Ich sehe was, was du nicht siehst


In der Nähe von Köln hat RTL 2 einen Wohncontainer inklusive kleinem
Garten so mit Mikrofonen und Kameras vollgestopft, dass es darin keinen
unbeobachteten Fleck mehr gibt.

Soll es ja auch nicht, denn schließlich
wird hier Totalitarismus gespielt. Weil alle zusehen. Das ganze trägt
affirmativ den Titel „Big Brother“ und wird als Doku-Soap angepriesen.
Das neue Fernseh-Paradigma macht Schule und die Folgeprojekte sind
bereits angekündigt.

Dabei ist Big-Brother in Wirklichkeit alles andere als ein Novum….

„Gab`s schon Zoff?“ (Bild-Zeitung)

Irgendwann in den achtziger Jahren muss es gewesen sein, als in den
Medien über einen aufsehenerregenden Zwischenfall in den Weiten der
damals noch sowjetrussischen Tundra berichtet wurde. Angeblich hatte ein
ganzes Dorf dort beobachten können, wie vor seinen Toren ein seltsames
Flugobjekt gelandet sei. Aus diesem sahen die verdutzten Zeugen dann Wesen
steigen, deren überdurchschnittliche Größe ihnen besonders auffiel. Nach
der Entnahme von Bodenproben soll das raketenähnliche Gefährt wieder gestartet
sein; es kam zu keiner direkten Begegnung. Interessant an dieser Geschichte war neben
dem Vorfall selbst vor allem ein Interview mit einer älteren Dorfbewohnerin.
Gefragt, ob sie der Zwischenfall überrascht habe, erklärte sie den Journalisten,
dass die Erde Teil einer großen Versuchsanordnung sei. Unser Planet befände sich
gewissermaßen in einem Reagenzglas von Außerirdischen, die nun von außen gespannt
den merkwürdigen Reaktionen zusähen. Wenig später wurde diese Vorstellung im Kleinen
umgesetzt.
In ein Glashaus eingesperrt ging es für eine Gruppe von Menschen darum, sich von
der mit ihnen eingesperrten Natur zu ernähren. Das Ganze Projekt trug den
Namen „Biosphäre 2“ und scheiterte.
Doku-Soaps wie „Big Brother“, die gegenwärtig den letzten Stand der Fernsehunterhaltung
markieren reanimieren derartige Versuchsanordnungen. Mit dem Unterschied allerdings,
dass hier neben den Außerirdischen auch ganz normale Erdenbürger die Langzeitstudie
verfolgen können.

"Back to the basics" (RTL2 Werbeslogan)

Die Aufgabe des Kulturkritikers ist eine undankbare. Besonders die Vertreter der
kritisch-marxistischen Philosophie wie Theodor W. Adonrno und Max Horkheimer
müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, den anderen den Spass verderben zu wollen.
Sie beschreiben in ihrer Kulturtheorie, wie die passiven Individuen einer politischen Totalisierung
von Ökonomie und Kultur nicht entrinnen können. Die Konsumenten würden
vielmehr manipulativ stillgestellt; "die Kulturindustrie plant das
Glücksmoment ein und exploitiert es" (Adorno). Auf etwas andere, trivialere
Weise argumentieren derzeit die staatlichen Medienvertreter angesichts der
neuen Fernsehformate. Mit großer humanistischer Geste beklagen sie die
Verletzung der Menschenwürde. Zwar ist niemand wirklich dazu in der Lage,
diese nun für den Einsatz gegen die Privatsender griffig zu präzisieren;
dafür stellt sie zweifellos das höchste Verfassungsgut dar – darunter geht es
scheinbar nicht.

Man sollte derartige Argumente sicherlich weiter pflegen. Aber um eine
entscheidende Dimension von Sendungen wie Big Brother zu verstehen, sind
beide Denkrichtungen ungeeignet. Den Verfechtern der Menschenwürde wäre
fragend entgegenzuhalten, ob Selbstbestimmung nicht auch ein wichtiger Aspekt
eben dieser Würde sei. Und im Gegensatz zu der Passivität, wie sie die
Kritische Theorie den Konsumenten zuschreibt, wissen die Menschen
größtenteils sehr genau, was hier gespielt wird. Wüssten sie es nicht, würden
die Namen und Konzepte der Sendungen es ihnen schon sagen. Die Schleppen
nämlich so einiges an Konnotationen mit sich herum: den Orwellschen
Überwachungsstaat genauso wie den Goldingschen Horror vor den Abgründen der
menschlichen Natur. Untersucht werden müsste deshalb vielmehr, wieso sich die
Menschen derart lustvoll einem brutalen Auge unterwerfen, dem nichts entgeht.
Was bindet sie an derart "leidenschaftliche Abhängigkeiten" (Butler)? Denn
soviel steht fest: Wir haben es in erster Linie nicht mit einem rein
repressiven Regime zu tun, gegen das die Teilnehmer kämpfen sollen; eher mit
einer obszönen Konstellation, die den Kick aus dem wissenden Befolgen von
Regeln generiert.

„Überall ist der Blick auf der Hut“ (Michel Foucault)

Wie aber funktioniert das Prinzip der Überwachung selbst? Kluge Antwort
auf diese Frage hält wie so oft Michel Foucault mit seiner Analyse des
sogenannten Panoptikons bereit. Von dem Moralphilosophen Jeremy Bentham
im 18. Jahrhundert entworfen, war diese architektonische Anordnung vor
allem für Gefängnisse prädestiniert: Von einem
Wachturm in der Mitte der Anlage aus sollen die Wächter einen idealen
Einblick in die Zellen haben, die in einem konzentrischen Kreis um den
Turm
herum angeordnet sind. Entscheidend ist nun, dass die Architektur selbst
eine
Asymmetrie des Blicks installiert; sie setzt die Insassen einer totalen
Sichtbarkeit aus, ohne diese im Gegenzug ihre Beobachter sehen zu
lassen.
Auch wenn kein Aufseher im Turm sitzt, müssen die Insassen mit dem
kontrollierenden Blick rechnen. Die Architektur selbst gewährleistet
demnach die lückenlose Überwachung, die in letzter Konsequenz eine
Selbstüberwachung der Häftlinge ist. Viel Phantasie gehört nun nicht
dazu, dieses äußerst effektive und zugleich ungemein kostengünstige
Prinzip der eigenen Unterwerfung in der Anlage von Big Brother zu
erkennen. Die meisten Kameras befinden sich hinter einseitig
verspiegelten Scheiben, und die Wahrscheinlichkeit, in die recht kurze
TV-Zusammenfassung zu kommen ist, auf den Tag umgerechnet, auch nicht
besonders groß. Dennoch dürften die Teilnehmer den kontrollierenden
Blick
schon internalisiert haben. Falls nicht, gibt es ja außerdem das
Internet. Big Brother teilt jedoch noch eine weitere Eigenschaft mit
Benthams
Entwurf. So sehr es nämlich für das reibungslose Funktionieren des
Panoptikons
egal ist, wer im Turm steht, so sehr wird ebenfalls Big Brother
demokratisch regiert. Schließlich dürfen sowohl die Zuschauer als auch
die Teilnehmer abstimmen. Gleichzeitig
herrscht wie in der wirklichen Welt der bedingungslose kapitalistische
Konkurrenzkampf. Dass die Probanden sich dabei Konsensmechanismen
bedienen, die wir alle aus unseren WGs kennen, sollte nicht verwundern;
wirklich
effiziente Unternehmen arbeiten heute genau so. Demokratie, Kapitalismus
und natürlich Totalismus erfahren hier also ihre wundersame Synthese ­
eine
Synthese übrigens, deren Möglichkeit vom Mainstream der gegenwärtigen
Politikwissenschaft noch vehement bestritten wird.

Der Himmel, der sich über uns wölbt, gibt sein Leuchten an die
Bildschirme ab
(Paul Virilio)

Big Brother vollzieht eine längst erfolgte Entwicklung im Kleinen nach.
Erinnern wir uns nur an die Begründung der NATO-Angriffe auf
Ex-Jugoslawien. Das Pentagon behauptete damals, es verfüge über
Satellitenbilder, mit denen die Existenz von Massengräbern im Kosovo
bewiesen sei;
Dem Pentagon untersteht die National Imagery and Mapping Agency
(NIMA). 10000 Mitarbeiter arbeiten angeblich dort, um sämtliche von
militärischen Satelliten aufgenommenen Fotos zu zentralisieren. ³Global
Information Dominance²: Letztendlich ist es das Auge der Menschheit,
das
längst schon über den Erdteilen wacht; das Auge Gottes hat damit
Gesellschaft bekommen. Bei allem totalitären Horror ist dies auch ein
wunderbares Bild der Stille und der Klarheit des Weltraums. Und wäre das
nicht auch im Fernsehen schön: Sich dort auf RTL 2 nach dem ewigen „Big
Brother“-Logo und dem dauernden Jingle eine dreiviertel Stunde des
Schweigens anzusehen? Menschen, denen ihre Sprache für das gelangweilte
Publikum
zu schade ist? Das wäre wohl eine Utopie der Doku-Soap. Und ein kleiner
Trost.

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