Gastbeitrag: Politische Bildung im Zeitalter der Digitalisierung

Politik, Gesellschaft und Bildung befinden sich in einem Zustand der Beschleunigung. Darauf muss die politische Bildung reagieren – aber wie? Unser Gastautor über die größten Herausforderungen und neue Lösungsansätze.

Zunächst einmal müssen die politisch Bildenden realisieren, dass sich die Lebenswelt der Jugendlichen von heute in kurzer Zeit drastisch verändert hat und weiter verändert: Jugendliche und junge Erwachsene werden täglich mit einer Flut an Informationen konfrontiert, von allen Seiten wird Kontroverses und Ungewohntes an sie herangetragen. Die klassischen Leitmedien verlieren für die jüngere Generation mehr und mehr an Orientierungscharakter. Junge Menschen sind es gewohnt, ihre Informationen im Internet – vermeintlich – selbst auszuwählen, eine Vorauswahl wird von ihnen eher als Gängelung betrachtet.

Ranking statt Wahrheit

Leider ist das Internet nicht nur voll von Informationen, sondern auch von gefährlichem Halbwissen, einseitigen Darstellungen und zweifelhaften Quellen. Dass auch hier im Voraus selektiert wird und dass die Fakten an Qualität einbüßen, ist nicht immer auf den ersten Blick für alle erkennbar. Für User wäre die Einsicht wichtig, dass auch die Suchmaschinen eine Filterfunktion erfüllen und damit bestimmen, welche Informationen an erster Stelle stehen. Hier geht es um Rankings, bei denen finanzielle Aspekte und weniger die Relevanz des Gesuchten im Vordergrund stehen. Darin spiegelt sich nicht zuletzt die Kluft zwischen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung wider.

Zur Medienkompetenz des Bürgers gehört daher das Bewusstsein über solche Prozesse, um dieses Spiel zu durchblicken und aus der Vielfalt an Angeboten das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden; das gilt auch für die unterschiedlichen Formen (z.B. Print, Online, Radio), die sich in Bezug auf die Aktualität unterscheiden. Dabei sind sie nicht selten auf sich allein gestellt, denn die politische Bildung beginnt erst langsam, auf diese Herausforderungen zu reagieren. Es wird also immer wichtiger, neue Formate kritisch zu betrachten und daher sollte dem Umgang mit Medien auch in der Schule ein höherer Stellenwert eingeräumt werden, z.B. durch Kurse, aber auch durch regelmäßige Nutzung neuer Formate.

Neue Formate in der Politik

Das Internet bietet die Möglichkeit für jedermann, seine eigene digitale Welt zu gestalten. Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf Jugendliche und junge Erwachsenen haben soziale Netzwerke, die tief in ihre Lebenswelt eindringen und ihre Verhaltensweisen mitbestimmen. Aus politischer Sicht dienen sie vor allem als Instrument, um spontane Öffentlichkeiten zu schaffen und Menschen zu mobilisieren, wenn diese Effekte auch selten von langer Dauer sind. Soziale Netzwerke sind in der Lage einen virtuellen Raum zu schaffen, in dem politische Kommunikation tendenziell jederzeit und überall ohne größere Schranken möglich ist. Auf diese Weise können spontane Aktivitäten wie z.B. Demonstrationen oder sogenannte Flashmobs koordiniert werden. Reizvoll an den Neuen Medien und ihren Formaten ist aber vor allem, dass sie eine situative Mitarbeit ermöglichen. Jedermann kann sich schnell informieren und mitmachen, ist aber genauso in der Lage, zügig wieder abzuspringen. Echtes Interesse an Politik und die Bereitschaft, demokratisch mitzuwirken, muss daher nicht zwangsläufig dahinter stehen – es kann sich auch schlicht um Aktionismus, Trittbrettfahren oder Opportunismus handeln.

Dieser Umstand stellt eine Herausforderung für die Politik dar, weil die Bündelungsfunktion von klassischen intermediären Kräften wie Parteien, Vereinen oder Interessenverbänden zunehmend wegfällt. Die Politik reagiert darauf etwa in Form von Bürgersprechstunden, Online-Umfragen oder E-Mail-Korrespondenz, bisweilen auch mit Twitter oder Facebook. Wie weit sich der Schwerpunkt solcher Angebote vom Stimmungsbarometer hin zur Mitbestimmung verlagert, bleibt aber noch abzuwarten. Bisher sind – abgesehen von den Bemühungen der Piratenpartei – internetbasierte Mechanismen noch wenig etabliert.

Nicht jeder kann mitspielen

Dieser Aspekt macht auf das direktdemokratische Potential der Neuen Medien aufmerksam, das von immer mehr Menschen entdeckt, aber von vielen auch kritisch bewertet wird. Dabei geht es um das Internet als Mittel zur politischen Teilhabe. Das spart Zeit und Geld und verspricht daher einen unmittelbaren Zugang zur Politik. Eine Möglichkeit sind Online-Petitionen, aber auch Vorabstimmungen zu bestimmten Entscheidungen, wie auf der Ebene der EU praktiziert. In diesem Zusammenhang wird jüngst immer wieder die sogenannte E-Democracy diskutiert, die vielfältige Möglichkeiten der Partizipation – bis hin zum Wahlakt – erlaubt. Auf der anderen Seite darf allerdings nicht vergessen werden, dass nicht jeder das World Wide Webe gleichermaßen nutzt bzw. nutzen kann. Die digitale Spaltung zwischen den sogenannten digital natives und weniger netzaffinen Menschensorgt beispielsweise dafür, dass die Wahrscheinlichkeit der Beteiligung bei bestimmten Gruppen höher ist . Zudem stellt sich die Frage, ob sich auf diese Art und Weise auch komplexe Fragen beantworten lassen, die für die Allgemeinheit von Interesse sind. Schließlich sind bisher ja nur kleine und zu spezifischen Themen mobilisierte Teilöffentlichkeiten daran beteiligt, die ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen – das Gemeinwohl wird dabei in der Regel nicht vertreten.

Rechtliche Aspekte

Musik- oder Videoportale stellen eine nicht unerheblich Herausforderung dar, denn in diesem Zusammenhang kommen verschiedene rechtliche Aspekte zum Tragen. Produktpiraterie oder illegale Downloads sind längst zu einer Angelegenheit geworden, die auch junge Menschen im Alltag betrifft. Problematisch ist, dass sich nicht alle darüber im Klaren sind, dass sie sich auf dünnem Eis bewegen. Zudem hinterlässt das Surfen im Internet Spuren. Aus diesem Grund muss auch die Privatsphäre der Nutzer zum Thema werden, etwa um Mobbing oder Cyberhate zu verhindern. Medienkompetenz bedeutet hier vor allem ein Bewusstsein für die Gefahren zu entwickeln, die sich aus einem allzu freizügigen Umgang mit sensiblen Daten ergeben.

Ein ganz anderes Problem stellt der Extremismus dar. Das Internet bietet radikalen Gruppen eine Kommunikationsplattform für illegale und verfassungsfeindliche Aktivitäten sowie zur Verbreitung von Propaganda. Hier geht es für die politische Bildung darum, solche Angebote zu enttarnen und die jungen Menschen auf den radikalen Hintergrund hinzuweisen. Hier tut sich bereits Einiges auf politischer, gesellschaftlicher und schulischer Ebene, etwa durch Projekte oder Materialien sowie Angebote zur Prävention. Das Internet müsste dabei mehr in den Mittelpunkt rücken, weil mittlerweile mehr und mehr im Verborgenen geschieht.

Ausblick

Mit der Digitalisierung sind vielfältige Herausforderungen für die politische Bildung verbunden. Dazu gehören die Qualität der medialen Informationen und ihre Wirkung auf Politik und Bürger, ihr direktdemokratisches Potential, aber auch rechtliche Herausforderungen, die aus der Grenzenlosigkeit des Netzes entstehen. Die Auseinandersetzung mit neuen Formen steht an vielen Stellen noch am Anfang. Wichtig ist es daher, Motivation zum Erlernen des Umgangs mit neuen Medien zu schaffen, damit das Potential des Internets sinnvoll genutzt wird. Vor allem die Möglichkeit, sich verschiedene Ansichten einzuholen, sich auszutauschen und gemeinsam neue Perspektiven zu entwickeln, bietet Freiräume. Dafür müssen sich die Bürger aber auf die Ambivalenz im Netz einlassen und in seinen Tiefen nach den Fakten suchen, die für sie relevant sind. Aufgabe der politischen Bildung wird es sein, ihnen dabei zur Seite zu stehen.

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