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ICANN

wird reformiert, aber die Verantwortlichkeit bleibt auf der Strecke: Die Pläne zur Regierungsbeteiligung wurden verworfen, aber Nutzerwahlen sind auch nicht geplant.

Die frohe Kunde kam per E-Mail-Verteiler: Den lieben Genossen der “Internet Communists and Network Nominators” (ICANN) wurde mitgeteilt, dass nach der Jahrestagung des ICANN-Politbüros in Schanghai ein Volkslenkungsausschuss alle Interessengruppen bündeln und ein selbsterhaltendes Regime das Vertrauen des Volkes auf Jahre hinweg schützen werde. Tatsächlich steht die Abkürzung ICANN für die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers, und der geplante Ausschuss soll Nominierungskomitee heißen. Wahr ist allerdings, dass die hastige ICANN-Reform Ende des Jahres in Schanghai beschlossen werden soll – und nicht nur beim Verfasser der satirischen E-Mail auf Skepsis stößt.

Die anhaltende Debatte um ICANN seit ihrer Gründung vor vier Jahren hat vielen erst bewusst gemacht, dass das Internet längst nicht so dezentral ist, wie sie gedacht hatten. Nicht die Rechner am Netz, aber deren Namen sind Teil einer Hierarchie, die bei einem einzigen Computer im US-Bundesstaat Virginia beginnt. Dieser
“Rootserver A” enthält alle Endungen von Domainnamen, darunter .com und .de für Deutschland. Das Domainnamen-System ermöglicht so das problemlose Adressieren von E-Mails und Ansteuern von Webseiten.

Dass Domainnamen auch ein Instrument der Zensur und Kontrolle sein können, zeigen Erfahrungen aus China, Serbien und auch
Nordrhein-Westfalen, wo die Bezirksregierung Düsseldorf mehrere Internetprovider angewiesen hat, Webseiten auf diesem Wege zu sperren. ICANN hat die schwierige Aufgabe, das Domainnamen-System und die Vergabe numerischer Internetadressen zu koordinieren.

Blickt man zurück auf ICANNs kurze Geschichte, gibt es helle und dunkle Seiten. Der Übergang vom Monopolisten Network Solutions zu einer Konkurrenz der
Endkundenanbieter ist zweifelsohne ein Erfolg. Die Einführung sieben neuer Domainendungen – unter anderem .info, .biz, .name und .museum – ist dagegen kein Ruhmesblatt. Die Endungen wurden mit nebulösen Kriterien ausgewählt und haben sich bislang nicht als ernsthafte Konkurrenz zu den bestehenden Endungen erwiesen.

Einen Teil der Kritik weist ICANN zu Recht als überzogen zurück: ICANNs Aktivitäten sind, zumal nach europäischen Maßstäben, relativ transparent und gut dokumentiert. Wer die Organisation ineffizient nennt, sollte ebenfalls zum Vergleich auf Europa schauen: Die Einführung einer europäischen
Domainendung .eu ist Jahre nach der ersten Ankündigung noch nicht geschehen.

Nun wird die Internetverwaltung im Schnelldurchlauf reformiert: Eine unnütze Unterorganisation wird aufgelöst, eine zerstrittene wird umgebaut und die Direktorenwahl komplett geändert. Allzu naiv war wohl die Vorstellung, man könne auf Konsens setzen, obwohl die verschiedenen Akteure oft diametral entgegengesetzte Interessen haben.

Allzu optimistisch waren auch diejenigen, die in den
Online-Wahlen im Oktober 2000 die Zukunft der globalen Demokratie sahen. Damals wurden fünf der neunzehn Direktoren von Internetnutzern direkt gewählt. Heute sehen die meisten im ICANN-Direktorium vorerst keine Zukunft für solche Netzwahlen: Zu teuer und zu anfällig für Manipulation seien sie, meinen selbst einige der auf diese Weise gewählten Direktoren.

Die Reform der Netzverwaltung, die ICANNs Präsident
Stuart Lynn angestoßen hatte und die jetzt ein
Reformausschuss weiterführt, soll die Effizienz der Organisation steigern. Sie bietet allerdings keine Antwort auf die Frage, wem gegenüber die Netzverwaltung verantwortlich ist. Die stärkste Kontrolle kann derzeit das
US-Handelsministerium ausüben: Ihre Aufsicht über “Rootserver A” wird die amerikanische Regierung so bald nicht abgeben.

Lynns ursprünglicher Plan, einen Teil der Direktoren durch Regierungen nominieren zu lassen, ist wieder fallengelassen worden: Zu stark sind die Vorbehalte der Netzgemeinde gegen eine stärkere Regierungsbeteiligung, zu gering ist das Regierungsinteresse an dieser Form der Mitbestimmung. Stattdessen soll nun ein
Nominierungskomitee einen Großteil der ICANN-Direktoren bestimmen – doch wer kommt ins Komitee?

Die Debatte um ICANN wird also weitergehen, wenn ICANN Ende Juni in Europa tagt. Die Weichen für die Reform werden im Bukarester Marriott-Hotel gestellt, ausgerechnet mit Blick auf Ceausescus gigantesken ”
Palast des Volkes“. Die angebliche Verlautbarung des ICANN-Politbüros wird nicht der letzte unschmeichelhafte Vergleich bleiben.

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