ICANN-Kandidatenvorstellung


Dr. Oliver B. Popov
ist Professor für Informatik an der Universtität St.Cyril und Methodius in Mazedonien. Er gilt
als Schlüsselfigur für den Aufbau des mazedonischen Internets. Dr. Popov ist Vorsitzender des
mazedonischen akademischen Netzwerkes, MARNet, zweiter Vorsitzender des Central and Eastern European Networks (CEENet)
und Mitglied des Nato-Beratungsstabes für Netzwerke.

Frage 1: Was bedeutet das Internet für sie?

Oliver Popov: Das
Zeitalter der Netzwerke ist grundlegend durch die Symbiose der Rechner-
und Kommunikationstechnologie gekennzeichnet und spiegelt unserer
Gesellschaft, die sich kontinuierlich neue, der Zeit angepasste
Werkzeuge schafft (homo faber). Nach den Epochen der agrarischen,
industriellen und dienstleistenden Gesellschaften wurde so ein weiteres
Stadium in der Kontinuität der Menschheitsgeschichte eröffnet. Das
Internet hat die Möglichkeiten einer Informationsgesellschaft
geschaffen, wo Information (=Wissen) sowohl der Generator wie auch das
Produkt aller menschlichen Aktivitäten darstellt: der Aufstieg des homo
informaticus. Das Herstellen von Netzwerken hat die Grundlage des
neusten menschlichen Grundrechts bedingt, der Kommunikation, das die
älteren beiden Grundrechte der freien Meinungsbildung und ihres
Ausdrucks ergänzt.

Dieses Phänomen des Internets, mit seinem Potential Zeit und Raum zu komprimieren, basierend
auf den Kennzeichen der Offenheit und Verteilung, ändert zwar nicht die Geographie, es
transformiert jedoch ihre logische Topologie. Internet und Netzwerke handeln nicht nur von
technischen Möglichkeiten sondern vielmehr von Menschen und wie sich ihr Alltag verändert. Es
geht weniger um die Annäherung der Medien als um die Annäherung der Menschen. In meiner Arbeit
für die Central and Eastern European Networking Association (CEENet) und durch meine
Beteiligung an einigen ISOC (Internet Society) Aktivitäten hatte ich das Privileg zu erfahren,
wie die Internettechnologie transnationale und grenzüberschreitende Netzwerke schafft.

Frage 2: Welche Motivation hatten sie, sich als ICANN-Kandidat zu bewerben?

Oliver Popov: In den
meisten Fällen reflektiert die Technologie die Bedürfnisse und
Interessen der treibenden gesellschaftlichen Kräfte. Entgegen mancher
Überzeugung ist Technologie niemals völlig politisch neutral gewesen.
Der Weg zu einer akzeptablen neutralen Ebene der Technologie verläuft
über die Eliminierung unangemessener Politikfaktoren und einen
zunehmenden Grad an sozialer Reife, der auch das Konzept der
Selbstverwaltung beinhaltet.
Die Etablierung von ICANN ist das Ergebnis der Bemühungen vieler
Individuen, des Verlangens nach Konsens und wechselseitigem
Verständnis, und schließlich der Fähigkeit, zumindest ein Teil der
Semantik des Internets herzustellen (die Technologie ist nur die
Syntax), welche die Grundlage für den digitalen Zusammenschluss sein
wird. Im Laufe der Zeit könnten ICANN und ähnliche non-profit
Organisationen die Vorreiter für internationale Kooperation durch
Selbstregulierung werden.

Frage 3: Wo sehen sie die europäischen Möglichkeiten und
Bedürfnisse im Rahmen der ICANN-Politik? Was würde bei ihnen auf der Tagesordnung stehen, wenn sie Mitglied des
ICANN-Vorstandes würden?

Oliver Popov: Für ICANN sollte Europa seine Toleranz gegenüber der Vielfalt, die Sensibilität für Differenz,
das Bedürfnis nach Gleichheit und Fairness mitbringen und bewahren. Diese Fähigkeiten sollten
auf Grundlage überragender technischer Fähigkeiten eingebracht werden. Europa sollte die
dringend benötigte Balance zwischen den unumgänglichen kommerziellen Interessen und dem
unberechtigten politischen Druck (der meist das Ergebnis von falsch interpretierten Ambitionen
und egozentrischen Kurzzeitvisionen ist) bringen. Europa kann die Erkenntnis mitbringen, dass
gewisse Themen im Bereich von ICANN tatsächlich nationale oder internationale Ressourcen
berühren und auch dementsprechend behandelt werden müssen. Für diese Perspektive möchte ich mich einsetzen.

Alf Hansen

Dr. Oliver B. Popov

Frage 4: Ein bisschen Wahlkampf: Warum sollten sich deutsche oder europäische
Wähler für sie entscheiden?

Oliver Popov: Mein Leben ist von multinationalen, multi-ethnischen und multi-kulturellen Erfahrungen geprägt #
worden, eine Tatsache, die durch meine international ausgerichtete Ausbildung noch betont wurde.
Geprägt hat mich auch die Zusammenarbeit im Bereich der Netzwerkbildung und Internettechnologie
mit Menschen aus mehr als 22 verschiedenen Ländern in den Regionen der Europäischen Gemeinschaft
und der FSU. Aus einem kleinen Land zu kommen bedeutet, dass man Europäer aus Selbstverständlichkeit
und nicht aus Entscheidung ist. Ich habe übrigens auch ein Jahr in Deutschland gelebt.

Frage 5: Momentan werden Vorwürfe an ICANN laut, was die
Auswahl der Kandidaten (zu viele mit eindeutigem wirtschaftlichem Hintergrund) und die
Wahlmodalitäten (nicht jeder hatte die Möglichkeit sich registrieren zu lassen, weil Server zusammengebrochen
sind) betrifft. Was sagen sie zu diesen Beschwerden?

Oliver Popov: Ich hoffe, dass die Anforderungen an die Kandidatenprofile, die zu stellen übrigens das Recht
und Privileg der Wählerschaft ist, den Auswahlprozess verbessern wird und so in eine
adäquatere Auswahl münden lässt. Der wirtschaftliche Hintergrund vieler Kandidaten war nicht
der einzige Vorwurf, tatsächlich gab es auch Bedenken hinsichtlich der technologischen und
technokratischen Hintergründe. Wenn man sich nur auf einen Aspekt des Kandidatens bezieht,
verliert man schnell den großen Zusammenhang aus den Augen. Der wichtigste Punkt ist doch,
dass wir zum ersten Mal, wenn auch im kleinen Maßstab, eine wirklich weltweite Wahl erleben
werden, die genau die Technologie benutzt, deren Aspekte dann im politischen Bereich behandelt
werden sollen.

Es ist bedauerlich, dass die Probleme der Server und der Prozess der Wählerregistrierung am
Ende für viele eine frustrierende Erfahrung bargen. Für viele sah es sicher nach einer
großangelegten "denial-of-service" Attacke aus. Auf der anderen Seite macht die Qualität der
bisher ausgewählten Kandidaten und der bis zum 1. September zu Nominierenden die unerwünschten
Probleme bei der Registrierung wieder wett und garantiert in jedem Fall eine gute Repräsentation
der europäischen @Large Mitglieder.

Das Interview führte Carolin Welzel.
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