespartei gehen. Lediglich Erwin Teufels Team scheint seine beiden Wahlkampf-Sites im Griff zu haben.

Im Internet ist nicht auf der Straße

Dass
sich digitale und analoge Welten nach unterschiedlichen Regeln drehen,
zeigte sich bereits im Wahlkampf deutlich.
Die CDU sammelte mit ihrer umstrittenen Unterschriftenaktion gegen
Jürgen Trittin in den letzten Tagen vor der Wahl angeblich Zehntausende
von Unterschriften auf der Straße und punktete damit offensichtlich bei
ihren Stammwählern. In das Internet fand diese Kampagne keinen Einzug
mehr. Ute Vogt unterstützten hingegen bis zur Wahl 1430 Personen
(namentlich und bildlich) auf der Seite der ersten deutschen Online-Wählerinitiative.

Die
Strategien des Straßenwahlkampfes oder der Massenmedien lassen sich
nicht ohne weiteres auf das Netz übertragen. Für einige Aktionen sind
die Kommunikationswege im Netz zu langsam, weil die Communities zu
klein und unflexibel sind. Noch erreichen Slogans den Wähler auf
Plakaten und der Mattscheibe schneller. In anderen Fällen scheint das
Netz zu flüchtig, um gewichtige Informationen oder Hintergrundwissen
hier zu verbreiten. In vielen Fällen allerdings sind vor allem die
Parteien nicht flexibel oder ideenreich genug, um die Bürger auf ihre
‘Seite’ zu ziehen.

Auf
der Suche nach einer digitalen Wahlnachlese entpuppen sich die
Wahlkampf-Sites der Kandidaten und Landesverbände also als falsche
Adresse.
Wie in der ‘analogen’ Politik oder von der ‘Elefantenrunde’ im
öffentlich-rechtlichen Fernsehen bekannt, übernehmen auch im Netz noch
am Wahlabend die Bundesparteien das Ruder. Die Kommentierung von Sieg
und Niederlage findet überwiegend auf deren Seiten statt.

So wird bei der Bundes-CDU
aufgrund des Ergebnisses in Baden-Württemberg die Verbindung zur
Bundestagswahl hergestellt: "Union hat bei der Bundestagswahl 2002 alle
Chancen". Nach der Wahl eben ist doch vor der Wahl – besonders wenn es
an anderen Themen und Konzepten mangelt.

Die Bündnis-Grünen
gehen eher in Sack und Asche und bekennen in einer kurzen
Bestandsaufnahme der Ergebnisse, dass sie mit den Landtagswahlen in
Südwesten nicht zufrieden sind.

Die FDP
sieht sich trotz der gravierenden Stimmenverluste in beiden
Regierungskoalitionen und als dritte politische Kraft im Lande
bestätigt. Hier unterscheidet sich das Netz strategisch nicht vom
real-politischen Parkett: die politische Interpretation des Geschehens
ist äußerst selektiv.

Willkommen im Internet-Wahlstudio

Nicht
nur die Landesverbände haben nach der Wahl eine digitale Pause
eingelegt. Nachholbedarf besteht auch in der Online-Berichterstattung
vom Wahlabend selbst. Während alle anderen Parteien – wenn überhaupt –
nach dem Motto verfahren: "Landeswahlleiter Übernehmen Sie", auf die Ergebnisse des statistischen Landesamtes oder gar die Online-Berichterstattung anderer Medien verweisen, wartete die SPD mit einem eigens eingerichteten Internet-Wahlstudio
auf. Hier wurden nicht nur die Hochrechnung, Endergebnisse, Bilder des
Abends und Folgetages präsentiert, sondern es bestand auch die
Möglichkeit, am Wahlabend ab 18:00 Uhr Glückwünsche und Kommentare in
ein Gästebuch einzutragen.

Diese
innovative Art der Online-Berichterstattung weist in jedem Fall die
Richtung für eine angemessene Nachlese von Wahlen. Die aufwendig
gestalteten Wahlkampfplattformen sollten nicht nur Glückwünsche und
Danksagungen bereithalten, sondern könnten auch die Information und
Kommunikation nach der Wahl fortführen. Gerade für
Koalitionsverhandlungen, Kabinettsbildung und bis zur Vereidigung der
neuen Regierung bietet sich diese Kontinuität an. Als letzter Akt vor
der nächsten Wahl bliebe dann noch die Archivierung der Wahl-Plattformen als Zeitdokumente des Internet.

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