„Digitalisierung darf kein Unwort werden“ – Marten Gerdnun im Interview

TitelbildBereits im dritten Jahrgang koordiniert das Kulturbüro Rheinland-Pfalz mittlerweile das FSJ_digital – ein Projekt, bei dem Freiwillige digitales Know-How in ihren Einsatzstellen praktisch umsetzen und weitergeben (wir berichteten). Im Interview mit politik-digital spricht der verantwortliche Koordinator Marten Gerdnun über das Erfolgsgeheimnis des FSJ_digital, dessen bundesweite Umsetzung und darüber, was er von der aktuellen politischen „Digitalisierungseuphorie“ hält.

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Marten Gerdnun ist studierter Erziehungswissenschaftler und Medienpädagoge. Seit 2015 arbeitet er als Projektkoordinator und Medienbildungsreferent an dem Modellprojekt FSJ_digital. Das von Gerdnun für den Offenen Kanal Schleswig-Holstein konzipierte Projekt „Schüler-Medien-Lotse“ gewann 2016 die Google Impact Challenge in der Kategorie Lokale Projekte.

politik-digital.de: Hallo Marten. Wir haben uns ja bereits im Juli 2017 über das von Dir maßgeblich initiierte FSJ_digital unterhalten und im Anschluss auch eine Reportage dazu veröffentlicht. Für neue Leser zu Beginn trotzdem nochmal eine kurze Zusammenfassung: Was ist das FSJ_digital genau und wie sieht die Umsetzung durch das Kulturbüro RLP aus?

Marten Gerdnun: Das FSJ_digital ist damals als Modellprojekt von der vorherigen Bundesregierung im Auftrag der SPD in den Koalitionsvertrag gekommen. Die Grundidee hierbei war: Medienbildung könnte vielleicht von der Mediensozialisation der jungen Menschen heutzutage profitieren. Anknüpfungspunkt war hier dann der Freiwilligendienst, weil sich dort eh bereits aktiv sozial engagiert wird und dementsprechend eine gewisse „Energie“ vorhanden ist.

Wir fanden den Grundgedanken gut und haben uns deshalb entschlossen, aus dem Projekt eine Multiplikatoren-Fortbildung zu machen, d.h.: Nach der Orientierungsphase in der Einsatzstelle können die Freiwilligen sich bei uns mit einer Projektidee bewerben, bei dem es um eine konkrete Idee zur Optimierung ihrer Einsatzstelle mithilfe moderner Technologie geht. Dieses Projekt fördern wir dann, in dem wir mit den Freiwilligen zum einen eine Fortbildungswoche organisieren, die Umsetzung des Projektes begleiten und coachen, und ihnen zum anderen bis zu 1.000 Euro Fördergeld zur Verfügung stellen.

Du betreust das FSJ_digital bereits im dritten Jahr. Bei unserem letzten Gespräch war die Resonanz mit 91 Anträgen 2017 nur in Rheinland-Pfalz bereits so hoch, dass geplant wurde, das Ganze deutschlandweit anzubieten. Was ist aus diesem Vorhaben geworden?

Genau. Der dritte Jahrgang ist jetzt tatsächlich der Jahrgang, den wir aufgebohrt haben und auch bundesweit anbieten dürfen. Wir haben mittlerweile Projekte von München bis Flensburg am Laufen und sind in ganz Deutschland recht gut gestreut. Dadurch haben wir mittlerweile auch ein großes bundesländerübergreifendes Pädagogennetzwerk, was natürlich auch unser Lehrangebot bereichert.

Trotzdem wird das FSJ_digital ja immer noch hauptverantwortlich vom Kulturbüro RLP initiiert. Wie sieht es denn mit Kooperationen mit öffentlichen Trägern in anderen Bundesländern aus?

Das läuft tatsächlich immer noch hauptorganisatorisch über meine Stelle, auch weil es noch diesen Modellcharakter hat. Wir versuchen aber, noch viel enger mit unserem Bundesträger der Bundesvereinigung für kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) zusammenzuarbeiten und deren Netzwerk zu nutzen. Gleichzeitig ist es für uns aber zugegebenermaßen immer noch schwierig, transparent zu machen, dass wir als einzelner Träger alle Einsatzstellen in ganz Deutschland unterstützen und dabei anderen Trägern und Einrichtungen nichts wegnehmen wollen. (lacht)

Mit welchen Maßnahmen habt Ihr es denn geschafft, dieses Jahr den großen Andrang zu bewältigen?

Wir haben zum ersten Mal mehr Projektanträge bekommen, als wir fördern konnten und mussten deswegen eine Jury über die Bewilligungen entscheiden lassen. Dort saßen dann Abgeordnete aus verschiedenen Ministerien, Vertreter von Stiftungen und auch ehemalige Freiwillige aus vergangenen Jahrgängen am runden Tisch und haben lebhaft diskutiert. Letztlich haben wir uns dann für etwas mehr als 100 aus 130 Projekten entschieden.

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Was hat sich grundsätzlich  seit dem Beginn des FSJ_digital für Euch als Organisatoren verändert?

Dadurch dass wir eine größere Öffentlichkeit bekommen und mehr Leute das Projekt kennen, haben wir auch eine viel größere Reichweite, wodurch sich das FSJ_digital auch qualitativ stark verbessert hat. Das ist ein sehr positives Ergebnis, denn pro Projekt erreichen wir statistisch auch immer mindestens 10 Leute, die weiter vom digitalen Wissen profitieren. Wir haben aber selbst den Anspruch, das Projekt noch stärker auszuweiten, zum Beispiel auf den Bundesfreiwilligendienst (BFD). Da haben wir selbst viel Lobbyarbeit betrieben und sind sehr froh, dass der Einbezug des BFD in das FSJ_digital etwa Einzug in den aktuellen Koalitionsvertrag gefunden hat.

Beim FSJ ist ja mit 27 Jahren Schluss, der BFD steht allen Altersgruppen offen. Wie verändert das Euer konkretes Arbeiten in Bezug auf den ursprünglichen Gedanken des Know-How-Transfers durch die „digital natives“?

Für Projektstrukturen wie unsere heißt das vor allem, dass sich in Zukunft auch Ü-27er mit tollen Projekten bei uns bewerben. Wir arbeiten ja nach dem Multiplikatorenprinzip, verfolgen also den „Train the Trainer“-Gedanken. Mit einer neuen Zielgruppe, die z.B. auch Senioren mit weniger digitalem Know-How zum Weitergeben umfasst, haben wir deshalb auch unser Konzept nochmal reformiert. Wir geben mittlerweile auch digitale Fortbildungen für Pädagogen, die das FSJ_digital in den Einsatzstellen und in den Trägerstellen der anderen Bundesländer koordinieren. Diese Grundlagenbildung, vor allem auch in der Mediendidaktik, ist unglaublich wichtig, um zu erreichen, dass Medienbildung mit der schnellen digitalen Entwicklung mithalten kann.

Da nennst Du das richtige Stichwort. Wie macht sich denn dieser rasende Fortschritt in der Ausgestaltung der einzelnen Projekte bemerkbar?

Die Projekte werden vor allem inhaltlich immer ausdifferenzierter und diverser, aber auch der Teilnehmerkreis wird größer. Wir haben dieses Jahr zum Beispiel zum ersten Mal deutlich mehr Mädchen als Jungen da, was auch nochmal ganz neue Perspektiven öffnet. Inhaltlich und technologisch ist vor allem das sogenannte „Mapping“ sehr im Trend. Dort werden etwa für Museen interaktive Karten gestaltet, die jeder mit Inhalten füllen kann.

Außerdem ist die ganze VR-Technik neu dazugekommen. Wir arbeiten zum Beispiel in München gerade daran, in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen im Kunstareal München einen Raum einzurichten, in dem die Besucher eine VR-Brille tragen und gemeinsam virtuell zeichnen können. So kann aus einem Cafe etwa ein abstrakter Urwald werden, den alle zusammen gestalten, weil sie auch sehen, was die anderen bereits gemalt haben.

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Zum Schluss noch zur allgemeinen Politik. Wo siehst Du denn – abseits vom Klein-Klein und dem Konkurrenzdenken der Bildungsträger – die größten Defizite bei der digitalen Bildung in der Bundesrepublik? Gibt es für Dich Vorbildstrukturen in anderen Ländern?

Der Begriff der Digitalisierung erlebt gerade auf jeden Fall eine starke Konjunktur hier – das haben wir im Wahlkampf ja auch besonders gut beobachten können. Ich kann das noch nicht ganzheitlich einschätzen, aber so ein inflationärer Gebrauch von „Digitalisierung“ darf nicht dazu führen, dass die Begrifflichkeit letztlich zu einem Unwort wird. Das halte ich für äußerst gefährlich.

Der Umgang mit dem Facebook-Skandal zu Beginn dieses Jahres hat meiner Meinung nach aber sehr beispielhaft dieses problematische in Deutschland vorherrschende Denken in Bezug auf die digitale Entwicklung gezeigt. Der Umgang mit Daten durch Facebook ist ja nichts Überraschendes. Dass ich dann plötzlich stark empört bin, wenn so etwas passiert, mich letztlich aber damit zufrieden gebe, dass Mark Zuckerberg der Justizministerin verspricht, sich in den nächsten Jahren darum zu kümmern, kann sicher nicht die Lösung sein. Aus pädagogischer Sichtweise müsste ich sagen: Die Daten, mit denen da vermutlich Wahlkampf manipuliert, sicher aber Wahlkampf betrieben wurde, haben wir alle freiwillig unter Ausschluss jeder Rechtlichkeit dort hineingetragen. Wir dürfen uns doch nicht wundern, dass eine kostenlose Plattform diese Daten verkauft, denn personalisierte Werbung ist schließlich deren Geschäftsmodell. Die Algorithmisierung ist dann  die logische Konsequenz dieses Prozesses, weshalb es viel sinnvoller wäre, grundsätzliche digitale Aufklärungsarbeit zu leisten.

Digitale Bildung wird einfach immer noch viel zu kurz gedacht und genau dort müssen wir die Leute zu selbstbestimmter digitaler Teilhabe befähigen. Dieser Idealismus, der hinter unserer Arbeit steckt, ist nicht selten wirklich anstrengend, genau wie auch der jährliche Kampf um Fördergelder. Aber genau aus dieser Motivation machen wir das. Um etwas zu bewirken.

Ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch!

Bild Marten Gerdnun: Sewerin Zelazny
Alle weiteren Bilder: Jan Lahitte

CC-BY-NC 2.0

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