Internet der Dinge – Teil 2: Intelligentes Shopping

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Haben Sie sich schon mal bei Starbucks so richtig verloren gefühlt? Bei McDonald’s, Karstadt? Die Rettung naht! Punktgenaue Ortung durch Navigationsanker ist ein weiterer Baustein im Internet der Dinge. Und darum auch in unserer Sommerreihe. Die Frage bleibt nur: Wer steuert hier eigentlich wen?

Die Entwicklung technischer Geräte hat seit jeher  vor allem immer auf eines abgezielt: das tägliche Leben bequemer, effizienter und schneller zu machen. Konsequent zu beobachten ist das am Smartphone, das inzwischen zum täglichen Begleiter der Mehrheit aller Deutschen geworden ist: Es ersetzt nicht nur Karte, Kompass, Computer und Kontoauszug, sondern längst auch Fotoapparat und MP3-Player.

Immer weniger Alltagsgegenstände scheinen eine eigene Daseinsberechtigung zu haben, wenn das, was früher einmal nicht mehr als ein Handy war, doch letztlich alles in einem ist. Viel scheint es nicht mehr zu integrieren zu geben, und spätestens mit Apples iBeacon-Technologie verschafft sich ein neuer Trend Raum: die Effizienzsteigerung des eigenen Verhaltens.

Man könnte auch sagen: Wenn keine Mühen mehr übrig bleiben, die uns durch unsere vernetzten Begleiter abgenommen werden können, dann müssen eben neue Erleichterungen erfunden werden:  Mein Handy hilft mir einkaufen. Aber was kommt da noch, mit einer Technik, die in der Lage ist, mich bis auf Zentimeter genau zu orten?

Die Firma Apple genießt einen geteilten Ruf: innovativ, schick, teuer und sehr verschlossen in puncto Interna und neue Produkte. Doch obwohl Apple-Nutzer schon seit drei Jahren mit kompatiblen Geräten ausgestattet werden, hat der Konzern die iBeacons-Technologie besonders erfolgreich aus dem öffentlichen Fokus rausgehalten – aus gutem Grund.

Zur Sache: Was passiert da eigentlich genau?   

Weder die Idee noch die Technik ist grundlegend neu, es wird nur feiner: Es geht darum, Menschen auch in geschlossenen Räumen exakt zu orten – und zu steuern.

In der Apple-Version ist die Technik als „iBeacon“ registriert, zu Deutsch „Leuchtfeuer“. Sie basiert auf der Bluetooth Low Energy (BLE) Technologie, die das Problem der „indoor navigation“ löst: GPS verliert in geschlossenen Räumen schnell die Verbindung und kann den Nutzer schon mal zwei Meter weiter links positionieren als geplant. Die Alternative über W-LAN belastet die Smartphone-Batterie. Und die konkurrierenden Hersteller von Android-Geräten haben mit ihrem Versuch auf dem Gebiet mittels NFC nicht unbedingt glanzvoll vorgelegt.

Jonathan Nalder 4In diese Lücke stößt nun Apple und verspricht Abhilfe: Festinstallierte Sender (Beacons), klein, günstig, schlichtes Design, funken ein monotones Bluetooth-Signal, das von kompatiblen Apple-Geräten empfangen werden kann, vorausgesetzt die entsprechende App ist installiert und aktiv. Das Smartphone kombiniert die Signalstärke aller Beacons, in deren Reichweite es sich befindet, und ist so in der Lage, die Position des Nutzers zu bestimmen. Beacons dienen also als Navigationsanker, die die Position eines Endgeräts bestimmen helfen – oder genauer: die seines Benutzers. Auf Zentimeter genau.

Alle Apple-Produkte seit 2011 sind mit Bluetooth 4.0 ausgestattet und somit prinzipiell in der Lage, diese Technik zu nutzen. Mit seinem aktuellen Betriebssystem (iOS 7) hat Apple zwar eine ganze Palette kompatibler Geräte. Die Sender allerdings werden aktuell noch von Drittherstellern bezogen, erst in den letzten Wochen wurden Gerüchte laut, Apple steige selber in die Hardware-Produktion ein.

Wozu das Ganze?

Für bestimmte Personengruppen kann die Technik natürlich sehr sinnvoll sein: Wenn der Aufenthaltsort von Menschen exakt bestimmt werden kann, sind Navigationssysteme für blinde oder sehbehinderte Menschen denkbar, der Blindenhund würde überflüssig.

Die Bandbreite der Einsatzmöglichkeiten, die aktuell diskutiert werden, ist jedoch ungleich größer: im Museum zielgenau zum Bild des Lieblingsmalers navigiert werden, dazugehörige Informationen können mit dem Smartphone gleich mit abgerufen werden. Auf der Business-Messe ohne Umwege die Gesprächspartnerin finden. Im Flughafen vom eigenen Handy zum Gate gebracht werden, mitsamt dem Hinweis: „Jetzt Bordkarte und Reisepass bereit halten!“.

Während viele dieser Einsatzmöglichkeiten das Leben tatsächlich im oben genannten Sinne erleichtern könnten, hat Apple als großen Abnehmer aber ganz andere Branchen ausgemacht: den Einzelhandel und die Werbeindustrie. In einer unselig scheinenden Verbindung.

In den USA lassen sich hierfür schon Beispiele finden. Das Edelkaufhaus Macy’s in New York hat die Einsatzgebiete bereits getestet: Beim Betreten des Ladens wird der potentielle Kunde auf das Sonderangebot hinten links aufmerksam gemacht. Und darauf, dass zu diesen Schuhen der Schal aus dem Erdgeschoss besonders gut passt. Die Anprobe wird überflüssig: Mein Handy hat schon mal für mich ausgerechnet, wie ich in diesem Hemd aussehe. Und bezahlen? Das wird im Vorbeigehen erledigt, weil mein Smartphone registriert, dass ich in mich in der „Sale Zone“ befinde, die mit der profan analogen Kreditkarte verbunden ist. So werden auch gleich heiß begehrte Bonuspunkte addiert. Vielen Dank für ihren Einkauf, bis zum nächsten Mal.

Apple probiert diese Version der  Kundenbindung seit einiger Zeit auch in den eigenen Verkaufsstellen: „Welcome to the Apple Store. Find out how to make the most of your visit today.” erscheint auf dem Display des gewillten Kunden.

Es zeigt sich, dass die Frage nach der Zukunft dieser Technik zwischen den Polen „Blindennavigation“ und „Push-Werbung“ wohl eher damit zu beantworten sein wird, wer am meisten Geld in ihre Weiterentwicklung investiert. Das US-amerikanische Marktforschungsinstitut ABI Research wagt hier einen Ausblick, der skeptisch stimmt: Als größter Markt werden die Werbung, das vernetzte Haus und „asset tracking“ genannt. Was bitte? Was mit der umschreibenden englischen Phrase (übersetzt etwa: Güternachverfolgung) gemeint ist, erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Denn wer könnte sich dafür interessieren, von wo nach wo ich mich bewege, in welchem Laden ich einkaufe, vor welchen Produkten ich am längsten stehen bleibe, wie schnell ich mich bewege? Selbst für alle, bei denen die NSA-Affäre keine nachhaltige Überwachungsparanoia hinterlassen hat, ist die Antwort so einleuchtend wie besorgniserregend: Es interessiert genau dieselben Produzenten, die die Technik momentan anwendbar machen – alle, die etwas zu verkaufen haben.

Risiken und Nebenwirkungen

Wenn das Reizwort „NSA“ schon gefallen ist, lautet der erste Einwand natürlich: Datenschutz. Produzenten und Anwender (Apple fällt wie erwähnt gleich in beide Kategorien) werden nicht müde zu betonen, dass iBeacons und vergleichbare Geräte nur in der Lage seien zu senden, nicht aber zu empfangen. Dieser Einwand kann allerdings kaum überzeugen: Denn wenn der Sender meine Position nicht kennt, so errechnet mein Smartphone sie einfach anhand der empfangenen Signale. Und den Standort muss das Smartphone natürlich mit einem App-Händler in Echtzeit abgleichen – sonst erhalte ich die Benachrichtigung über das heutige Sonderangebot zu spät.

Die Nutzung der so generierten Daten ist wie so oft ungewiss und von vielen Interessen geleitet. Für Optimisten hat der gläserne Kunde allerdings auch einen Vorteil: Wenn Bedürfnisse und Konsumgewohnheiten exakt vermessen werden können, so lautet das Argument, dann wird auch nur produziert, was gebraucht wird. Das klingt besonders gut mit dem Hinweis auf die Tonnen von Backwaren, die täglich weggeworfen werden, weil sie nicht gekauft werden. Ein wenig Nachdenken hilft aber auch hier: In den hochtechnisierten und -entwickelten Gesellschaften des Westens zielt Volkswirtschaft schon lange nicht mehr darauf ab, Bedürfnisse zu befriedigen, sondern diese in einer übersättigten Masse überhaupt erst zu erzeugen. Auch deswegen werden Werbeindustrie und Marktforschung Hauptinteressenten dieser Innovation sein.

Und als Einschub muss hier erwähnt werden, dass die weggeworfenen Backwaren auch nicht  die Folge davon sind, dass Bäckereien nicht wüssten, dass das gesamte Sortiment nach 17 Uhr nicht mehr weggeht. Sondern davon, dass eben jene Werbeindustrie errechnet hat, dass Kunden keine halb leeren Regale mögen. Und kein Brot vom Vortag.

Wohin geht der Trend?

Der psychologisch vermessene Kunde wird also punktgenau mit Werbung versorgt, um ihn zu Käufen zu bewegen, die er andernfalls vielleicht nicht tätigen würde. Doch auch an anderer Stelle ist Freiwilligkeit ein heikles Thema: Kunden des Herstellers Apple wissen schon seit einiger Zeit, dass sich bestimmte Anwendungen auf ihren Geräten nicht löschen lassen. Umwerfende Technologie hat ihren Preis und zu dem gehört der App-Store eben dazu. Aber wohin geht hier der Trend? Wie viele Kunden könnte Apple wiederum verlieren, wenn die Nutzung von punktgenauen Ortungsdiensten nicht mehr Option, sondern Zubehör ist? Oder wenn Geräte überhaupt nicht mehr dazu gedacht sind, sie auch einmal auszuschalten?

Je vernetzter das Leben, desto angreifbarer

Hinzu kommt die Frage nach der Fälschungs- und Manipulationssicherheit. Der Charme von iBeacons liegt in Preis und Einfachheit: Das Einstiegsangebot „Developer Preview Kit“ des Herstellers estimote verspricht drei Sender zum Preis von 99 Dollar. Die Batterien halten lange, es wird lediglich ein einziges Signal gesendet. Dieses wäre theoretisch aber auch per Hackerangriff einfach zu kopieren – und der Nutzer somit in die Irre zu leiten. Das wird besonders heikel, wenn mittels indoor navigation auch bargeldlose Bezahlvorgänge abgewickelt werden.

Der Trend zum bargeldlosen Bezahlen, den Apple mit dieser Innovation ebenso vorantreibt, wird vielfach unter dem Aspekt diskutiert, dass er Sicherheit und Diebstahlschutz verspricht – Stichwort: bezahlen mit dem Fingerabdruck. Hier jedoch schließt sich der Kreis wieder zum Datenschutz: Denn wenn es für jeden Einkauf eine eindeutige persönliche Identifizierung braucht, dann „weiß“ jede Kasse am Ende des Tages nicht nur, wann etwas eingekauft worden ist, sondern auch von wem.

Fazit

Das Fazit zur indoor navigation im Allgemeinen und der iBeacons-Technologie im Speziellen ist also ein geteiltes: Auch wenn jede Technik neue, faszinierende Möglichkeiten mit sich bringt und potentiell in der Lage ist, das Leben vieler Menschen positiv zu verändern, muss der Einsatz auch für den Hersteller immer rentabel sein: Hier können wir uns darauf einstellen, auf die bekannten Gesichter der Global Player zu treffen. Und dann muss immer die größte Sorge sein, was die Bloggerin Sarah Perez auf techcrunch anspricht: Kann schwerfällige, analoge und vor allem nationale Gesetzgebung in der Lage sein, mit der Hochgeschwindigkeit von technischer Entwicklung mitzuhalten?

Alle Teile der Sommerreihe Internet der Dinge:

Einführung: Leben in der smarten Welt
Teil 1
: Smart Wearables
Teil 3: Smart Home
Teil 4: Smart Cars

Teil 5: Smart Country
Teil 6: Smart City
Teil 7: Industrie 4.0

 

Titelbild: Nemo
Bild iBeacon Baum: Jonathan Nalder

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