Kultur, Smartphone und Quadrate: QRpedia

QRVenus_cropÜber Jahrhunderte lagerten Artefakte in den Archiven der Museen und erhielten nur Beachtung von Forschern, Wissenschaftlern und Museumskuratoren oder verstaubten in Lagerräumen. Doch wie lässt sich kulturelles Erbe allgemein zugänglich machen?

„Wer will schon Werbung per QR-Code abrufen? Das ist blöd!“ sagte Liam Wyatt, Wikimedia-Koordinator für Europeana und Gründer von GLAM, einem Projekt, das Galerien, Bibliotheken, Archive und Museen mit Wikipedia zusammenbringt, auf der Konferenz „Zugang gestalten!“ am Donnerstag im Hamburger Bahnhof in Berlin. Viel sinnvoller sei es doch, QR-Codes so einzusetzen, sodass sie einen echten Mehrwert für den Nutzer darstellen würden.

2011 überlegten Terence Eden und Roger Bamkin, wie es wäre, wenn man in Museen mithilfe eines QR-Codes  auf die entsprechenden Wikipedia-Artikel direkt zugreifen könnte. Schließlich gibt es in Museen viele interessante Ausstellungsstücke zu sehen; die Texte zu ihnen jedoch meist sehr kurz und in der jeweiligen Landessprache.  Auf Wikipedia hingegen existieren zahlreiche vielsprachige Artikel. Es brauchte eine Anwendung, die kulturelle Einrichtungen und Wikipedia zusammenbringt. Angelehnt an das Online-Lexikon, wurde sie „QRpedia“ getauft. Das Prinzip ist denkbar einfach: Wikipedia-Artikel werden von QRpedia in QR-Codes konvertiert und können dann mithilfe von QR-Codescannern eingelesen und in der mobilen Version abgerufen werden. Dabei werden dem Server auch Informationen zu den jeweiligen Spracheinstellungen des Nutzers zugespielt, sodass der angeforderte Artikel – soweit in der Sprache vorhanden – sofort angezeigt wird.

Das hat zwei wesentliche Vorteile: Einerseits kann mehr Information bereitgestellt werden, ohne dass Museen eine inhaltliche Aufbereitung ihrer Ausstellungsstücke vornehmen müssen. Auch kann der Nutzer sich gezielter über die Exponate informieren, die ihn interessieren. Andererseits ermöglicht QRpedia ausländischen Besuchern durch die sprachliche Vielfalt einen besseren und informativeren Museumsbesuch. Das ist insbesondere für kleinere Institutionen ansprechend, die nicht die räumlichen und finanziellen Kapazitäten für mehrsprachige Infotafeln haben.

Die QRpedia wurde im April 2011 im Rahmen der GLAM-Kooperation zwischen Wikipedia und dem Derby Museum and Art Gallery vorgestellt und erfolgreich getestet. Seit Sommer 2011 haben freiwillige Wikipedianer 172 Artikel in über 60 Sprachen übersetzt.

Das erste Museum, das in Deutschland mit Wikipedia kooperierte, war, ebenfalls 2011, das Museum für Hamburgische Geschichte. Seitdem arbeiten die Wikipedianer mit, schreiben, aktualisieren und übersetzen Artikel und digitalisieren nach und nach die Sammlungen und machen sie auf Wikimedia Commons digital verfügbar. Seit 2012 hat auch die QRpedia Einzug gehalten und ist in verschiedenen Ausstellungen im Hamburg Museum präsent.

Nicht nur Museen profitieren von Wikipedia. 2012 wurde die „Monmouthpedia“ vorgestellt: In der walisischen Kleinstadt Monmouth lassen sich seitdem über 1000 QR-Codes über das ganze Stadtgebiet verteilt finden. Die abgedeckten Themengebiete reichen von wissenswertem zu öffentlichen Orten über Geschichte bis hin zu Flora und Fauna. Die Bibliothek von Monmouth ist zudem die erste in der Welt, in der Bücher mit einem QR-Code versehen worden sind, um Informationen über  das Buch selbst abrufen zu können. In Bremen wurden 2013 im Rahmen der „Bremenpedia“ 30 Infotafeln mit QR-Codes versehen; derzeit sind es 83.

Eine große Schwachstelle hat QRpedia dennoch: Ohne mobiles Endgerät kann ein Nutzer nicht auf die zusätzlich bereitgestellten Informationen zugreifen. Auch wenn die Mehrzahl heutzutage ein Smartphone oder Tablet besitzt – denjenigen, die es nicht tun, bleibt  der Zugang zu solchen Inhalten verschlossen. Dass viele Menschen noch offline sind während immer mehr Wissen online verfügbar ist, ist wahrscheinlich aber eher ein vorübergehendes Problem unserer Zeit. Die freiwillige Mitarbeit an Wikipedia sichert die Unabhängigkeit des Projekts. Die Freiwilligkeit bedeutet im Zusammenhang mit GLAM und QRpedia aber auch, dass nicht alle Artikel über Artefakte in Museen garantiert in allen Sprachen verfügbar sind. Das Schwarmintelligenz-Prinzip, auf dem Wikipedia basiert, garantiert weiterhin nicht zu 100 Prozent die Richtigkeit der bereitgestellten Informationen. Museen hingegen stützen und legitimieren sich durch fundierte Forschung zu ihren Ausstellungen, auf die wiederum Wikipedia-Autoren zugreifen. Wikipedia und Kultureinrichtungen – eine sehr spannende Kooperation, die ihr volles Potential entfaltet, wenn diese beiden Formen, Wissen zu akkumulieren, zusammengebracht werden.

Bild: Pietro Zanarini, QR-Code generiert via QRpedia
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