Ismail und Jevgeni sind fit im Netz

Der aktuelle Integrationsbericht der Bundesregierung, Thilo Sarrazins unseriöse Äußerungen – über Migranten wird mal wieder heiß diskutiert. Meistens jedoch recht negativ. Eine neue Studie zeigt hingegen einen positiven Aspekt auf. Demnach verfügen viele junge Migranten über eine ausgeprägte Medienkompetenz. Welche Rolle nimmt dabei das Internet ein? politik-digital.de hat bei Experten nachgefragt.

Im Juli 2010 veröffentlichte die Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen (LfM) die Studie „Mediennutzung junger Menschen mit Migrationshintergrund“. Aus ihr geht hervor, dass Jugendliche mit russischem oder türkischem Migrationshintergrund die moderne Technik routiniert und selbstbewusst einsetzen. 2008 waren demnach 70 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund und 84 Prozent (JIM-Studie 2008) ohne Migrationshintergrund online.

StudiVZ & Co. oder „Ethno-Portale“

Laut der LfM-Studie verfügen über 65 Prozent der befragten Migranten über einen eigenen Computer und kennen eventuelle Gefahren von Social Media. Sie würden zwar verbreitete soziale Netzwerke wie SchülerVZ, StudiVZ oder Myspace nutzen, blieben aber dennoch vorrangig unter sich. Jutta Croll, Geschäftsführerin der Stiftung Digitale Chancen, steht dieser Aussage eher skeptisch gegenüber. Ihrer Erfahrung nach würden Migranten soziale Netzwerke genauso nutzen wie deutsche Jugendliche. Wenn es tatsächlich Gruppierungen geben sollte, hätte das weniger mit ethnischen denn mit Interessensgründen zu tun, so Croll gegenüber politik-digital.de.

Es gibt aber auch soziale Netzwerke, die besonders auf die Bedürfnisse von Migranten ausgerichtet sind, sogenannte "Ethno-Portale". Ferit Demir, Gründer des muslimischen Portals Myumma, sieht den Vorteil für Migranten darin, speziell ihre Belange diskutieren und sich über soziale Projekte austauschen zu können. Nach Ansicht des Integrationsexperten Dr. Uwe Hunger von der Universität Münster würden "Ethno-Portale" einen zusätzlichen Diskussionsraum für die Migranten bieten, die sich vom deutschen Medienangebot nicht angesprochen fühlen oder enttäuscht sind. Dennoch seien viele Mitglieder des Netzwerkes "Myumma" gleichzeitig bei StudiVZ und Co registriert, so Demir im Gespräch mit politik-digital.de.

Medienkompetenz liegt in Elternhand

Wie weit jedoch die Medienkompetenz der jugendlichen Migranten reicht, sei vor allem von den Eltern abhängig. Laut der LfM-Studie stehen 46 Prozent der Eltern türkeistämmiger und 37 Prozent russlandstämmiger Migranten der Nutzung von Computern kritisch gegenüber. Bei den Deutschen sind es 25 Prozent.

Den Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund fehle daher oft der richtige Ansprechpartner, sagt Jutta Croll. Speziell in diesen Familien müsse man mit Aufklärungsmaßnahmen gegen eventuelle Vorbehalte vorgehen. Die vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) ins Leben gerufene Initiative „Internet erfahren“ setze hier an und qualifiziere zum Beispiel Sozialarbeiter, die Jugendliche und Eltern beraten können.

Myumma-Gründer Ferit Demir kann eine solche ablehnende Tendenz in türkeistämmigen Familien nicht beobachten. Dem Umgang mit sozialen Netzwerken stünden sie vielleicht kritischer gegenüber als die deutschen Eltern, im Durchschnitt seien türkeistämmige Familien jedoch technikaffiner, so Demir. Mehr Projekte via Internet für jugendliche Migranten wären dennoch sehr wichtig, wie zum Beispiel die von ihm gegründete Blogger-Initiative „Muslim Blogkarneval“.

Internet als Chance

Die Experten sind sich zumindest in dem Punkt einig, dass das Internet als Informationsträger von sich aus integrativ wirke. Zeitungsberichte aus verschiedenen Ländern und in verschiedenen Sprachen online lesen zu können, fördere einen kritischeren Blick, so Jutta Croll.
Dennoch wären mehr gezielte Förderprogramme von der Bundesregierung flächendeckend wirksamer: „Mit der richtigen Unterstützung kann das Internet einen wichtigen Mehrwert zur persönlichen Entfaltung beitragen und es der deutschen Gesellschaft ermöglichen etwas außerhalb der Mainstream-Medien über Muslime zu erfahren“, meint Ferit Demir.

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