Der Politikwissenschaftler und Vorstandsmitglied von politik-digital.de, Dr. Christoph Bieber, macht sich Gedanken über die Aufregung zum Spot "Geh nicht hin" und sieht mit Horst Schlämmer das nächste mediale Spektakel für das Sommerloch kommen.

Es ist gerade mal drei Wochen her, da machte ein “Wahlwerbespot” die Runde durch das Internet – unter dem Motto “Geh´ nicht hin!” drückten verschiedene mehr oder weniger bekannte Menschen aus Deutschland ihre Vorbehalte gegenüber dem Urnengang aus. Bald darauf gab es einen mittelschweren Medienaufruhr, was das denn solle – und obwohl binnen zwei Tagen klar war, was (und wer) sich hinter dem Video verbirgt (nämlich politik-digital.de und probono.tv), wurden zahlreiche Beobachter nicht müde, auf die Gefahren des “negativen Wahlaufrufs” hinzuweisen. Hinzu kamen nörgelnde Untertöne, dass es sich bei der Aktion ja ohnehin nur um eine “billige” Kopie einer US-amerikanischen Kampagne handele.

Wer ist Anne-Sophie Mutter?

Nun gut, man kann die seltsame Aufregung um das Projekt als Sommerlochfüllmaterial abtun – aber dafür wirkte die Besorgnis der Kommentatoren um die etwa 100.000 Zuschauer der provokanten Kurzfassung eigentlich zu echt: “Jan Hofer, ein paar Rapper, Detlev Buck, einige TV- und Seriensternchen gehen nicht zur Wahl – da bleibe ich doch auch zu Hause.” Offenbar wird das Online-Publikum von den alten Medien immer noch massiv unterschätzt. Ist das Netz das neue Unterschichtenfernsehen? (Wurde Anne-Sophie Mutter im ersten Spot eigentlich nicht erkannt, oder warum fehlte sie in den Aufreger-Artikeln?)

Politiker schweigen

Nebenbei bemerkt – die Politiker hielten sich mit ihrer Kritik am “Geh-nicht-hin”-Video merklich zurück. Vermutlich, weil sie nur zu genau wissen, dass ein TV-Spot, der zwei volle Monate vor der Wahl zum ersten Mal ausgestrahlt wird, am Tag des Urnengangs sowieso wieder vergessen ist – untergegangen im medialen Fegefeuer der letzten beiden Wahlkampfwochen.

Aber darum geht es hier gar nicht. Denn inzwischen ist Anfang August, und wir haben den nächsten Skandal zur Bundestagswahl – nur merkt es keiner, auch nicht das sonst so vorsichtige Feuilleton, das sich noch vor ein paar Wochen in Rage gedacht hatte. Am 20. August kommt der neue Film von Hape Kerkeling ins Kino, er trägt den schönen Titel “Isch kandidiere”. Vermutlich handelt es sich dabei um – für deutsche Verhältnisse – gutes Politainment. Die begleitende Marketing-Kampagne hat es jedenfalls in sich, die Website zieht sämtliche Register des Online-Wahlkampfs – und über die famose Pressekonferenz der Horst-Schlämmer-Partei (HSP) berichtete fast die gesamte Presselandschaft. Nun, genau genommen berichtete sie eigentlich nicht: sie spielte sich selbst in einer Art kollektiven Cameo-Auftritt. Der Schwanz hat mit dem Hund gewackelt.

Kann Schlämmer Kanzler?

So – und wer soll das verstehen? Wenn das Publikum tatsächlich so tumb ist, wie es vor drei Wochen beim “Geh´-nicht-hin”-Spot geredet und geschrieben wurde – wie wird es wohl den “Politstar aus Grevenbroich” (Welt) einschätzen, der doch den “Kanzler kann” (Der Westen) und via BILD sogar “Post von Wagner” bekommt? Wo bleibt die Aufregung, die Mahnung, die Kritik? Nun, gehen wir mal davon aus, dass es spätestens zum Filmstart sehr schlaue Artikel über die subversive Seite des Films und seines Stars geben wird.

Die Kollisionen von medialer und realer Welt nehmen in diesem Bundestagswahlkampf offenbar zu – neben den genannten Beispielen wäre noch auf die Nicht-Zulassung von “Die Partei” (das Polit-Produkt aus dem Hause Titanic) und der “Freien Union” (ist Gabriele Pauli eigentlich eine Kunstfigur?) zu verweisen. Ist die Supernanny nicht Mitglied im Deutschland-Team? Und wie war das mit den Piraten? Ist das eine Spaßpartei oder meinen die es ernst? Wer soll denn da noch durchblicken…

Disclaimer: Der Autor ist Mitglied des Vorstands von politik-digital.de und kennt das Projekt daher schon länger. Außerdem hat er Knie, und manchmal auch Rücken. Hingehen wird er am 27. September nicht (aber er hat Brief).

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog "Internet und Politik" von Dr. Christoph Bieber.Wir haben ihn mit freundlicher Genehmigung des Autors übernommen.

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