Kunstprojekt durchbricht Internetzensur

Mit dem Kunstprojekt "picidae"
wollen zwei Schweizer Künstler die weltweite Internetzensur
umgehen. Beim Besuch in der politik-digital.de-Redaktion sprachen
Christoph Wachter und Mathias Jud darüber, wie sie die chinesische
Firewall ausgetrickst haben und wie man mitmachen kann.

 

politik-digital.de: picidae
ist jetzt seit einer Woche online. Was gab es bislang für Reaktionen?

Wachter und Jud: Es gab schon wahnsinnig viele
Rückmeldungen, die waren unglaublich positiv. Bis auf ein paar
Programmierer, die sich in irgendwelche Animositäten verstrickt
haben. Es gibt halt so ein paar Eitelkeiten: „Eigentlich hab
ich es erfunden“, „Das gab’s doch schon“,
„Das ist der völlig falsche Weg, das geht doch niemals“.
Aber das ist wirklich marginal.

 

 

Quelle: www.picidae.net
picidae-Entwickler Mathias Jud (links) und Christoph Wachter

Was entgegnen Sie denen?

Es ist da und es funktioniert. (lacht)

picidae wandelt HTML-Seiten in Bilder um, damit die maschinelle
Internet-Zensur umgangen werden kann. Im Kern ist es ein Screenshot-Programm,
das Links erkennt und Webadressen sowie Suchanfragen codiert: Ein
Werkzeug gegen Zensur. Warum sagen Sie trotzdem: Wir sehen uns als
nicht als Menschenrechtsaktivisten, sondern als Künstler?

Wir kommen aus der bildenden Kunst und machen Projekte von dieser
Seite her. Beim Kunstwerk gibt es eine Interpretationsoffenheit.
Ich kann anhand eines Kunstwerks meine eigenen Ansichten gewinnen.
Wir gehen einen Schritt weiter und fragen: Wie entstehen die eigenen
Ansichten? Eine kleine Radikalisierung des Kunstbegriffs. Die Frage
führt uns an die Grenzen der Wahrnehmung, an Grauzonen wie
ein konkretes Verbot oder bewusste Ausblendungen. Deshalb ist es
spannend zu fragen: Wer hat die Autorenschaft über meine eigene
Sicht? Das ist natürlich von diesen Randgebieten aus besser
sichtbar als aus der Mitte, wo wir immer nur das angucken, von dem
wir denken, das ist das Richtige und Wahre. Wir als Künstler
geben den Leuten ein Tool an die Hand, um die eigene Wahrnehmung
zu befragen. Wie souverän bin ich in meiner Wahrnehmung?

Das World Wide Web also nur eine Illusion?

Natürlich ist eine Art von Vernetzung da, aber wir können
uns über das Internet noch mal vernetzen, um noch etwas über
das Medium herauszufinden. Dann wird picidae zu einem Werkzeug des
Erkennens, das uns eine andere Perspektive auf das Internet ermöglicht.
Es ist eine Abbildung des Internets an einem anderen Ort. Das ist
schon alles. Es bringt nichts Neues an Inhalten, es macht nur sichtbar,
was anderswo unsichtbar ist. Es ist später nicht mehr nachzuvollziehen,
was man damit abgerufen hat und deshalb relativ unproblematisch.
Es geht auch darum, dass man ein Tool kriegt, mit dem man plötzlich
mal durch diese Mauer, diesen digitalen Vorhang gucken kann. Das
ist ja eigentlich das Spannende. Auch von unserer Seite mal zu gucken,
wann diese Filtersysteme überhaupt eingreifen. Darüber
überhaupt nachzudenken, ist denke ich das größte
Potenzial von picidae – neben dem konkreten Nutzen.

Wie lange haben Sie an der Technik gefeilt?

Wir haben im Frühjahr 2007 in Halle mit dem Projekt begonnen
und der Frage: Wie kann man eigentlich eigene Ansichten generieren,
wenn man abgeschnitten ist von ganz vielen anderen Positionen in
der Welt? Auf die heutige Zeit übertragen ist das sicherlich
das Internet und die eigene Position darin. So kam die Idee. Wir
haben einige Wochen daran entwickelt, bis es geklappt hat. Wir haben
das Tool aber nicht geschaffen, weil wir etwa die einzigen wären,
die die technischen Feinheiten dazu haben. Wenn man sich fragt,
wie man Zensur konkret umgehen kann, kommt man immer auf ganz andere
technische Lösungen. Da überlegt man an Verschlüsselungen
rum und wie man seine IP-Adresse möglichst schnell ändern
kann. Dadurch, dass wir von der künstlerischen Seite kommen,
die immer nach dem „Bild der Welt“ fragt, war das für
uns der Weg, den wir genommen haben. Und deshalb ist es auch so
ein einzigartiger Weg.

Sie waren im März und April für drei Wochen in
Shanghai und Peking, wo Sie picidae getestet haben. Blieb die Aktion
erst mal geheim?

Von dem Projekt hat niemand gewusst. Ich wäre ungern nach
China gereist unter dem Motto: Wir kommen jetzt eure Firewall ausprobieren.
Auch wenn es wirklich kein Hacking ist, was wir machen. Das Zensur-System
dort wurde erst in den letzten Jahren aufgebaut. Und es wird immer
stärker. 2006 wurde es noch einmal verschärft. Man muss
sich jetzt ausweisen, wenn man in ein Internetcafé geht,
dann wird man handschriftlich in Listen eingetragen. Die haben auch
Aufseher, die rumgehen und vor allem Touristen überwachen.

Ihnen ist trotzdem gelungen, ihr Programm auf dem Server
in Zürich aufzurufen und von Peking aus brisante Webseiten
anzusteuern. Sicher nicht ohne Risiko?

Es ist ja nicht so, dass jeder einzelne Monitor eine Kamera hat,
sondern der ganze Raum ist überwacht. In Peking hängen
auch überall auf der Straße Videokameras rum. Wir haben
ja nicht nur picidae verwendet, das wäre ja kein Problem gewesen.
Wir wollten halt auch gucken, ob es wirklich zensiert ist und haben
auch zensierte Seiten aufgerufen. Daran hatten sie, glaube ich,
weniger Spaß. Da legt man schon mal verschiedene Seiten lahm.
Es gibt einmal die einfachen Filter: Ruft man BBC und Wikipedia
auf, kommt ein Timeout. Das waren auch die ersten Sachen, die wir
wirklich merkten. Denn das sind Quellen, auf die wir oft zugreifen,
um ganz banale Dinge nachzugucken, auch vor Ort über Shanhai
und Peking.
Und dann gibt es komplexere Filtersysteme, die Inhalte erkennen
können. Da darf ein Wort nur ganz bestimmt vorkommen, sonst
wird es gesperrt. Was dahinter steckt und wie das genau funktioniert,
weiß natürlich niemand, außer den Programmierern.

Gab es gefährliche Situationen?

Gefährlich ist ein superschwieriger Terminus. Es ist ja nur
ein Gefühl, was man hat, zumindest solange nichts passiert
– und es ist ja nichts passiert. Deshalb ist schwer zu sagen,
ob es gefährlich war oder nicht. Wir haben das Ganze auch dokumentiert.
Das heißt: Abgesehen davon, dass wir sowieso schon super auffällig
waren, waren wir auch noch mit der Videokamera unterwegs. Das gab
schon immer Probleme. Wir waren jetzt nicht die beliebtesten Gäste.
Beim Test der Seiten gab es auch verschiedene Wege, wie die Zensur
griff: Einer ist, dass die IP-Adressen geblockt wurden. Das ist
natürlich im Internetcafé schlecht…na ja, das
ganze Café haben wir jetzt nie lahm gelegt. Aber dass dann
keiner der hundert Leute mehr per Internet aus China rauskommt,
ist da durchaus möglich.

Für viele Chinesen ist das öffentliche Internetcafé
der einzige Zugang zum Netz. Wird vom Regime bewusst gesteuert,
dass es vergleichsweise wenig Heim-PCs gibt mit Online-Anschluss?

Ja, das ist eine straffe Zensur, den Internetzugang nur über
Internetcafés zur Verfügung zu stellen – die können
kontrolliert werden. Und da hat man auch eine wirtschaftliche Sanktionsmöglichkeit,
weil jeder Internetcafébetreiber natürlich gern ein
Internetcafébetreiber bleiben möchte. Der Betreiber
selbst hat schon ein Kontrollbedürfnis, dass nichts passiert,
was ihm dann die Lizenz kostet.

Was kann der Nutzer in Staaten wie China mit Ihrem Werkzeug
konkret anfangen?

Das Tolle an picidae ist, dass du eine Seite aufrufen kannst, ohne
eine Verschlüsselungstechnologie zu benutzen oder ein Programm
auf dem Rechner zu installieren. Das wäre im Internetcafé
nicht möglich, weil die Sachen ja kontrolliert werden.

Wie erfährt ein chinesischer Internetnutzer, dass
und wo es dieses Werkzeug picidae gibt? Sie können ja schlecht
Reklamezettel verteilen oder Werbekampagnen im Netz starten.

Das Problem an der Zensur ist natürlich, dass man nicht nur
nach Worten suchen, sondern auch ganze Seiten blocken kann. Wenn
wir sagen würden, auf dieser Seite kann man auf picidae zugreifen,
dann ist die natürlich einfach weg. Deshalb ist picidae ein
Community-Projekt. Jeder kann sich diese Software herunterladen,
kann sie sich installieren. Dann haben wir verlinkte Tags bzw. Zeichen
gemacht – das sind Klammern mit einem kleinen „O“
in der Mitte – die kann man sich auf seiner Seite irgendwohin
machen. Und wenn man so durch das Netz surft und die Community entsprechend
groß ist, trifft man irgendwann auf dieses Zeichen. Aber:
Der Name des Links, der Name des Bildes und der Alt-Text des Bildes,
dort darf nirgendwo ein Wort vorkommen, sonst ließe sich das
schon wieder indizieren. Das ist die eine Ebene. Für den Fall,
dass ein pici-Server gesperrt wird, haben wir noch ein zweites Tool
gebaut. Das heißt pici-Proxy und funktioniert wie eine Umleitung
zu einem anderen pici-Server. Das kann man sich ganz normal von
unserer Homepage runterladen. Dadurch kann eine Art doppeltes Netz
entstehen, in dem man sich Gedanken machen und Einblick gewinnen
kann in den Internetzugang anderer Regionen. Das ist das Ideal.
Aber es funktioniert auch ohne Netzwerk, etwa wenn sich ein Cyber-Dissident
einen Server einrichtet, den er seinen Leuten kommuniziert. Hier
in Deutschland sind schon ganz viele pici-Proxys entstanden und
pici-Server sind am Entsehen. Und es gibt natürlich kein zentrales
Server-Verzeichnis.

Man geht davon aus, dass hinter der chinesischen Firewall
etwa 30.000 Zensoren stecken. Befürchten Sie, in einigen Monaten
oder Jahren können diese auch Bilder zensieren?

Bilder zu erkennen und in Text umzuwandeln, kann heute jeder Scanner.
Das Problem ist nur, dass in China alles ausgelegt ist auf Filtersysteme
nach Worten. Die Datenmenge und die Art, wie mit diesen Daten umgegangen
wird, hat einen ganz anderen Ansatz. Das ist wie wenn man sagt:
Man kann das Meer entsalzen! Kann man. Aber wenn das in der Menge
auftritt, ist es halt nicht mehr möglich. Die Chinesen müssten
ganz umrüsten. Es ist dort eben alles darauf ausgelegt, dass
es so funktioniert. Es ist die ausgefeilteste Zensur weltweit, aber
es gibt auch wahnsinnig viele Internetnutzer. Man sagt, dass in
China das Internet aufgrund der Zensur schon ziemlich langsam sei.
Und das schon jetzt, mit der ganz einfachen Filtertechnologie, die
– wie berichtet wird – noch wirklich nur ein Paket nach
Text durchscannen kann. Um aber ein Bild durchscannen zu können,
sind so viel mehr Schritte notwendig. Und das macht natürlich
in 99,9 Prozent der Fälle null Sinn.

Ihr Test zeigte auch, welche Seiten in Westeuropa gesperrt
sind. Kein heimischer Internetnutzer fühlt sich normalerweise
zensiert.

In Deutschland hatte „Heise“ 2005 einen Link zu dem
Programm „Any DVD“ gesetzt, diese Seite wurde per Gerichtsentscheid
gesperrt. In der Folge wäre dann Heises Seite über den
Provider gesperrt worden: Ein klarer Fall von Takedown! Oder Wikipedia
wurde runtergenommen, als es einen Streit gab um Namensnennung.
Diese Fälle werden aber nur bekannt, wenn es zu langen Prozessen
kommt. Wenn allerdings nur irgendein Anwalt irgendwohin schreibt:
"Nehmt das sofort runter!": Wer erfährt das? Das
ist ja das Unglaubliche. Und es gibt nirgendwo ein Recht darauf,
Zugang zu allem zu haben. Manche Suchmaschinen zeigen sogar an,
dass etwas von den Suchresultaten rausgenommen wurde. Wer aber was,
wann, warum und auf wessen Verantwortung gelöscht hat, bleibt
in der Regel im Dunkeln.

Wo picidae auf einem Server liegt, umgeht es die Zensur
in dieser Region. Dann wird man darüber auch Seiten erreichen
können, die aufgrund fremdenfeindlicher Inhalte gesetzlich
gesperrt wurden.

Da muss dann die Selbstkontrolle greifen, der letzte Punkt in der
Zensur. Dass in den USA der Begriff „Stormfront“ (rassistische
Website in den USA, Anm. der Red.) rausgenommen wurde, kann man
ganz richtig finden. Aber mit diesem Stormfront-Filter fiel auch
ein gleichnamiger PC-Spielehersteller raus und ein Song von Billy
Joel. Da fangen wir schon an abzuwägen und zu sagen: Okay,
das geben wir jetzt mal alles ab und wenn dadurch etwas wegfällt,
egal. Aber wie ist das mit dem Begriff „Jürgen
Büssow“
. Ich glaube, da würde einige Leute schon
noch interessieren, was da rundherum noch rausgerissen wird. Etwas
anderes ganz Bizarres: Man sagt, es ist völlig richtig, dass
das Hakenkreuz gesperrt wird. Aber die Falun Gong, die in China
verfolgt werden und dessen Suchwort dort sofort geblockt wird, wollen
immer wieder aufmerksam machen auf die Menschenrechtssituation in
China. Deren Zeichen ist das seitenverkehrte Hakenkreuz. Bei einer
Demonstration mit Gerhard Schröder in München wollten
die nur für ihre Rechte kämpfen, weil in China ihr Zeichen
konfisziert wird. Aber hier konnten sie das nicht artikulieren,
denn hier findet ja das Gleiche statt, aus anderen Gründen
allerdings. Das ist ein Problem. Wenn wir anfangen, unsere Sprache
zu beschneiden: Wie nutzen wir dann noch unsere Sprache und was
fällt dann weg?

picidae kann auch die Kindersicherung von Providern umgehen.
So etwas spricht sich schnell rum auf dem Schulhof. Zuhause setzt
sich das 12-jährige Kind allein an den PC und kann auf alles
zugreifen. Ein berechtigter Vorwurf?

Man setzt Kinder ja auch nicht vor den Fernseher, drückt ihnen
die Fernbedienung in die Hand und sagt: „Mach mal.“
Beim Computer sollte das genauso sein. Denn die Kinder wissen ganz
schnell, wo man die Firewall abschaltet. Aber wenn ein Kind über
picidae reingeht und irgendwas mit sexpics.com eingibt, dann hat
das Kind ein Alter erreicht, wo der Kinderfilter am heimischen PC
ohnehin zur Debatte steht. Die haben dann auch ein Interesse, genau
das zu sehen. Es gab noch vor der Internetzeit die Kids, die hingen
rum und haben Sexhotlines angerufen und wussten, wenn sie über
die Frauennummer anrufen, ist es umsonst. Das ist ein Abenteuer
und gehört vermutlich irgendwie dazu. Es gibt auch ganz viele
andere Möglichkeiten, den Kinderfilter leicht ohne picidae
zu umgehen. Wenn ein Kind das möchte, kriegt es das auch hin.
Wenn man das als Erziehungsmaßnahme sieht, tut man auch gut
daran, das Internet mit dem Kind gemeinsam anzuschauen. Aber irgendwann
kommt der Moment, wo Selbstverantwortung gefragt ist. Das hat ja
auch was von Erwachsenwerden und Medienkompetenz erlernen.

Wird sich picidae weltweit verbreiten?

Das ist eine Möglichkeit, wie sich picidae entwickelt, die
optimale natürlich. Aber es gibt Ansätze da drin, die
sind auch darüber hinaus bedeutend, wenn das so nichts wird.
Wir umgehen die Zensur auf andere Art und Weise. Wir können
mit dem Filtersystem glücklich sein, dass wir überhaupt
eine andere Vorstellung vom Internet bekommen können. Das Internet
ist nicht mehr das Gleiche, wenn man mal mit picidae rumgespielt
hat. Wir müssen das alles vernetzen. Da muss nicht jede Universität
noch ein neues Tool entwickeln, und dann sagen „Wir haben
jetzt was erfunden, wir knacken die chinesische Firewall“,
das ist Blödsinn. Wir müssen uns verlinken und wir müssen
die Dinge zusammenbringen, denn sonst gewinnt die Zensur immer.

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