Eine interaktive Farce

Große Politik wird in den USA zur Zeit nur im
Internet betrieben


Während die Menschen in Rußland gerade von einer
existentiellen Wirtschafts- und Staatskrise
heimgesucht werden, dreht sich auf der politischen
Bühne Amerikas alles nur noch um die
Monika-Lewinsky-Affäre. Diese findet ihren Höhepunkt
in der Online-Version des Starr-Berichts, in dem
peinlich genau nachzulesen ist, wie Bill und Monika es
miteinander tun. "Politik verdirbt den Charakter" schrieb
Eugen Sierke 1882 und wenn man’s gar so moralisch
nimmt, dann hat Bill Clinton eben einen schlechten
Charakter. Who cares?

Ist diese Affäre denn schon Grund genug, wochenlang
nichts anderes zu tun, als eine Bettgeschichte aus
demselben zu reißen und die beiden Akteure auf die
politische Bühne zu zerren?

Man könnte ja jetzt ganz böswillig behaupten, daß
dieses Land seit Wochen faktisch ohne politisches
Tagesgeschäft auskommt. Das ist enorm. Wo bleibt
der zwingende Grund für die so eingehende
Beschäftigung von Sonderermittler Starr und dem
amerikanischen Parlament mit der Promiskuität Bill
Clintons? Ist denn der Kausalnexus zwischen Bett und
Politik überhaupt vorhanden?

Politisch ist die ganze Angelegenheit aber irgendwie
doch, denn der Untersuchungsbericht bewirkt im
Internet genau das, was die große Politik schaffen soll:
Sie bewegt die Massen. Und: Jeder kann mitreden.
Wann kann der amerikanische Durchschnittsbürger
sonst schon mal von sich behaupten, politisch auf dem
neusten Stand der Dinge zu sein? Im Moment ist er’s.
Dazu tragen pikante Details en masse bei, die durch
das reichweitenstarke Medium Internet an den Mann
und an die Frau gebracht werden.

Kenneth Starr gebraucht das Internet als Folie, um am
Stimmungsbarometer zu drehen; das bisher hohe
Ansehen Clintons in der amerikanischen Öffentlichkeit
empfindlich zu treffen. Und mehr noch: Mit dem
Onlinegang des Untersuchungsberichts liest die ganze
Weltöffentlichkeit im Kanon mit. Dies sind grobe Miiel,
die tatsächlich nichts auslassen.

Hier wird ein Medium vergewaltigt, daß jedermann mit
dem nötigen Know-How bedienen und gestalten kann,
ohne daß es von Objektiven geprüft worden ist. Und
ach, in Rußland konstatiert der neue Ministerpräsident
Primakov vor der Duma, sein erstes Ziel sei der "Erhalt
der Einheit Rußlands", den er gefährdet sieht, aber das
ist ja nur die kleine Politik.

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