Digitalisierte Pflege: Trost vom Roboter

Paro – Mental Commit Robot by Amber Case via Flickr, CC BY-NC 2.0Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt stetig und bereits jetzt bestehen Engpässe im Personal. Anreiz genug für den Einsatz von sogenannten Pflegerobotern. Diese können nicht nur einfache motorische Aufgaben übernehmen, sondern kommen auch als Therapiemittel zum Einsatz.

Der Digitalisierung wird großes Potenzial zugeschrieben, die kommenden Herausforderungen im Bereich der Pflege zu meistern, indem diese die Versorgung der Pflegebedürftigen gewährleisten soll. Doch welche ethischen Aspekte müssen bei der Digitalisierung der Pflege berücksichtigt werden?

Multiprofessionalität und personalisierte Behandlungskonzepte

In der Anwendung als Assistenten werden Roboter bereits erprobt. Dabei übernehmen sie vor allem maschinelle Tätigkeiten, wie die zum Teil Zeit raubende Dokumentierung von Krankheit und Pflege. Forscher gehen davon aus, dass sie die Pflege durch den Menschen nicht ersetzen, sondern lediglich als Assistenzsysteme die professionelle Pflege unterstützen werden. So können sich Pflegekräfte wieder mehr auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren – nämlich die Kommunikation und Arbeit an Beziehungen. Die durch die Digitalisierung ebenfalls vorangetriebene Multiprofessionalität und Interdisziplinarität werde die Versorgung der Patienten erheblich unterstützen. Mittels systematischer Datensammlungen könnten beispielsweise im Rahmen der Versorgungsforschung Lerneffekte generiert werden. So könnten stärker personalisierte Behandlungskonzepte, durch den Einsatz von Big Data, zu einer besseren Gesundheitssteuerung der Patienten beitragen. Das Ergebnis seien Effektivitäts- und Effizienzsteigerungen.

In diesem Kontext bestehen aber auch die ersten Bedenken für den Patienten: Die Vernetzung zwischen Robotern und anderen Geräten sowie dem behandelnden Arzt bieten Möglichkeiten eines umfassenden Kontrollmechanismus. Durch die Menge der erhebbaren Daten entsteht ein zunehmendes Interesse an der kommerziellen Verwendung ihrerseits. Vor diesem Hintergrund werden Stimmen laut, dass das informationelle Selbstbestimmungsrecht in Gewahr sei, weil das herkömmliche Datenschutzrecht für Big Data im Gesundheitswesen nicht ausreiche. Zu dieser Einsicht kommt der Deutsche Ethikrat in einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme. Gesundheitsdaten könnten so als wirtschaftliches Gut betrachtet werden, die von bestimmten Leistungsanbietern bereitgestellt würden. Die Gefahr des Datenmissbrauches wie zum Beispiel die Preisgabe intimer Informationen ist dabei besonders groß.

Zuwendungsroboter bei Demenzkranken

Pflegeroboter übernehmen aber nicht nur maschinelle, sondern auch menschliche Aufgaben. So sind sie auch zu Beziehungen zu Menschen fähig: Die Roboterrobbe „Paro“ kommt gezielt als Zuwendungsroboter bei Demenzkranken zum Einsatz. Inspiriert von der tiergestützten Therapie soll der Roboter auf der emotionalen Ebene das Wohlbefinden der Patienten fördern, indem er Schlüsselreize auslöst. Er wirkt entspannend, lindert Symptome, weckt alte Erinnerungen und dient als Kommunikationsbrücke zwischen Patienten, Angehörigen und Pflegekräften. In Deutschland wird er in mehr als 40 Pflegeeinrichtungen als Therapiemittel eingesetzt.

Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass solche Zuwendungsroboter die eigentlichen Ursachen ihres Einsatzes in der Pflege weiter verschärfen könnten – nämlich den Mangel an Zeit und Empathie der Pflege durch Menschenhand. Dieser Umstand ist besonders an den Fällen ersichtlich, in denen Medikamente missbräuchlich eingesetzt werden, um Patienten „ruhig zu stellen“, weil sie ansonsten den Betrieb der Pflegeheime stören würden. Die verstärkte Nutzung Big-Data-gestützter Ansätze sowie die technologische Vermittlung der Versorgung könnten die persönliche Zuwendung zum Patienten sowie das Nachkommen der moralischen Verpflichtungen der medizinischen Versorgung weiter reduzieren und so zu einem fortschreitenden entsolidarisierten Ärzte-Patientenverhältnis beitragen.

Auch liefe man auf die Gefahr hinaus, dass zusätzlich motorische und intellektuelle Fähigkeiten der Patienten degenerieren könnten. Adelheid von Stösser, Mitgründerin des Pflege-Selbsthilfeverbandes (Pflege-SHV), plädiert daher dafür, mehr echte Hunde für diesen Zweck ausbilden zu lassen, anstatt in computeranimierte Tiere zu investieren. “Wer erlebt hat, wie positiv alte Menschen mit Demenz auf eine ihnen angenehme Berührung reagieren, kommt im Traum nicht auf die Idee, für die Körperpflege von Kranken Roboter einsetzen zu wollen“, so Stösser.

Fragen, die bleiben

Zweifelsohne werden Pflegeroboter – wie Paro – die menschliche Pflege nicht ersetzen können. Denn neben körperlicher Zufriedenheit bedeute Pflege vor allem Kommunikation, das Herstellen einer Vertrauensbasis und das Erkennen von Stimmungen und Bedürfnissen, so die Antwort der Rehabilitationspsychologin Johanna Meixner auf die Frage: Können Roboter Menschen pflegen? Der Weg für den Einsatz von Robotern in der Pflege scheint aber bereits geebnet. Und ohnehin bestehen bislang wenige Beispiele dafür, dass eine technologische Entwicklung aufgrund ethischer Bedenken eingestellt worden wäre. Deswegen müssen wir uns nun gezielt überlegen, zu welchen Zwecken Pflegeroboter eingesetzt werden sollen. Schließlich wird von Seiten der Technikentwickler immer wieder betont, dass der Mensch im Mittelpunkt stehe.

Seit einigen Monaten diskutiert die Ethik-AG der Initiative D21  bei regelmäßigen Treffen ethische Fragen der Digitalisierung und hat zum Thema “Roboter als persönliche Assistenten für ältere Menschen” einen ausführlichen, systematischen Denkimpuls veröffentlicht.

Insgesamt jedoch fehlt eine breite, gesellschaftliche Auseinandersetzung darüber, in welchem Ausmaß Roboter in unserem Alltag überhaupt ein wünschenswertes Szenario darstellen. Dabei geht es auch um die Frage, wie wir altern wollen. An dieser Stelle könnte man sich zum Beispiel selbst die Frage stellen: Würde ich meiner demenzkranken Mutter eine elektronische Kuschelrobbe schenken?

 

Titelbild: Paro – Mental Commit Robot by Amber Case via Flickr, CC BY-NC 2.0, bearbeitet

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Eine Antwort auf Digitalisierte Pflege: Trost vom Roboter

  1. Anke Knopp sagt:

    Der Beitrag ist lobenswert – hinkt in seiner Aktualität aber schon hinterher. Zudem erscheint mir all zu oft der Hinweis auf Datenschutz. Es gilt vielmehr bereits die absolute Notwendigkeit, die gesamte Prozesskette der Betreuung für pflegende Angehörige gänzlich digital abwickeln zu können. Bisher geht das nicht. Weder die Vermittlung von Rezepten oder Beförderungsscheinen bei Liegendtransporten etc. noch die Vertretung von Demenzerkrankten in den Belangen ihrer Lebensbewältigung wie Vermögen oder Immobilien gegenüber dem Staat – es geht so gut wie nichts digital. Das stellt eine gesamte pflegende Generation vor nahezu in den Wahnsinn treibende Herausforderungen, die kaum jemand zu leisten vermag oder gewillt ist. – Gleiches gilt für die hypothetische Überlegung, ob Roboter zum Einsatz kommen oder nicht. Sie sind bereits eine Hilfe. Bereits die nächste Generation wird ohne Avatare und KI in der Pflege kaum mehr auskommen – wenn die liberale und selbstbestimmte Art zu leben denn im eigenen hochbetagten Leben fortgesetzt werden möchte. Roboter sichern mehr Autonomie als das bisherige System. Für meine Begriffe braucht es mehr digitale Scouts, die auch Erfahrung im Umgang mit Demenz und Pflege haben – so könnten viel mehr Einsatzmöglichkeiten identifiziert werden als bisher. Ein Grund: es gibt schon heute zu wenig Menschen, die diese anspruchsvolle Arbeit für wenig Gehalt erledigen.

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