Mit dem Smartphone gegen Kriegsverbrechen

oinkoinkFolter, Genozid, Verbrechen gegen die Menschlichkeit – die Liste der Kriegs- und Krisenschauplätze der Welt ist lang, und die Gräueltaten die dort geschehen, werden zunehmend von Smartphones festgehalten. Mit der eyeWitness-App aufgenommenes Bild- und Videomaterial kann künftig auch als Beweismittel vor Gericht eingesetzt werden.

Tote Körper mit nichts am Leib als einer Augenbinde liegen gekrümmt auf dem staubigen Boden. Rotes Blut versickert im dunklen Sand und uniformierte Soldaten erschießen gefesselte, auf dem Boden kniende Gefangene aus nächster Nähe. Es sind Szenen mutmaßlicher Hinrichtungen von Tamil Tiger Aktivisten zum Ende des blutigen Bürgerkriegs in Sri Lanka aus dem Jahre 2009 – festgehalten auf Video. Das Filmmaterial dokumentiert nicht nur die Kaltblütigkeit, mit der die Täter vorgehen, sondern zeichnet auch deren Gesichter auf. Trotzdem war es äußerst schwer, sie für ihre Taten zu belangen. Der Grund: Das Hinrichtungsvideo konnte vor Gericht nicht zweifelsfrei als Beweismittel dienen, zu unklar waren Zeit und Ort der Aufnahme, zu fraglich also auch deren Authentizität. Als Mark Ellis, Geschäftsführer der International Bar Association (IBA), gebeten wurde, das Videomaterial aus Sri Lanka zu kommentieren, war schnell die Idee für eine App geboren, die nun unter dem Namen „eyeWitness to atrocites“ veröffentlicht wurde. Sie soll verhindern, dass Täter weiterhin trotz belastender Beweise entkommen, und dafür sorgen, dass Augenzeugenvideos aus Kriegs- und Krisengebieten künftig als authentisches Beweismittel vor Gericht eingesetzt werden können. Die App, die die IBA zusammen mit der Informationsfirma LexisNexis entwickelt hat, kann kostenlos auf alle Android-Geräte geladen werden.

Mit Handykameras aufgenommene Bilder und Videos von Kriegsverbrechen gibt es bereits zuhauf – und auch Mittel und Wege, diese nachträglich zu verifizieren. „Diese Methoden können aber zeitaufwendig und ergebnislos sein“, sagt Wendy Betts, Leiterin des eyeWitness-Projekts der IBA. Deshalb sammelt die neu entwickelte App direkt bei der Aufnahme von Fotos, Videos oder Audiodateien Informationen von den Gerätesensoren und bettet sie in die Datei ein, um deren Herkunft zweifelsfrei zu bestätigen. So werden mit der App aufgenommene Bilder mit GPS-Koordinaten, Datum und Uhrzeit versehen, außerdem hält ein Zähler die Anzahl der Pixel fest. Damit kann nachgewiesen werden, dass die Bilder nicht nachträglich digital manipuliert wurden. Zudem besteht die Möglichkeit, Personen in den mit der App aufgenommenen Dateien zu taggen; mithilfe verschiedene Kategorien kann angekreuzt werden, ob es sich bei einer Person dem Anschein nach um Täter, Opfer oder Zeuge handelt, und ob sie der Polizei, dem Militär oder einer anderen bewaffneten Gruppe angehört. An verschiedenen Stellen fragt die App konkret nach, so können wichtige Details niedergeschrieben werden, bevor sie im Gedächtnis verblassen. Das Bildmaterial wird dann als verschlüsselte Datei an einen Sicherheitsserver von LexisNexis gesendet, wo eine Version der Datei verschlüsselt bleibt, während eine andere von Experten ausgewertet wird.

Der Schutz des Fotografen steht im Mittelpunkt

Die Verschlüsslung sämtlicher Informationen durch die App dient der Wahrung der Beweismittelkette – aber auch dem Schutze des anonym bleibenden Fotografen. Dessen Sicherheit steht ohnehin im Fokus, zahlreiche Mechanismen sollen verhindern, dass er sich durch die Aufnahme von Fotos oder Videos in ohnehin brenzligen Situationen zusätzlicher Gefährdung aussetzt. Deshalb tauchen die mit der App aufgenommenen Bilder nicht in der normalen Galerie des Endgeräts auf, sondern werden in einem separaten, mit einem Wischmuster geschützten Ordner gespeichert. Wird das Filmen bemerkt, sind die Bilddateien auf dem Handy nicht auffindbar und können von den Tätern nicht vernichtet werden. Und weil in riskanten Situationen oft jede Sekunde zählt, kann die App über einen „Panikknopf“ mit nur einem Klick beendet und zur normalen Kamera zurückgekehrt werden. Innerhalb weniger Sekunden kann die App auch komplett deinstalliert werden, so dass sie bei einer Kontrolle des Smartphones nicht mehr nachweisbar ist.

Dass die mit der App gemachten Aufnahmen vor jedem erdenklichen Gericht in jedem erdenklichen Land als Beweismittel anerkannt werden, ist natürlich utopisch. Aber: „Auch wenn jede Rechtsprechung ihre eigenen Regeln zur Zulässigkeit von Bild- und Videomaterial hat, ist die App so designt worden, dass sie die meisten Anforderungen erfüllt“, sagt Betts. Dafür haben sie und ihr Team ausführlich die Zulässigkeitsstandards von Video- und Bildbeweisen in verschiedenen Rechtsprechungen recherchiert und dabei internationale, nationale und regionale Gerichte einbezogen. In einem sechsmonatigen Feldtest in Syrien, Kenia und Libyen wurde die App vor der Veröffentlichung getestet und verbessert.

Die Aufnahmen landen vor Gericht – und auf Facebook

Was mit der eyeWitnessApp dokumentiert werden soll, ist dabei klar festgelegt: internationale Gräueltaten nämlich, nach internationalem Recht zählen dazu Kriegsverbrechen, Folter, Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Für andere Verbrechen solle man die örtlichen Behörden kontaktieren, heißt es. Trotzdem könnte eine Verwendung der App auch hierzulande denkbar sein. Gerade bei Ausschreitungen zwischen Polizei und Demonstranten ist es oft schwierig, im Tumult die Verantwortlichen ausfindig zu machen – hier könnte die eyeWitness-App Klarheit schaffen. Auch Betts kann sich vorstellen, dass die App-Technologie auf andere Situationen übertragen werden könne. eyeWitness als Organisation fokussiere sich jedoch darauf, Verantwortlichkeit bei internationalen Gräueltaten zu schaffen.

Bilder und Videos dieser Schreckenstaten landen aber nicht nur auf dem Richterpult. Auch Facebook und Youtube sind voll von Enthauptungsvideos und Bildern trauernder Familien, die ihre toten Angehörigen in den Armen tragen. Woher die Videos stammen und unter welchen Umständen sie aufgenommen wurden, ist oft unklar, nicht immer zeigen sie das, was sie vorgeben zu zeigen. Im Internet finden sich zahlreiche Berichte über gefälschtes Bild- und Videomaterial. Das schadet nicht nur den vermeintlichen Tätern, sondern auch denen, die unter großer Gefahr authentisches Material ins Netz stellen. Aktivisten vor Ort hätten ihre Frustration darüber ausgedrückt, dass ihre Videos und Fotos von den Tätern denunziert würden und ihren Aufnahmen mit einer generellen Skepsis begegnet werde, berichtet Betts. Die App ist deshalb auch eine Reaktion auf den zunehmenden Einfluss des Bürgerjournalismus. Mit ihr aufgenommene Bilder, die als verifiziertes Material in den sozialen und traditionellen Medien und über Menschenrechtsorganisationen geteilt werden, können so Missstände aufzeigen, die sonst nicht an die Öffentlichkeit gedrungen wären. Und eine größere Wirkung als Bilder und Videos von Augenzeugen haben nur eben solche, die zweifelsfrei echt sind.

Bild: Screenshot von Werbefilm

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