Krieg im Netz

Die Parteien im Kosovo-Krieg nutzen längst das Internet für spezielle Informationen und Propaganda. Nachdem der unabhängige Belgrader Radiosender B92 kurz nach Beginn der Luftangriffe von der serbischen Regierung abgeschaltet wurde, war zu vermuten, daß dies auch das Ende der serbischen Oppostion war. Doch das Internet ist inzwischen für alle Parteien zum Nebenkriegsschauplatz geworden.

Daß sich das Internet zum wichtigsten Medium der Zukunft entwickelt, ist unumstritten. Mit dem Kosovo-Konflikt
wird nun auch der erste Krieg zusätzlich im Netz ausgefochten. Während im Golf-Krieg das Fernsehen noch das zentrale Medium
war, in dem die Stategen des Krieges ihr Werk teilweise ungehindert als ein routiniertes Computerplanspiel simulieren durften,
finden sich im Internet ungeschminkte Bilder der Zerstörung und des Leides genauso wie die übliche Propaganda der verschiedenen
Parteien.

Aber auch das Internet ist nicht vor Manipulationen geschützt. Auf den Seiten des ehemaligen oppositionellen
Radiosenders B92
fand man nach seiner Schließung durch die serbischen Behörden zunächst
eine etwas undurchsichtige Homepage, die nicht genau darauf schließen
ließ, ob es sich hier um eine Fortsetzung des alten Programms oder um
staatliche Zensur handelt. Mittlerweile haben die holländischen
Internet-Pioniere xs4all eine Hilfsaktion unter
www.helpB92.xs4all.nl
gestartet, die der serbischen Oppostion wieder eine Stimme verleihen soll.

Dennoch nutzen auch die staatlichen Stellen das Internet zur Verbreitung von Informationen.
Während Radio Beograd
einerseits sein Programm etwas zynisch "eine freie Stimme gegen den
Krieg" nennt, verbreiten andererseits auch die westlichen Streitmächte
gezielte Propaganda über das Internet, um die serbische Bevölkerung "zu
informieren". Diese Netzaffinität der staatlichen Stellen hat aber auch
dazu geführt, daß sich andere "Experten" in den Computer-Krieg
eingeschaltet haben. Die SZ berichtete in diesem Zusammenhang von
Computer-Hackern, die kurz vor Ostern einen regelrechten Angriff aus
dem Cyberspace auf die Nato starteten (siehe dazu auch das
politik-digital-special Cyber-War).
Von einem Belgrader Computer aus wurden nämlich Tausende von E-mails an die Adresse der Nato gesendet, die dadurch
tagelang kaum erreichbar gewesen war. Einer anderen Hacker-Gruppe, die sich Russian Hackers Union nennt, gelang es
anscheinend eine Seite der amerikanischen Marine zu zerstören und Florian Rötzer berichtet von einer weiteren Hacker-Gruppe,
die eine Nato-Seite mit dem Vermerk "Haut ab aus dem Kosovo" gehackt haben. Feststellbar bleibt aber, daß die Nato-Seiten seit Beginn des Kosovo-Krieges
auffällig lange Ladezeiten haben.

Doch E-Mails lassen sich auch auf eine andere Art und Weise einsetzen. So veröffentlicht Pater Sava Janjic von einem Kloster im
Süden des Kosovos aus eine Website unter www.decani.yunet.com,
die Links zu Chats, eine Mailingliste und Augenzeugenberichte aus den
bombardierten Gebieten beinhaltet. Trotzdem wird es immer schwieriger
ausgewogene und hilfreiche Informationen aus dem Krisengebiet zu
bekommen. Denn obwohl das Computerzeitalter nun endgültig auch den
Krieg erreicht hat, bleiben die Übertragungen der Informationen
weiterhin einem anfälligen Relikt alter Zeiten vorbehalten: dem Telefon.

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