Erinnerungskultur 2.0: #Mauerfall

Mauerfall_cropVor 25 Jahren fiel die Berliner Mauer. Auch im Netz bringt dieses Jubiläum diverse Formate kommemorativer Kommunikation hervor. Während in Berlin die Mauer in einer Aktion als Lichtgrenze wieder sichtbar gemacht wurde, scheiterte das ZDF beim spielerischen Versuch, genügend Nutzer für einen virtuellen Mauerfall im Netz zu mobilisieren. Interessante Inhalte liefern Formate, die das historische Geschehen im Echtzeitmodus vergegenwärtigen.

Die Mauer steht noch – zumindest bei der #Mauerspecht-Challenge. Das ZDF wollte “die Mauer nochmals symbolisch einreißen und dabei erfahren, welche Bedeutung die deutsch-deutsche Teilung und Wiedervereinigung heute” hat. 160.000 nutzergenerierte Beiträge wären dazu notwendig gewesen. Gesammelt hat das ZDF Tweets und Instagram-Inhalte mit dem Hashtag #mauerspecht, Kommentare zu eigenen Facebook-Einträgen zum Thema sowie Beiträge, die über ein Formular online eingereicht werden konnten. Inhaltlich sollte es selbstverständlich um thematisch einschlägige Gedanken, Fotos oder Videos gehen.

Tweet down this Wall!

Zur Visualisierung der Beteiligung an der Aktion wurde folgendes Szenario entworfen: “Unsere virtuelle Berliner Mauer ist 160.000 Meter lang. Sie besteht aus 320 Stücken, jedes Stück wiederum aus fünf Fragmenten. Um ein Mauerfragment herauszubrechen, werden 100 Beiträge benötigt, um ein Mauerstück einzureißen 500. Jeder Beitrag/Post entspricht, übertragen auf unseren Maßstab, einem Meter virtueller Mauer. Für die insgesamt 160.000 Meter sind also 160.000 Beiträge/Posts nötig. Wie weit unser Mauerspecht schon gekommen ist und wie viel Arbeit noch vor ihm liegt, könnt Ihr live mitverfolgen“. Dazu wurde ein Fortschrittsbalken sowie eine redaktionelle Auswahl von Beiträgen angezeigt. Auch wenn das ZDF am Abend des 9. November 2014 via Twitter zum “Endspurt” aufrief, standen am Morgen danach noch 130 Kilometer der virtuellen Mauer.

Dass Erinnerungen von Zeitzeugen durch Aufrufe in sozialen Medien erhoben werden, ist zwar kein neues Format der Erinnerungskultur 2.0, aber eine derart explizite Kombination von Crowdsourcing und Gamification ist schon exzeptionell. Und in der Realität wurde die Mauer am 9. November 1989 nur geöffnet und nicht gleich in ganzer Länge zu Fall gebracht. Insofern ist es historisch durchaus angemessen, dass das Spielziel des ZDF nicht zum vorgesehenen Zeitpunkt erreicht wurde.

Ein populäres Erinnerungsmotiv hat die Unionsfraktion im Deutschen Bundestag zum Ausgangspunkt für eine eigene Initiative genommen: “wo warst du”? fragt sie im Hinblick auf den 9. November 1989 und sammelt mit diesem Hashtag versehene Tweets in einer eigenen Kollektion bei Twitter. Diese ist ebenso wie eine Playlist mit Video-Antworten von Bundestagsabgeordneten auf die Frage Bestandteil einer Microsite der Fraktion zum Mauerfall.

Tweet like it’s 1989

Große Resonanz erzielt die Vergegenwärtigung der Vergangenheit durch “historische Echtzeitformate”. Prominent ist hier das Profil “@Mauerfall89”. Unter dem Titel “Heute vor 25 Jahren” betreiben der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und die BILD-Zeitung bereits seit dem 19. August 2014 einen Twitter-Feed. In hoher Frequenz werden dort vor allem visuelle Inhalte geteilt und von den bis zum Jubiläum über 14.000 Abonnenten auch viral verbreitet. Dabei handelt es sich nicht nur um bekannte Bildikonen, sondern auch um historische Dokumente aus dem Archiv.

twitter-screenshot

Diesen Ansatz wählte auch das Twitter-Profil der Tagesschau, allerdings komprimiert auf 24 Stunden: In dieser Zeitspanne twitterte deren Team, als wäre es 1989. Es gab also nicht nur Neuigkeiten zum Mauerfall, sondern auch andere Nachrichten zum Weltgeschehen, aber auch historische Sportergebnisse und das Wetter. Und was für @Mauerfall die Dokumente sowie Ausschnitte aus der BILD-Zeitung sind, sind für die @Tagesschau die Bewegtbild-Quellen. Diese Inhalte wurden zusätzlich auf einer Microsite aggregiert, so dass eine eigene Chronologie des Tages aus der mediengeschichtlichen Perspektive der Nachrichtensendung entstanden ist.

Damit liefern die Macher einen wichtigen Beitrag, denn sowohl die individuelle Artikulation von Erinnerungen in sozialen Medien, als auch die Echtzeitformate sind zunächst fragmentarisch und flüchtig. Insofern fragt sich auch, was der Aufruf zur Fabrikation von Crowdsourced Memory außer der Stimulation einer aufmerksamkeitsökonomischen Konjunkturschwankung bewirken soll. Soll die Beteiligung der Nutzer nachhaltig sein, bedürfte es einer inhaltlichen Auswertung und visuellen Aufbereitung der aggregierten Daten. Diese steht bislang noch aus.

Dies ist ein Crosspost von netzpiloten.de. Der Artikel ist zuerst dort erschienen.

Bild: Websenat

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