Transatlantischer Internet-Konflikt

Die Europäer fordern von ICANN, der obersten Instanz für die Verwaltung von Webadressen weltweit, professionellen Service zu leisten. Ansonsten droht Zahlungseinstellung. Ist die Zeit der Internet-Gurus abgelaufen?

Dicke Luft herrscht momentan zwischen der obersten Instanz für die Verwaltung von Webadressen weltweit, der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (
ICANN), und der Organisation der europäischen Domainregistrierungsstellen für Länderkürzel, dem Council of European National Top-Level Domain Registries (
CENTR).

Stein des Anstoßes ist Qualität und Umfang der Serviceleistungen, die ICANN gegenüber den regionalen Registrierungsorganisationen wie CENTR erbringt.

Dazu gehört in erster Linie die Koordination der Root Server Betreiber. Das Domain Name System ist hierarchisch aufgebaut und erfordert von daher zwingend eine zentrale oberste Ebene: Die sogenannten Root Server. Sie sind die obersten “Behörden” für den Domain Name Service.

Dort sind alle gültigen Top Level Domains (wie .com oder .de) verzeichnet, sowie die jeweiligen Computeradressen der Registrierungsstellen, die diese verwalten.

Heute gibt es zehn solcher Root Server in den USA, zwei in Europa und einen in Asien. “ICANN kommt der Aufgabe, die Betreiber der Root Server zu koordinieren, nicht nach”, kritisiert Sabine Dolderer, CENTR-Direktorin und Vorstand der zentralen Vergabestelle für Webadressen in Deutschland, DENIC. “Sie sagen uns lediglich, wir unterhalten uns mit den Betreibern und das sind verantwortliche Leute.”

Viele von ihnen sind seit der Gründerzeit des Internet für die Verwaltung der Server zuständig und sind anerkannte Experten in diesem Bereich. Konkrete Ausfälle hat es noch nicht gegeben und so sieht ICANN keinen Anlass, das System zu ändern. Das sieht CENTR allerdings ganz anders: “Das Internet hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Das Root Server System muss sich dem anpassen. Was passiert, wenn die gegenwärtigen Betreiber eines Tages aufhören oder ihre Firma verlassen?” fragt Dolderer. CENTR-Vorstand Willie Black ergänzt: “Es gibt keine Liste, auf der die Manager der Top Level Domains eingetragen sind. Bei einigen kleinen Ländern ist das unklar. Wir brauchen einen Mechanismus bzw. eine Datenbank für diese Liste.”

Statt weiter von einer eingeschworenen Gemeinschaft von Internet-Gurus abhängig zu sein, fordert CENTR rechtlich verbindliche Verträge, mit denen ICANN zu einem professionelleren Service verpflichtet wird. Doch der Organisation mit Sitz in Kalifornien, die eng mit dem amerikanischen Handelsministerium zusammenarbeitet und deren Nähe zur US-Regierung von vielen ausländischen Kritikern immer wieder angeprangert wird, ist das ein Graus. “ICANN fürchtet, für Mängel haftbar gemacht zu werden. Aber dafür gibt es Versicherungen”, sagt Black.

Druckmittel für die europäischen Domainvergabestellen sind die jährlichen Zahlungen an ICANN. Nachdem es auch Unstimmigkeiten über das Zahlungssystem gibt, hat
DENIC im vergangenen Jahr statt der von ICANN geforderten 300.000 Dollar nur 87.000 Dollar nach Kalifornien überwiesen. Während ICANN die Gebühren nach der Zahl der registrierten Adressen berechnet, weist CENTR darauf hin, dass mehr Domainnamen für ICANN keine Mehrbelastung bedeuten. Kompromissvorschlag des CENTR-Vorstands: Eine Staffelung nach staatlicher Wirtschaftskraft.

Doch davon will ICANN nichts wissen und so musste die oberste Verwaltungsinstanz des Internet sich im vergangenen Jahr mit 700.000 Dollar statt der geforderten 900.000 Dollar aus Europa zufrieden geben. “Weltweit haben die Registrierungsorganisationen sogar nur 60 Prozent der geforderten Summen überwiesen”, berichtet Dolderer.

Noch weiter will die britische Vergabestelle von Webadressen,
Nominet, gehen. Sie droht mit der gänzlichen Einstellung von Zahlungen, wenn ICANN weiter auf stur schaltet. Doch eine uferlose Eskalation ist wohl nicht zu befürchten: “Das ist alles ein großes politisches Spiel. Zwischen uns Briten und den Amerikanern gehören solche Drohungen zum normalen Geschäft”, sagt Nominet-Direktor Willie Black schmunzelnd.

Erschienen am 04.03.2002

 

 

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