ICANN-Kandidatenvorstellung

Der Diplom-Ingenieur
Winfried Schüller
ist Leiter des internationalen IP-Dienstes der Deutschen Telekom und darüber hinaus
verantwortlich für die Internet-Aktivitäten der "next generation".


Frage 1: Was bedeutet das Internet für sie?

Winfried Schüller: Das Internet hat für mich zwei Seiten: Zum einen verfolge ich es als Nutzer wie
jeder andere Netizen auch. Ich benutze e-Mmail als Kommunikationsmittel, besuche Chats, suche Informationen
im World Wide Web und ärgere mich gelegentlich über meinen Computer. Zum anderen stehe ich durch meine Arbeit
bei der Telekom damit in stetiger enger Verbindung… Meine ersten Kontakte zum Internet hatte ich 1993, als
die ersten Überlegungen zum Aufbau des deutschen Internets gestartet wurden. Seit dem versuche ich, das
Internet voran zu bringen, es weiter zu verbreiten, neue Technologien und Innovationen einzuführen. Vor allem
aber, mit den Bedürfnissen und Anforderungen der Nutzer Schritt zu halten.

Frage 2: Welche Motivation hatten sie, sich als ICANN-Kandidat zu bewerben?

Winfried Schüller: In meiner täglichen Arbeit habe ich immer wieder mit den Aufgaben und Themen ICANNs,
wie Entwicklungen im DNS und seine Stabilität, Einführung neuer TLDs und dem Versuch, dem Cybersquatting Herr
zu werden, zu tun. Ich habe die Entwicklung ICANNs mitverfolgt und finde es überaus wichtig, dass ICANN
erfolgreich ist. Deswegen versuche ich, nach besten Kräften die Arbeit ICANNs zu unterstützen. Als ich vom
Nomination Committee als geeigneter Kandidaten aufgestellt wurde, hat mich das gefreut. Ich habe ich mich dann
entschlossen, die Möglichkeit, mich selbst noch mehr in die Organisation einzubringen, zu nutzen und für das
Amt eines Direktors zu kandidieren.

Frage 3: Wo sehen sie die europäischen Möglichkeiten und Bedürfnisse
im Rahmen der ICANN-Politik? Was würde bei ihnen auf der Tagesordnung stehen, wenn sie Mitglied des
ICANN-Vorstandes würden?

Winfried Schüller: Europa war maßgeblich an der Entstehung ICANNs mitbeteiligt. Ohne Europa wäre die
Bewegung zur Entstehung sicherlich von den Amerikanern abgeblockt worden. Umso wichtiger ist es, jetzt wo das
vermeintliche Ziel der Beteiligung aller Internetnutzer erreicht ist, weitere Unterstützung und Inhalte zu
liefern, um den Amerikanern zu zeigen, dass es der richtige Weg war und eine Demokratisierung bzw. Neuordnung
die bessere Alternative zu Monopolen darstellt.

Europa und andere multikulturelle Regionen der Welt, haben
eigene Wünsche und Vorstellungen, die durch das überwiegend homogene Nordamerika nicht berücksichtigt wurden.
Amerikaner brauchen z.B. keine Umlaute im DNS, sie habe es nach Ihren Wünschen gestaltet und gebaut. Schweden,
Russland, Griechenland, China und alle anderen Staaten, die nicht Englisch als Amtssprache haben, sehen aber
eine klare Benachteiligung im derzeitigen System, und dem gilt es entgegen zu treten und für eine
Gleichberechtigung zu sorgen, nicht nur was die technischen Belange betrifft. Auch die Entscheidungsgewalt
muss gerecht verteilt werden.

In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach der weiteren Ausgestaltung des At-Large Memberships.
Hierzu kann ich nur sagen, dass ich mein Möglichstes tun werde, die Idee einer weltweiten, demokratischen
Beteiligung am ICANN Prozess voran zu treiben.
Die wichtigsten Fragen, die insbesondere im Laufe dieses Jahres auftauchten und die ich versuchen werde an die
Tagesordnung zu bringen, sind die Beantworten von Fragen wie:

  • Welche politische Rolle hat ICANN?
  • Welche Aufgaben werden in Zukunft auf ICANN zukommen?
  • Wie unabhängig ist ICANN?
  • Frage 4: Ein bisschen Wahlkampf: Warum sollten sich deutsche oder
    europäische Wähler für sie entscheiden?

    Winfried Schüller: Die Aufgaben die ICANN übertragen wurden sind komplex und verlangen einen tiefen
    Einblick in Prozesse und Zusammenhänge. Mein langjähriges Leben als Netizen, aber auch meine beruflichen
    Erfahrungen in diesem Umfeld kann ich in die tägliche Arbeit bei ICANN mit einfließen lassen.
    Da ich beide Seiten – die Wünsche und Probleme des Nutzers und die des Netzbetreibers – kenne, glaube ich,
    das konstruktive Miteinander von Internet-Business und privaten Internet-Nutzern vorantreiben zu können.
    Dieses Miteinander kommt aus meiner Sicht dem Internet insgesamt zugute. Das heißt zum Beispiel, dass eine
    weitere Verbreitung des Internets stattfindet, dass das "Nord-Südgefälle" im Internet abgebaut wird und das
    durch die Einführung neuer Domain-Names mehr Nutzer die Möglichkeit erhalten, eigene Domain-Namen zu bekommen
    und dass Neuerungen stärker auf die Bedürfnisses einzelner Nutzer zugeschnitten sind, beispielsweise im Bereich
    multinationaler Domainnamen.

    Ich bin der Meinung, dass ich die passende Qualifikation mitbringe, die Funktion eines Board-Direktors bei
    ICANN wahrzunehmen, was ich auch durch die Nominierung durch das ICANN Nomination Committee bestätigt sehe.
    Ich kenne die Organisation ICANN gut und pflege die entsprechende Kontakte. Durch meine berufliche Tätigkeit
    bin ich tagtäglich direkt mit den Wünschen und Problemen von über 8,3 Millionen europäischen Internet-Kunden
    in Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, Spanien und Portugal vertraut. Ich kann mir sehr gut vorstellen
    zum Beispiel ein offenes Forum zu etablieren, um einen möglichst kurzen Draht zur europäischen Region zu
    halten, auf Vorschläge zu reagieren, um so sicherzustellen, dass die Interessen, Bedürfnisse und Wünsche aller
    Interessensgruppen ausreichend berücksichtigt werden.
    Dadurch meine ich, die europäische Internet-Gemeinde optimal im ICANN-Board vertreten zu können.

    Frage 5: Momentan werden Vorwürfe an ICANN laut, was die Auswahl der
    Kandidaten (zu viele mit eindeutigem wirtschaftlichem Hintergrund) und die Wahlmodalitäten (nicht jeder
    hatte die Möglichkeit sich registrieren zu lassen, weil Server zusammengebrochen sind) betrifft. Was sagen
    sie zu diesen Beschwerden?

    Winfried Schüller: Vorwürfe an ICANN gab es schon, als noch nicht einmal klar war wie ICANN heißen
    soll. Es ist schwer, alle Interessensgruppen zu berücksichtigen, aber ICANN tut das Möglichste.
    ICANN sucht nach Experten, die bereit sind, mit Ihrem Wissen mitzuarbeiten und ICANN zum Erfolg zu verhelfen.
    Der wirtschaftliche Hintergrund der meisten Kandidaten hängt damit zusammen. Ich würde die Kritik an der
    Nominierung verstehen, wenn es um das Amt des Bundeskanzlers gehen würde, denn dafür habe ich – und
    wahrscheinlich die anderen Kandidaten auch – nicht die richtigen Qualifikationen. Die Einwürfe der Kritiker
    wären dann berechtigt. Dem ist aber nicht so, wenn es um das DNS, das Internet und ICANN geht.
    Mit einem derartigen Erfolg und Ausmaß des At-Large Memberships hat niemand gerechnet. In Kairo wurde
    diskutiert wie viele At-Large Member es wohl geben wird. Die Schätzungen schwankten zwischen
    10.000 und 20.000 weltweit. Auf diese Zahlen wurde auch das System ausgerichtet. Dass es dann mehr als
    70.000 wurden hat alle überrascht. Die Kritik diesbezüglich ist teilweise sicherlich berechtigt, aber
    diese Wahl wird zum ersten Mal abgehalten und in sofern gibt es keine Referenzen auf die man sich berufen
    hätte können. Die weiteren Entwicklungen werden zeigen, dass dies nicht nochmals passieren wird, denn aus den
    Fehlern wird man lernen.

    Das Interview führte Carolin Welzel.

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