ICANN-Kandidatenvorstellung


Maria Livanos Cattaui
ist die Generalsekretärin der Internationalen
Handelskammer (ICC). Die Schweizerin griechischen Ursprungs machte ihren Abschluss an der Havard
University und ist Mitglied in verschiedenen beratenden Vorständen der Wirtschaft.


Frage 1: Was bedeutet das Internet für sie?


Maria Livanos Cattaui:
Das Internet befähigt jeden zur aktiven Teilnahme. Da gibt es jetzt
also ein Werkzeug – eine der bedeutsamsten technischen Entwicklungen unseres Jahrhunderts – das
bereits heute alles revolutioniert hat: wie wir miteinander kommunizieren, Geschäfte machen, uns
bilden, wie wir uns informieren und amüsieren. Das Internet ist eine Ressource, die Individuen
und Unternehmern aus allen Ecken der Welt zu einem großen Informationsreservoir zusammen schließt,
wie und wann immer sie es wollen. Weil diese Resource gewachsen ist und die Anforderungen, die
an sie gestellt werden exponentiell ansteigen, ist es unbedingt notwendig einen gleichberechtigten
Zugang zum Internet für alle User sicherzustellen.

Das Internet ist ein unschätzbarer Motor für neue Märkte. Es ermutigt unternehmerischen Geist
und ermöglicht es dem Einzelnen die althergebrachte Ordnung herauszufordern. In der neuen Welt
des e-commerce werden die alten Regeln und die traditionellen Methoden vielleicht nicht mehr
ausreichen.Gleichgültigkeit und die mangelnde Bereitschaft zur Veränderung ist oftmals
gleichbedeutend mit geschäftlichem Selbstmord.

Das Internet ist meiner Meinung nach eine der großen Hoffnungen für Menschen in weniger
entwickelten Gebieten in der expandierenden globalen Wirtschaft dieselben Möglichkeiten zu
schaffen, wie sie ihre Mitmenschen in fortschrittlicheren Ländern haben. Wie die Diskussion
neulich auf einem Spitzentreffen zwischen UN-Vertretern und der Welt Wirtschafts Gemeinschaft –
und auch auf dem jüngsten G8-Treffen in Okinawa – gezeigt hat, ist das öberbrücken der
sogenannten "digitalen Differenz" eines der dringlichsten Probleme der Weltgemeinschaft.

Das Schlüsselelement bei all diesen Dingen ist die Vernetzung. Mit anderen Worten, die Fähigkeit
für eine beliebige Anzahl von Menschen von einer beliebigen Anzahl von Orten aus Anschluss und
jede Form von Information, Service und Waren zu finden, die sie wünschen.

Das erwarte ich, wenn ich das Internet nutze. Wenn das nicht geliefert wird, weiß ich, dass es
ein Problem zu lösen gilt. ICANN muss, wie jede andere Organisation auch, so gemanagt werden,
dass es die Art von nahtloser, benutzerfreundlicher Vernetzung bieten kann, die Internetuser
verdienen.

Olivier Muron

Maria Livanos Cattaui

Frage 2: Welche Motivation hatten sie, sich als ICANN-Kandidat
zu bewerben?

Maria Livanos Cattaui: Über das ICANN-Board glaube ich zur allumfassenden
Funktionsfähigkeit des Internet beitragen zu können. Ebenso zu einer Steigerung seiner
Effektivität für Nutzer und zu einer Kultievierung seines Sinnes für öffentliche Verantwortung.
Ich habe mich mein gesamtes Berufsleben lang der Organisation und Koordination von großen,
demokratischen Institutionen mit vielen Facetten gewidmet. Durch meine berufliche Erfahrung,
zuerst durch die Leitung des Weltwirtschafts Forums und jetzt als Generalsekretärin der
Internationalen Handelskammer, war ich konfrontiert mit Konsensbildung, internem Managment und
politik-orientierten Herausforderungen, die alle die Forderungen von tausenden von Stimmen aus
hundert verschiedenen Ländern und Kulturen mit einschlossen.

ICANN ist eine globale Organisation, die von ihren Führungsmitgliedern ein gründliches
Verständnis davon, wie internationale Organisationen arbeiten, verlangt. Ich glaube dieses
Verständnis zu besitzen und jetzt möchte ich es auf das Internet anwenden.

Frage 3: Wo sehen sie die europäischen Möglichkeiten und Bedürfnisse im
Rahmen der ICANN-Politik? Was würde bei ihnen auf der Tagesordnung stehen, wenn sie Mitglied des
ICANN-Vorstandes würden?

Maria Livanos Cattaui: Ich würde mich natürlich gerne auf die Kern-Verantwortlichkeit von
ICANN konzentrieren, deren Ziel es ist, die technischen Fundamente des Internet in eine
einheitliche Form zu bringen. Europa zögert noch gegenüber Nord Amerika, was die allumfassende
Nutzung des Internet angeht und es muss aufholen. Darauf sollte man achten. Das ist – egal ob
die Leute diesen Ausdruck mögen oder nicht – ein Teil des digitalen Differenzproblems.

Ein anderer Bestandteil der "digital divide" ist, dass wir nicht viel über die Kluft zwischen
West- und Osteuropa hören. Ist den Menschen bewußt, wie wichtig die Internetnutzung und
e-commerce sind, wenn sie über den Anschluss von Ländern an Europa sprechen, deren Wirtschaft in
einer öbergangs- oder Entwicklungsphase ist? Es ist eine Verpflichtung sicherzustellen, dass
das Internet in seinem ganzen Umfang von Privatpersonen und Unternehmern in Osteuropa genutzt
werden kann.

Die Entwicklung des europäischen e-commerce, m-commerce und die bedeutende Diskussion, rund um
die "eu top level domain" genießen ebenfalls höchste Priorität.
Ich war sehr stark an Diskussionen zu all diesen Themen beteiligt. Was den e-commerce betrifft,
habe ich näher untersucht wie Wirtschaft und Konsumenten miteinander interagieren und wie man
die Beziehungen zwischen diesen beiden verbessern und das Vertrauen in Institutionen stärken
kann, auf die sie sich verlassen sollen.

Frage 4: Ein bisschen Wahlkampf: Warum sollten sich deutsche oder
europäische Wähler für sie entscheiden?

Maria Livanos Cattaui: Als regelmäßige Nutzerin des Internet und Geschäftsfrau mit
Praxiserfahrung aus erster Hand, was das Regelwerk im e-commerce betrifft, weiß ich, dass meine
Talente und Fähigkeiten sich gut dazu eignen, europäische Interessen – und selbstverständlich
auch die der weltweit rasch wachsenden Gemeinschaft von Internetusern – zu verfechten.

Mein Zugang zu ICANN ist kein regionaler oder auf einen Kontinent bezogener. Ich will einfach,
dass das Internet auf der ganzen Welt so gut arbeitet wie es eben möglich ist. Und wenn es
weltweit gut funktioniert, dann funktioniert es auch gut in Europa.
Da wir etwas langsamer darin waren die neue Technologie aufzunehmen, als die Menschen in den
Vereinigten Staaten, ist es mein Ziel zu sichern, dass die Europäer aufschließen und sich gut
plazieren, um das Internet bestmöglich zu nutzen.

Ich hoffe meine Erfahrungen als Generalsekretärin der ICC und die Einblicke die ich bei meiner
Arbeit mit Pionieren der Internet-Technologie gewonnen habe, werden eine wichtige Komponente
zum ICANN-Board hinzufügen.
In meiner beruflichen Karriere habe ich jene Art von Konsens-Fähigkeit entwickelt, die wichtig
ist, um die Arbeit von ICANN reibungsloser und effizienter zu machen.
Ich würde außerdem versuchen, etwas von der betrieblichen Sachkenntnis des privatisierten
Sektors in den öffentliche Bereich der Internet-Regulierung einzubringen.

Und schließlich ist es so, dass ich durch meine Arbeit mit Internet-Unternehmer und e-commerce
Geschäftsleuten aus aller Welt, sowohl mit den Unzulänglichkeiten des momentanen Systems als
auch mit den effektivsten Lösungsmöglichkeiten vertraut bin.

Frage 5: Momentan werden Vorwürfe an ICANN laut, was die Auswahl der
Kandidaten (zu viele mit eindeutigem wirtschaftlichem Hintergrund) und die Wahlmodalitäten (nicht jeder
hatte die Möglichkeit sich registrieren zu lassen, weil Server zusammengebrochen sind) betrifft. Was sagen
sie zu diesen Beschwerden?

Maria Livanos Cattaui: Was mich von meinen Mitbewerben unterscheidet ist, dass ich keinen
akademischen Grad in der Computertechnologie besitze. Ich habe auch nicht den Großteil der
letzten zehn Jahre damit verbracht in einem Computer-Labor zu sitzen und meterweise Papier zu
analysieren oder die Gewohnheiten von Internetusern aufzulisten. Ich war allerdings ausgiebig
auf Reisen, habe ausführlich mit Internetnutzern auf der ganzen Welt gesprochen und
Arbeitserkenntnisse gewonnen, was die Herausforderungen dieser neuen Technologie betrifft. Das
ging von Geschäftsleuten, die ihre Internetpräsenz effektiver ausnutzen wollten bis zu den
Regierungen von Entwicklungsländern, die eifrig darauf bedacht waren sicherzustellen, dass sie
nicht in der Cyberwelt zurückbleiben. Sie alle vertrauen auf ein effektives, effizientes
Managment des Internet. Mein Hintergrund ist eher von der Arbeit mit weitgefassten ökonomischen
und sozialen Belangen und deren Organisation und Erleichterung bestimmt. Durch meine Arbeit und
meine Ausbildung habe ich ein tiefes Verständnis für die Arbeit der Weltwirtschaft gewonnen –
das schließt die sich ausbreitende Internetwirtschaft mit ein.

 

Das Interview führte Carolin Welzel.
You may download the English version of this interview as Word document.

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