Ehrenamt 4.0: Das Internet ist kein Allheilmittel

1702_Ehrenamt3Jeder dritte Deutsche engagiert sich ehrenamtlich. Doch die Aktiven werden immer älter, denn junge Menschen wollen sich immer seltener langfristig an so ein Amt binden. Wie lässt sich die Digitalisierung im Bereich Ehrenamt nutzen? Eine Tagung in Berlin stellte  Beispiele für die gelungene Verbindung zwischen digitalen Neuerungen und ehrenamtlicher Tätigkeit vor.

Unter den 60- bis 70-jährigen Deutschen sind fast 40 Prozent ehrenamtlich aktiv. Doch es folgen ihnen immer weniger Junge nach. Zwar sind in allen Altersschichten Menschen engagiert, doch hat sich ihr Verhalten verändert. Waren die Menschen früher ihr Leben lang für dieselbe Einrichtung oder denselben Verein tätig, sind junge Menschen heute flexibler und bleiben nur vergleichsweise kurz einer Initiative oder einem Projekt treu. Staatssekretär Ralf Kleindiek vom Bundessozialministerium (BMFSFJ) forderte beim „Technologie- und Trendtag für Non-Profit-Organisationen (NPOs)“, zu dem Microsoft Deutschland gemeinsam mit Stifter helfen e.V. am vergangenen Freitag in Berlin eingeladen hatte, dass sich auch das Ehrenamt an diesen Lebenswandel anpassen müsse. Sein Ministerium wolle dafür entsprechend gute und nachhaltige Rahmenbedingungen schaffen.

Chancen für das neu eingeführte „FSJ Digital“

Bereits jetzt sei das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von Ministerin Manuela Schwesig (SPD) als „Engagement-Ministerium“ verantwortlich für jährlich circa eine Million FSJlerInnen und FSJler. Das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) solle ausgebaut werden, und erfahrene „Digital Natives“ sollen ältere Menschen im Umgang mit dem Internet und neuer Technik unterstützen. Mit dem im vergangen Jahr im Rahmen der Digitalen Agenda eingeführten „FSJ Digital“ wolle man den generationenübergreifenden Dialog befördern und insbesondere älteren Menschen den Zugang zur digitalen Welt erleichtern. Weiterhin hat das Ministerium es sich zur Aufgabe gemacht, Strukturen und Netzwerke aufzubauen, um sozialen Projekten eine helfende Infrastruktur zu bieten. Man habe die Erfahrung gemacht, so Kleindiek, dass bei zeitlich begrenzter, modellhafter Unterstützung einzelner Projekte nach Ablauf der Förderzeit häufig sogenannte Projektruinen stehen geblieben seien. Dies wolle man künftig verhindern, weshalb nur noch Projekte mit einer Laufzeit von fünf Jahren gefördert würden.

NPOs sehen sich im täglichen Betrieb mit den gleichen Problemen und Anforderungen wie profitorientiere Unternehmen konfrontiert, seien es Buchhaltung, Koordinierung oder Bewerbung der eigenen Aktionen. Für das nötige Software-Know-How gibt es bereits Vermittler wie die Stiftung Stifter-Helfen.de. Die nicht-kommerzielle Vereinigung vermittelt den Kontakt zu großen IT-Unternehmen, die Softwarespenden für NPOs zur Verfügung stellen. Unter den IT-Spendern befinden sich Branchengrößen wie Adobe, Cisco, Microsoft und SAP. Microsoft Deutschland spendete beispielsweise im Jahr 2014 Technologie im Wert von rund 53 Millionen Euro an knapp 8.000 gemeinnützige Organisationen, wie das Unternehmen am Freitag verkündete.

Auch das Internet ist nicht der Heilige Gral

Dank des digitalen Fortschritts, beispielsweise durch die Cloudtechnologie, werden die gemeinsame Arbeit an einem Dokument und die Führung eines gemeinsamen Adressbuches möglich. Darin sieht auch Raul Krauthausen einen großen Vorteil der Digitalisierung. Der Mitbegründer des Vereins Sozialhelden führte in der Diskussion auf dem Technologie- und Trendtag für Non-Profit-Organisationen aus, dass die Cloudtechnologie ein grundlegender Bestandteil bei der Gründung seiner Initiative war. Der Einsatz habe die Aufgabenverteilung und -koordination bedeutend erleichtert. Auch den Bereich Social Media könnten soziale Organisationen selbstständig abdecken. Ähnlich der „Bring Your Own Device- Bewegung setze man dort auf „Bring Your Own Talents“. So hätten die Sozialhelden ihre Social Media-Strategien beispielsweise selbst erarbeitet. Grundsätzlich gelte aber: Technologie alleine reiche nicht aus. Auch das Internet sei nicht der Heilige Gral, betont Krauthausen, es bedürfe immer noch der richtigen Nutzung.

Zwar gibt es viele Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, und auf der anderen Seite Organisationen, die HelferInnen suchen – zur Kontaktvermittlung über das Internet kommt es dabei vergleichsweise selten. Entscheidend sind letztlich die „Soft Facts“, die beim Ehrenamt und in der Arbeit mit Menschen besonders wichtig sind. Eine allgemeine Lösung kann es deshalb für die Mitgliederwerbung nicht geben.

Neben dem Einsatz moderner Technologien für die erfolgreiche Arbeitsverteilung und -koordination sowie den Möglichkeiten zur Mitgliederwerbung und Vermittlung durch das Internet ist die Digitalisierung aber auch im analogen Alltag des Ehrenamtes angekommen. Nicht nur Software und technisches Know-How können bereitgestellt werden, sondern auch Hardware. Microsoft beispielsweise entwickelt zurzeit ein „Ehrenamts-Tablet“, das wasser- und bruchfest ist und eine kratzfeste Oberfläche hat. Es ist auf den Außeneinsatz angelegt, zum Beispiel bei der Freiwilligen Feuerwehr oder dem Roten Kreuz, mit zehn vorinstallierten fachspezifischen Anwendungen.

Es ist wünschenswert, dass das geplante FSJ Digital ebenso gut angenommen wird wie neue Hard- und Software für den Einsatz im sozialen Engagement. Denn die Digitalisierung mag zwar kein Allheilmittel sein, bietet aber vielseitige Entwicklungschancen für das Ehrenamt 4.0.

Bild: Maurice

Eine Antwort auf Ehrenamt 4.0: Das Internet ist kein Allheilmittel

  1. Aktuell sollte man mal feststellen, wie viele einfach weniger Zeit haben. Ich beobachte seit langem den Aspekt “sich Weiterbilden” – regelmäßig zu annehmbaren Zeiten Kurse zu besuchen: man arbeitet länger und mit komplizierteren Zeitschemen, hat Nebenjobs, einer kommt und hütet die Kinder, der andere geht …. und man kein Geld bzw. muss welches verdienen. Das trifft genauso für Ehrenämter zu. Da hilft Propaganda fürs Ehrenamt nicht viel, das Bewusstsein ist durch das Sein bestimmt.
    Vor einiger Zeit sass ich in einer Sozialen Stadt mit Rentnerinnen am Tisch. Die erzählten, früher hätten sie noch da und dort bei der Stadt kleine Jobs gehabt, die mit der neuen Überschrift in ehrenamtliches Soziales Engagement umfirmiert wurden. Was sie sich einfach nicht leisten können.
    Generell sehe ich auch in der mangelnden Bereitschaft von den Älteren den Vorläufer der Rentenkrise. Wenn z.B. eine Deutschlehrerin (Integrationskurse) die lebenslang billig gearbeitet hat in Rente ist, dann muss sie dazu verdienen. Putzen. Wenn die gegenwärtige aktive Generation bei mehr Arbeit und sinkenden Einkommen die Ressourcen verbraucht hat, die eigentlich noch in der vorigen Generation verdient und nun vererbt oder verschenkt wurden, dann wird es absehbar (fast) allen so gehen.

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