Frisörin oder IT-Spezialistin?

"Der Einzug in eine
Männerdomäne ist eine Herausforderung! Aber warum sollen Frauen nicht
schaffen, was durchschnittlich begabte junge Männer hinkriegen?" So
Anja Warich, 33 Jahre, Mutter von zwei Kindern – und Forscherin bei
Alcatel.

Im Rahmen der von der deutschen Wirtschaft ins Leben gerufenen Initiative D21
setzt sich die Arbeitsgruppe
"Frauen
und IT" dafür ein, jungen Frauen dieses Berufsfeld schmackhaft zu machen.
Wie die Einführung der "Greencard" zeigt: Die Branche lechzt nach Fachkräften!
An mangelndem Bedarf kann es also nicht liegen, dass sich nur jede siebte Schul- und Studienabgängerin für einen
IT-Beruf entscheidet – das mangelnde Interesse der jungen Frauen sorgt für die niedrige Quote.

In Kooperation zwischen dem Bundesfrauenministerium und der Initiative D21 soll das Projekt
IDEE-IT – das größte im Bereich "Frauen und IT" – junge Frauen
für die Zukunftsberufe gewinnen, Spaß an den neuen Medien vermitteln und die IT-Ausbildungen interessanter gestalten.
Ein zentrales Ziel ist es, bis 2005 den Frauenanteil in IT-Ausbildungen von 14 auf 40 Prozent zu steigern.

Die Bemühungen der Arbeitsgruppe zielen auf Schulabsolventinnen, die vor der Berufswahl stehen. Hier dominieren immer noch
Studiengänge und Ausbildungsberufe, die in traditionelle Frauenberufe wie Sozialpädagogin oder Verkäuferin münden.
Jobs mit häufig begrenzten Karrierechancen und schlechten Verdienstmöglichkeiten. Dabei finden sich in der IT-Branche viele
hoch qualifizierte und attraktive Berufsbilder.

Warum werden diese Chancen noch so wenig genutzt? Nach Ergebnissen der Arbeitsgruppe gibt es hier zum einen ein Imageproblem,
zum anderen ein gravierendes Informationsdefizit.

Während die jungen
Frauen sich unter traditionellen Berufen wie Erzieherin oder
Verkäuferin etwas vorstellen können, ist das bei den IT-Berufen
schwieriger. Wie sieht der Alltag in so einem Beruf aus? Was macht ein
Mann oder eine Frau als Fachinformatiker/-in,
IT-Systemelektroniker/-in, Informatikkauffrau/-mann oder
IT-System-Kauffrau/-mann? Das sind die vier Berufe, für die man sich
seit 1997 nach der Schule ausbilden lassen kann. Selbstverständlich
gibt es auch andere Wege in dieses Berufsfeld, wie z. B. das Studium an
einer Berufsakademie oder ein Studium an
einer Universität oder Fachhochschule in den Bereichen Mathematik, Physik oder Informatik.

Um auf die enormen
Möglichkeiten in der Informations- und Telekommunikationsindustrie
hinzuweisen und die Schulabsolventinnen dafür zu begeistern, müssen
nach Auffassung der Arbeitsgruppe die Bemühungen in die Schulen
getragen werden. So können sich Schülerinnen zu IT-Mentorinnen
ausbilden lassen, um dann direkt an ihren Schulen aktiv zu werden. In
dieser Ausbildung erhalten sie Einblick in alle Tätigkeitsbereiche der
IT-Experten von der Softwareentwicklung bis zum Projektmanagement und
Kundenkontakt. So können sie frühzeitig an Technik und
Zukunftsperspektiven herangeführt werden.

Schwerpunkt der
Arbeit im nächsten Jahr ist eine Image- und Aufklärungskampagne. Denn
trotz der Vorstellung von einer schönen neuen Medienwelt leiden
IT-Berufe unter einem schlechten Image. "In vielen Köpfen herrscht noch
immer das Bild vom Informatiker als weltfremden Hacker vor, der die
Nächte allein vorm Rechner verbringt," so Dr. Gottfried Dutiné,
Vorsitzender der Geschäftsführung der Alcatel Deutschland GmbH und
Leiter der D21-Arbeitsgruppe.

Trockene
Mathematik, endloses Programmieren, lange Nächte vor dem Computer.
Diese Aussichten wirken natürlich nicht gerade ermutigend. Aber sind
sie wahr? "Nein!", ist die deutliche Antwort der Arbeitsgruppe. Eine
gewisse Aufgeschlossenheit der Technik gegenüber, ein Interesse an
Mathematik, Sprachen und Medien ist sicher erforderlich, ansonsten
jedoch sind die Fähigkeit zu logischem und analytischem Denken die
wichtigsten Voraussetzungen. Und dies wird den Frauen im 21.
Jahrhundert ja wohl niemand mehr absprechen wollen! Neben technischem
Wissen und Spaß an den neuen Medien sind insbesondere soziale
Schlüsselkompetenzen wie die Fähigkeit zur Teamarbeit, Kommunikation,
Einfühlungsvermögen, Dienstleistungsorientierung unerlässlich.

Um diese
Botschaft zu verbreiten und kräftig die Werbetrommel für IT-Berufe zu
rühren, sollen so genannte Ambassadors, IT-Botschafter, in die Schulen
gehen. Bei den Botschaftern handelt es sich um junge Menschen aus der
Berufspraxis, die aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz berichten und mit
einigen Vorurteilen aufräumen können. Ein wichtiger Baustein in dem
Versuch, das Image der Branche bei den Schulabgängerinnen zu
korrigieren und Begeisterung zu wecken.

Ein weiteres Schlüsselthema, das bei der stärkeren Integration von Frauen in Vollzeitberufe thematisiert werden muss: die
Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wie Anja Warich aus eigener Erfahrung berichtet, durchaus ein Problem, dass schon
Schulabgängerinnen beschäftigt. Gerade auch Frauen mit Kindern bieten Jobs in der IT-Branche ein zusätzliches Maß
an Flexibilität – zeitlich, räumlich und finanziell. So kann es gelingen, beide Elternteile in die Kindeserziehung
einzubeziehen, zum Beispiel indem beide nacheinander Erziehungsurlaub nehmen oder Teilzeitarbeit gewählt wird.

Nichtsdestotrotz ist Deutschland in Hinsicht auf neue Arbeitsmodelle, die die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf
ermöglichen, ein Entwicklungsland. Firmeneigene Kindergärten z.B. oder die ganztätige Betreuung von Kindern seien
nicht bzw. nicht in dem Maße und immer zum richtigen Zeitpunkt verfügbar. Firmen würden jedoch zunehmend auf diese
Problematik aufmerksam und würden an entsprechenden Angeboten arbeiten, so Dr. Dutiné. Hier gibt es noch einiges zu tun.

Frauen müssen ohne
Frage auch in anderen Arbeitsfeldern und sozialen Bereichen gestärkt
werden, aber Dr. Dutiné erhofft sich von der IT-Branche mit ihren
enormen Potentialen Synergieeffekte und eine Motorfunktion, die auf
andere Bereiche übergeht. Um noch einmal Anja Warich zu Wort kommen zu
lassen: "Die IT-Branche ist weder gefährlich noch schmutzig. Geht ran
an den Speck, Mädchen. Holt Euch Euren Teil."

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