Libanon: Anfänge einer digitalen Parallelgesellschaft

Politics en BlogKorruption, Armut, Menschenrechtsverletzungen – aber immerhin freie Medien: Der Autor Antoun Issa beschreibt in der
Serie Politics en Blog von politik-digital.de, wie sich die libanesische Netzgemeinde kontinuierlich gegen die Missstände in ihrem Land zu wehren versucht.
In der Gastautoren-Reihe geben Blogger aus digitalen Schwellenländern einen Einblick in ihre netzpolitische Welt.

Für viele ist das Bild vom Libanon, diesem kleinen Land im Mittleren Osten, geprägt von der Tragödie seiner gewaltvollen Geschichte. Bürgerkriege, zügellose Korruption sowie politische und ökonomische Misswirtschaft haben das Land geschwächt, genauso wie die Massenemigration seit der Unabhängigkeit vor einem halben Jahrhundert.

Foto: Radio Nederland Wereldomroep cc-by-nd-2.0
 

Trotzdem hebt sich der Libanon als einer der nicht-autokratischen Staaten vom Rest der arabischen Welt ab. So existiert etwa eine relative Pressefreiheit, die beispiellos ist für die arabische Welt, in der die Zensur von Informationen an der Tagesordnung steht.

Propaganda- Medien

Allerdings wird der mediale Diskurs oft überdeckt vom täglichen Streit der sich erbittert bekämpfenden politischen Lager des Landes. Viele der großen Massenmedien im Libanon sind im Besitz einer der führenden politischen Fraktionen. Und auch, wenn der Libanon vielleicht tatsächlich ‘freie’ Medien hat, erschöpfen sich die Debatten in den Agenden der politischen Eliten. Viele alltägliche Fragen und Probleme kommen dabei zu kurz.

Darüber hinaus leidet die libanesische Bevölkerung immer noch unter täglichen Stromausfällen, mangelhaften Straßen- und Beförderungssystemen, schlechter Wasserqualität, einem hohen Grad an (Umwelt-) Verschmutzung und chronischer Arbeitslosigkeit. Dazu kommen noch die immer wiederkehrenden militärischen Auseinandersetzungen und politischen Attentate.

Alternative Medien – Online-Aktivismus

Viele Libanesen haben nicht nur ihre schlechten Lebensumstände satt, sondern auch die Tatsache, dass niemand darüber spricht. Das Internet bietet nun einen freien medialen Raum, in dem jeder einzelne seine Wünsche äußern und mit der Politik und der Verwaltung des Landes abrechnen kann. Wo die libanesischen Massenmedien versagen, behandeln mittlerweile Blogger, Bürger und Online-Journalisten die drängendsten politischen, ökonomischen und sozialen Probleme.

Auch Menschenrechtsaktivisten nutzen das Netz, um auf die Notlage der – oftmals brutal ausgebeuteten – ausländischen Hilfsarbeiter aufmerksam zu machen.
Mit Ethiopian Suicides betreibt zum Beispiel ein Autor mit dem Pseudonym "Wissam" einen ganzen Blog, der sich mit den Menschenrechtsverletzungen an den Gastarbeitern im Libanon beschäftigt. In einem seiner Beiträge dokumentierte er u.a. sehr detailliert die Geschichte eines philippinischen Arbeiters, der sich das Leben genommen hatte.

Neue politische Stimme

Im Libanon gewinnt politisches Bloggen allmählich an Tempo. Lange galt es als typisch für die Libanesen, Online- User eingeschlossen, sich mit einer der rivalisierenden politischen Fraktionen zu identifizieren. Aus dem Freiraum, den das Netz bietet, ist jedoch eine libanesische Blogosphäre entstanden, die frei von politischem und konfessionellem Lagerdenken ist. Eine komplette Absage an die politische Elite des Libanon findet sich beispielsweise lautstark formuliert in dem Blog der bekannten Cartoonistin Maya Zankoul.

Derzeit kreist eine politische Schlüsseldebatte um den Vorschlag, ein nationales Kommittee einzuberufen, das die Abschaffung des "politischen Sektierertums", d.h. die Vergabe von politischen Ämtern nach religiöser Zugehörigkeit, prüfen soll. Diese libanesische ‘Tradition’ wird von vielen als Ursache für Korruption und Instabilität im Land gesehen. Ein paar politische Schwergewichte haben sich bereits zusammengeschlossen, um das bestehende System zu erhalten und die Ergebnisse der Kommission dahingehend zu beeinflussen. Doch eine Initiative von libanesischen Bloggern stellt sich dem entgegen und fordert einen säkularen Staat ohne religiöse Vetternwirtschaft.

Über Facebook wurde dazu ein Aufruf verbreitet, am 25. April auf die Straßen zu gehen, um dort für die Säkularisierung des Staates zu demonstrieren. Einer der prominentesten Vertreter dieser Bewegung ist der einflussreiche Blogger Quifa Nabki. Er klagt regelmäßig in seinem Blog all jene an, die vom bestehenden korrupten System der Sektierer profitieren und es deshalb erhalten wollen.

Doch trotz all dieser Aktivitäten steckt die libanesische Online- Bewegung bislang noch in den Kinderschuhen. Zwar haben soziale Netzwerke und die Blogosphäre den Libanesen eine gemeinsame Bezugsebene eröffnet, die durch die politische und soziale Zersplitterung des Landes vor kurzem noch undenkbar war. Im Vergleich mit den millionenschweren Massenmedien aber, die der verlängerte Arm der politischen Machthaber sind, ist ihr Einfluss noch immer beschränkt. Dennoch: Die libanesische Netzgemeinde wächst und formt eine parallele Gesellschaft, die sich von der korrupten libanesischen Politik emanzipiert.

Übersetzt aus dem Englischen von politik-digital.de.

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