Miles and more: Die Stationen des US-amerikanischen Wahlmarathons

In wohl keinem Land der Erde braucht man einen so langen Atem, um
Präsident zu werden wie in den USA. Dieser Wahlmarathon ist ein echter Langstreckenlauf.

Nicht selten machen sich die
Kandidaten bereits zwei Jahre vor dem Wahltermin auf den Weg, sammeln
Geld und hangeln sich durch die Vorwahlen, um schließlich von ihrer
Partei als Kandidat aufgestellt zu werden. Erst danach beginnt der
eigentliche Wahlkampf und das Werben um die Stimmen von rund 100
Millionen US-Amerikanern. Viele der ursprünglichen Kandidaten bleiben
unterwegs auf der Strecke, einer wird fast königlich belohnt: mit dem
Amt des mächtigsten Mannes der Welt. (Unter den 42 bisherigen
Präsidenten war noch keine einzige Frau, und auch der 43. Sieger wird
keine Ausnahmeathletin sein.)

Der 7. November ist beim
diesjährigen Durchgang der Tag der Entscheidung: Dann wählen diejenigen
Amerikaner, die sich vorher für die Wahl registrieren ließen,
gleichzeitig 33 der 100 Senatoren, alle 435 Mitgliedern des
Repräsentantenhauses und ihren Präsidenten – letzteren direkt indirekt.
Denn eigentlich bestimmen sie nur die 538 so genannten Wahlmänner im
electoral college, die wiederum den Präsidenten küren. Diese
Sicherheitsschranke stammt noch aus den Gründerzeiten der USA, als es
den Kandidaten an den Transportmitteln fehlte – ganz zu schweigen von
den Medien – um landesweiten Wahlkampf zu betreiben und sich angemessen
zu präsentieren. Und ein bisschen Angst hatten die Verfassungsväter
auch, als sie vor mehr als 200 Jahren diesen zweistufigen Wahlmodus
einführten: Angst nämlich davor, dass das Volk möglicherweise
unbesonnenen und tugendlosen Gesellen seine Stimmen geben könnte.
Deswegen so können die Wahlmänner, erst einmal gewählt, rein formal
frei nach ihrem Gusto sich für einen Kandidaten entscheiden. Sie tun es
aber nicht, sondern halten sich an das Votum der Bürger.

Einige Bewerber um das
Präsidentenamt wären schon froh, wenn sie überhaupt diese Endrunde
erreichen würden. Bei den derzeitig unregelmäßig stattfindenden
Vorwahlen, den primaries, bestimmen die Parteien ihren Kandidaten für
die ‘richtige’ Wahl. So verfügt jede der beiden großen Parteien, die
Republikaner und die Demokraten, in jedem Bundesstaat über einen Stamm
von registrierten Wählern. Sie stimmen über die verschiedenen Bewerber
ab. Dem Ergebnis der Vorwahlen entsprechend ernennt jede Partei in
jedem Bundesstaat Delegierte, die dann nach Ablauf aller primaries auf
dem landesweiten Parteitag im Sommer den offiziellen Kandidaten ihrer
Partei küren.

Nicht alle Vorwahlen sind gleich
wichtig. Die Anzahl der Delegierten und damit der Stimmen ergibt sich
aus der Bevölkerungsanzahl des jeweiligen Bundesstaates. Und je nach
Staat ist das Wahlrecht unterschiedlich: Während in einigen Staaten der
Sieger alle Delegiertenstimmen für sich kassiert, werden diese in
anderen Staaten nach den jeweiligen Stimmenanteilen aufgesplittet.

Noch bis Juni ist Vorwahlzeit,
Saisonhöhepunkt in diesem Jahr ist im März. Es ist deswegen gut
möglich, dass schon gegen Ende März die Sieger und damit die beiden
Kandidaten der großen Parteien feststehen. Deren offizielle Nominierung
durch mehrere Tausend Delegierte auf den Parteitagen wird zum
emphatischen Fest mit einer gehörigen Prise Patriotismus: Für die
Republikaner steigt die Feier vom 29. Juli bis 4. August, bei den
Demokraten vom 14. bis 17. August. Die ‘Reform-Partei’, eine
konservative Gruppierung, der noch am ehesten Chancen eingeräumt
werden, den beiden etablierten Parteien Konkurrenz zu machen, bestimmt
ihren Kandidaten auf dem Parteitag vom 10. bis 13. August

.
Diese langwierige Prozedur sparen sich die unabhängigen Kandidaten und
auch die kleinen Parteien: Sie versuchen derweil, statt Stimmen Spenden
für ihren Wahlkampf zu sammeln. In diesem Jahr sieht es allerdings
nicht danach aus, dass einer der Unabhängigen zu einer echten
Konkurrenz werden könnte. Für sie, wie für alle sonstigen Parteien gilt
so auch beim Wahlmarathon das hinlänglich bekannte olympische Motto.
Übrigens: Um die Präsidentschaft kann sich jeder bewerben, der
mindestens 35 Jahre alt ist, seit 14 Jahren in den Vereinigten Staaten
lebt und als US-Bürger geboren wurde.

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