Medienbildung ist gesellschaftspolitische Aufgabe

Jugendliche in einem GamesstoreÜberall und jederzeit? Für Kinder und Jugendliche ist die elektronische Kommunikation im virtuellen Raum zur Normalität geworden. Die Möglichkeiten sind zahlreich: Neben der einfachen Recherche nach Informationen spielen vor allem Filme und Musik eine wichtige Rolle, aber auch das Bloggen, Chatten oder Posten in Foren. Am bedeutsamsten sind aber ohne Frage die sozialen Netzwerke, deren Nutzung durch Smartphones und Flatrates nachträglich gefördert wird.

In den sozialen Netzwerken ist eine Parallelwelt entstanden: Kinder und Jugendliche kommunizieren nicht mehr nur von Angesicht zu Angesicht, sondern gleichzeitig auch von Online-Profil zu Online-Profil miteinander. Und in der sogenannten Generation Internet gerät schnell ins Hintertreffen, wer nicht regelmäßig soziale Netzwerke nutzt. Diese Erlebniswelt im World Wide Web fesselt die junge Generation wie kein zweites Medium zuvor aufgrund der vielseitigeren interaktiven Möglichkeiten. Dass es dabei auch zu unerwünschten Nebeneffekten kommen kann, haben beispielsweise die spontanen Mobilisierungen von Jugendlichen zu Hauspartys über das Internet drastisch vor Augen geführt.

Zahlreiche Studien machen mittlerweile auf die Bedeutung der Neuen Medien für Kinder und Jugendliche aufmerksam (z.B. KIM- oder JIM-Studie sowie Shell-Jugendstudie). 43 Prozent der Sechs- bis Dreizehnjährigen nutzen soziale Netzwerke (KIM-Studie 2010), Tendenz steigend. 12 bis 19-Jährige verbringen im Schnitt 134 Minuten pro Tag im Netz (JIM-Studie 2011), die Shell-Jugendstudie von 2010 besagt, dass 96 Prozent der 12 bis 25-Jährigen das World Wide Web knapp 13 Stunden pro Woche nutzen. Laut ARD/ZDF-Onlinestudie 2011 gehen 52 Millionen Deutsche ab 14 Jahren ins Netz; vor allem die Anzahl der mobilen User, die unterwegs auf das Internet zugreifen, steigt an. Was bedeutet das für für die Medienerziehung?

Herausforderungen der Mediennutzung

Wie so viele andere Dinge hat auch das Internet seine Schattenseite. Beim Blick in die Zeitungen, die Fernsehnachrichten, aber auch auf die Schulhöfe zeigt sich das Ausmaß an ungewollten Folgen. Das ist vom sogenannten Cybermobbing, Happy Slapping oder Mobile Bullying die Rede – allesamt Formen der physischen und psychischen Gewalt in Verbindung mit Neuen Medien. Kinder und Jugendliche schicken beispielsweise “Hassmails”, filmen peinliche Situationen oder nehmen gewalttätige Akte auf, um andere damit zu terrorisieren. Eine wichtige Rolle spielen hierbei Videoportale, die ihren Nutzern die Veröffentlichung privater Videos ermöglichen Damit wird ein großes Publikum erreicht, ohne dass nennenswerte Aufsicht besteht. Zwar können anstößige Inhalte gemeldet werden, doch längst nicht alles wird unverzüglich durch die Kontrolle der Anbieter erfasst. Welche Auswirkungen damit verbunden sind, haben die jüngsten Suizidfälle von Jugendlichen gezeigt, die u.a. auf die systematische körperliche und/oder geistige Drangsalierung durch Mitschülerinnen und -schüler zurückzuführen waren. In der virtuellen Welt sind die Betroffen nicht selten auf sich gestellt und den Anfeindungen schutzlos ausgeliefert. Hinzu kommt das fehlende Problembewusstsein der Erwachsenen, die entweder nichts von diesen Entwicklungen wissen oder die Alarmzeichen zu spät erkennen.

Ein anderen Aspekt betrifft das Suchtverhalten bei jungen Menschen. Nicht wenige gelten als internetsüchtig, vor allem in Bezug auf exzessives “Gaming”. Das Online-Rollenspiel World of Warcraft steht beispielsweise immer wieder im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit, weil sich die Spieler völlig in der virtuellen Welt verlieren können. Aber auch Kaufsüchtige nutzen mittlerweile das Netz, um dort rund um die Uhr zu shoppen. In die Falle tappen Kinder und Jugendliche nicht selten bei Abonnements, denen sie ohne Rücksicht auf die Konsequenzen zustimmen. Zum Teil sind diese Angebote gut versteckt und auf den ersten Blick nicht erkennbar. Das „Gesetz zur Änderung des Bürgerlichen Gesetzbuchs zum besseren Schutz der Verbraucherinnen und Verbraucher vor Kostenfallen im elektronischen Geschäftsverkehr“, das am 1. August 2012 in Kraft getreten ist, soll in Zukunft dafür sorgen, dass solchen online abgeschlossenen Verträgen und Kostenfallen ein Riegel vorgeschoben wird – ob die „Buttonlösung“ die richtige Antwort auf die Probleme darstellt, bleibt abzuwarten. Doch es geht auch um kostenlose Angebote, für die sich die User registrieren müssen und auf diese Weise Name und Adresse sowie Vorlieben preisgeben, die sich dann in personalisierter Werbung äußern. Viren, Trojaner und Spy- oder Mallware werden so Tor und Tür geöffnet, ganz zu schweigen vom sogenannten Phishing. Diese Programme spähen die privaten Daten aus, oder beschädigen den PC. Übertragen werden sie häufig über (illegale) Downloads.

Aufklärung über illegale Downloads oder Filesharing spielt mittlerweile ebenfalls eine große Rolle. Die Verletzung des Urheberrechts bei Tauschbörsen ist vielen Kindern und Jugendlichen nicht bewusst; nicht zuletzt, weil das Internet den Eindruck erweckt, alles wäre frei verfügbar. Hinzu kommen jugendgefährdende Angebote, wie Seiten mit pornographischen oder gewaltverherrlichenden Inhalten, aber auch sogenannte Online-Shooter, in denen das Töten im Mittelpunkt steht. Über das Spiel Counter-Strike wurde beispielsweise im Zusammenhang mit “School-Shootings” immer wieder berichtet. Neben dem permanenten Online-Sein und den vielen zweifelhaften Verlockungen macht Jugendschützern vor allem der Schutz der Privatsphäre zu schaffen. Gerade das Einstellen von Fotos oder das Posten von Statusmeldungen birgt Gefahren, weil es auf diesem Weg tatsächlich zu Erpressbarkeit kommen kann. Hier kommen vor allem rechtliche Aspekte zum Tragen: die unwissentliche Preisgabe von sensiblen Daten an Dritte. Jugendschutz muss daher vor allem heißen, Kinder und Jugendliche vor Missbrauch zu schützen, der im Netz lauert.

Konsequenzen für Schule und Politik

Die aufgezählten Herausforderungen machen mit Nachdruck deutlich, dass die Gefahren, die mit der Mediennutzung einhergehen, nicht vernachlässigt werden dürfen. Vielmehr sind die Eltern sowie die Politik gefordert, durch Verbote, Aufklärungskampagnen und Engagement diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. Auf die Eltern kommt dabei die Herausforderung zu, den Umgang ihrer Kinder mit Medien zu kontrollieren und sich auch selbst damit zu befassen, damit die virtuelle Welt kein Buch mit sieben Siegeln bleibt. Soziale Netzwerke, Smartphones, jugendgefährdende Seiten und Kostenfallen müssen dabei ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Aber auch die Schule ist in Bezug auf die Medienbildung gefragt. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus, so dass beispielsweise bei Elternabenden die Möglichkeit besteht, sich über diese Herausforderungen auszutauschen. Weiterhin stellt sich immer wieder die Frage, ob Medienbildung als eigenes Fach eingeführt werden sollte. Der Umgang mit Medien ist in vielen Fächern ja bereits unumgänglich, da sich im Netz Informationen aus allen Bereichen recherchieren lassen. Vorstellbar wäre aber auch, (neue) Medien in den Unterricht der verschiedenen Fächer zu integrieren. Dafür ist es wichtig, auf die aktuellen Herausforderungen zu reagieren und neue Formate in den Unterricht zu integrieren, also z.B. Wissensportale zu thematisieren – und zu nutzen. Erst dann, wenn Medienbildung in allen Fächern ein Thema ist, wird ein produktiver Umgang mit ihren Formaten in allen Kontexten ermöglicht.

Medienkompetenz ist allerdings nicht nur auf die Schule beschränkt. Zwar ist dort sicherlich Raum für die ersten gemeinsamen Schritte, dennoch handelt es sich um eine Aufgabe, die im außerschulischen Umfeld, durch öffentliche und private Träger, wahrgenommen werden muss. Schließlich ist die Auseinandersetzung mit Neuen Medien eine lebenslange Herausforderung. Mit jeder neuen Innovation steigen auch die Ansprüche an die Nutzer, diese Technologie verantwortungsvoll zu nutzen. Vor allem in Bezug auf die Möglichkeit, die Lebenswelt zu gestalten sowie an der Gesellschaft mitzuwirken und sich politisch zu beteiligen, gewinnen die Neuen Medien mehr und mehr an Bedeutung. Von politischer Seite hat sich bereits einiges getan: Verschiedene Projekte, Aktionen und Initiativen sollen die Eltern für die virtuelle Welt im Netz sensibilisieren. Beispiele dafür sind:

Die Initiative „Schau hin!“, eine gemeinsame Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Kinder sowie Vodafone, ARD, ZDF und TV Spielfilm. Für die Initiative setzen sich Prominente als Botschafter ein, um auf die Gefahren des World Wide Web aufmerksam zu machen.
Weiterhin gibt es ein Beratungsangebot und einen Coach für fragende Eltern. Diese können einen sogenannten Medienpass erwerben, der zertifiziert, dass sie auch über Einzelheiten Bescheid wissen.

Die EU-Initiative „klicksafe.de“, Internetangebot „Surfen : ohne : Risiko“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Informationen rund um den Jugendschutz gibt es auf www.jugendschutz.net

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