“Elektronische Agora” und “Digitale Spaltung”

Empirische Untersuchung der individuellen Online-Nutzung im politischen Kontext

 


Internetnutzer sind politisch aktiver. Und das Netz ist ein
entscheidender Faktor dafür. Das ist das Zwischenergebnis einer Studie
der TU Ilmenau, die die Chancen für die viel zitierte "elektronische
Agora" untersucht.

Professor Gerhard Vowe und sein Mitarbeiter Martin Emmer
stellten die ersten Befunde ihrer Studie auf der Jahrestagung der
Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft
vor, die vom 23. bis 25. Mai in Münster statt fand. Ihre Erkenntnisse
stützen sie auf eine Telefonumfrage bei rund 1200 Befragten, die Anfang
des Jahres 2001 in Kassel und Erfurt durchgeführt wurde. Anfang 2002
wollen die Kommunikationswissenschaftler die gleichen Personen noch
einmal nach Internetnutzung und politischem Engagement befragen, um
Unterschiede ausweisen zu können.

"Wir
haben nur ein ganz schmales Zeitfenster", erklärte Vowe. "Bislang
hatten wir noch nicht genügend Internetnutzer, und ein Jahr später wird
ihre Zahl bereits zu groß sein." Je mehr Leute online gingen, desto
kleiner werde logischerweise die Zahl der Nicht-Nutzer als
Vergleichsgruppe.

Die
vorliegenden Ergebnisse sind nach Angaben der Forscher zumindest für
Großstädte repräsentativ . Die Verteilung der Internetnutzer in der
Studie entspricht in etwa dem Bild, das die erste Online-Studie von ARD und ZDF sowie der GFK-Online-Monitor
für Deutschland ermittelt haben: 38,9 Prozent der Befragten gaben an,
dass Internet zu nutzen, ein Drittel davon sind Frauen. Besonders stark
verbreitet ist das Internet in den jüngeren Altersgruppen. Vowe und
Emmer gehen wie andere Forscher davon aus, dass die Unterschiede
zwischen den Altergruppen und zwischen den Geschlechtern mit der Zeit
verschwinden werden.

Ein
Faktor werde jedoch weiter entscheidend sein, so Vowe: Bildung.
Personen mit Hauptschulabschluss oder ohne Schulabschluss nutzen das
Internet nach ihren Ergebnissen weit seltener als Abiturienten oder
Realschüler. Vowe geht von einer stabilen Spaltung aus:
"Internetnutzung ist die Folge, nicht die Ursache sozialer
Ungleichheiten."

In
einer Vielzahl von Einzelfragen wurde die politische Beteiligung der
Teilnehmer der Studie gemessen. So mussten sie angeben, ob sie
generell, in der letzten Woche oder vor der letzten Wahl eine
Parteiversammlung besucht, mit einem Politiker geredet oder politisches
Informationsmaterial angefordert hatten. Dabei stellten die Forscher
fest: Bei nahezu allen Fragen zeigten sich die Internetnutzer der
Stichprobe politisch aktiver als die Befragte ohne Internet-Anschluss.
Ausnahme: Tageszeitungen wurden häufiger von Nicht-Nutzern gelesen.

Dabei
nutzen die Internet-User einerseits die herkömmlichen
Partizipationsmöglichkeiten öfter, griffen aber auch zusätzlich auf das
Internet zurück. Beispiel Informationsanforderungen: 4,7 Prozent der
Nicht-Nutzer hatten schon einmal politisches Informationsmaterial
bestellt, aber 11,4 Prozent der Internetnutzer. Davon bestellten 6,4
Prozent das Material auf herkömmliche Weise und 4,4 Prozent über das
Internet. 0,6 Prozent nutzten beide Möglichkeiten.

Ähnliche
Unterschiede wurden bei den anderen Fragen beobachtet. Leserbriefe
schreiben Online-Nutzer sogar erheblich häufiger als Nicht-Nutzer: 8,4
Prozent der Nicht-Nutzer hatten laut Studie bereits Leserbriefe auf
herkömmliche Weise geschrieben, verglichen mit 10,1 Prozent der
Internetnutzer. Zusätzlich hatten aber weitere 27,4 Prozent der
Internetnutzer einen elektronischen Leserbrief verschickt.

Ist
das Internet aber die Ursache für das stärkere politische Engagement?
Oder sind Internetnutzer politisch aktiver, weil sie im Durchschnitt
über ein höheres Bildungsniveau verfügen? Martin Emmer ist sicher: "Der
Online-Zugang ist für die Nutzung von Partizipationsmöglichkeiten nicht
so entscheidend wie das allgemeine politische Interesse einer Person,
aber es ist ein eigenständiger Faktor."

Den
Kommunikationswissenschaftlern scheinen zwei Gründe dafür plausibel:
Zum einen würden durch das Internet die Kosten der Beteiligung sinken.
Eine E-Mail an den Volksvertreter ist schnell geschrieben und billiger
als ein Postbrief. Zum anderen, scheinen die elektronischen
Partizipationsmöglichkeiten effektiver. Über das Internet könnten
Politiker direkter angesprochen und leichter Gleichgesinnte für ein
Anliegen gefunden werden – "so zumindest der Eindruck der
Nutzer"(Vowe).

"Die
Schlagworte ‘Elektronische Agora’ und ‘Digitale Spaltung’ sind
Gestirne, nach denen sich zu navigieren lohnt" stellte Vowe als
bisheriges Zwischenfazit der Studie fest. Endgültige Ergebnisse sollen
nach der zweiten Befragungswelle vorliegen.

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