Don’t cry, work?

Diskussion mit drei jungen Arbeitnehmern in der IT-Branche

Der Artikel
"Flexibel in die Neue Ökonomie"
beleuchtet die Arbeitsverhältnisse in der Wissensgesellschaft. politik-digital fragte drei junge Arbeitnehmer
aus der IT-Branche, ob die im Artikel dargelegte Sichtweise ihren persönlichen Erfahrungen entspricht.


M.S. arbeitet als Screendesignerin in einer grossen Multi- media-Agentur, die sich hauptsächlich mit der Konzeption
und Erstellung von (kommerziellen) Websites befasst. Ihre Tätigkeit umfasst das Design von Websites, sowie
teilweise Konzeption und Technik.
S.B. ist Media Consultant in einer Unternehmensberatung für digitale Kommunikation, deren Dienstleistungen
neben der Beratung den Aufbau von E-Commerce-Plattformen, die Optimierung von inner- und
zwischenbetrieblichen Geschäfts- prozessen, den Aufbau von Start-up-Unternehmen und die Planung und
Abwicklung von internationalen Roll-Out-Vorhaben umfassen. S.B. ist zuständig für die Konzeption von Web-Sites
(Dramaturgie, Informationsgestaltung) und für den Markenaufbau und die Markenführung.
M.P. arbeitet bei einem großen internationalen Software- Hersteller, der primär Programme entwickelt, die die
Arbeits- und Produktionsprozesse innerhalb und zwischen Unternehmen optimieren sollen. Seine Aufgabe besteht
vor allem in der Anwendung der Firmenprodukte innerhalb des eigenen Betriebs.

politik-digital: Inwiefern passt die im Artikel "Flexibel in die Neue Ökonomie"
beschriebene Situation auf ihre persönlichen Erfahrungen?


M.S.: Die Situation passt, von aussen betrachtet, auf jeden fall auf meine Situation. Auch aus meiner
persönlichen Erfahrung kann man die Sachlage so sehen. Insgesamt finde ich diese allerdings zu wissenschaftlich,
zu soziologisch betrachtet. Der Artikel sagt wenig über die tatsächlichen Auswirkungen für den einzelnen aus, das
heißt darüber, was das eigentlich für die betroffenen bedeutet.

M.P.: Es trifft zu, dass das Arbeitspensum sehr hoch ist, wenn in einem Projekt gearbeitet wird. Arbeitet
man dagegen in Entwicklungszyklen, kann es aber auch deutlich niedriger sein. In beiden Fällen sind die
Arbeitszeiten sehr schwankend. Kleine Gruppen sind sehr förderlich für einen guten Info-Fluss und werden auch
sehr gefördert. Die Verantwortung liegt auch in der Gruppe, aber in der letzten Instanz beim Chef. Dieser trägt auch
alle Entscheidungen nach oben. Ich sehe die Verantwortung also nicht direkt bei der Gruppe. Das halte ich
eindeutig für einen Management-Fehler.

S.B.: Trotz aller Widrigkeiten (lange Diskussionen, die zu Überstunden werden, immer wieder ins kalte
Wasser springen, etc.) ziehe ich eine gewisse Selbstbestimmtheit beim Arbeiten den Organisationsformen
der sogenannten "alten Wirtschaft" vor. Die selbstbestimmte Arbeit in den Unternehmen der "neuen
Wirtschaft" hat sicher Vor- und Nachteile. Letztendlich wollen wir doch alle in einem Umfeld arbeiten, wo sich
Autorität nicht aus Hierarchien sondern aus Kompetenz ergibt, wo festgefügte Arbeitsstrukturen durch
Eigenverantwortlichkeit ersetzt werden. Wir wollen alle Raum für eigene Gestaltungsvorschläge, wollen nicht ein
kleines Rädchen sein, dass nur mit der notwendigen Information versorgt wird, sondern den Überblick über das
gesamte Firmengeschehen haben und sich auch für diese verantwortlich fühlen. Dazu braucht man natürlich auch
Mitarbeiter, die bereit sind, Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen. Und Teamarbeit ist erst
einmal eine Frage von gegenseitigem Respekt. Dazu gehört auch, dass ein Projektmanager die Bedürfnisse und
Belastung seines Teams und nicht nur die Dollarzeichen im Auge behält. Dazu gehört der Geschäftsführer, den
nicht nur die Börse, sondern auch die Stimmung seiner Mannschaft interessiert.


politik-digital: Überwiegen positive oder negative Aspekte in ihren jeweiligen
Jobs?


S.B.: Schwer zu sagen. Ich fühle mich sehr wohl, da ich meine, sehr viel zu lernen. Sicher arbeite ich vor
allem in den Endphasen der Projekte meist sehr viel. Ich habe aber auch das Gefühl, dass es meine eigenen
Projekte sind und das kann sehr befriedigend sein.

M.S.: Im Prinzip stimme ich dem zu. Trotz der angesprochenen Probleme oder Schwierigkeiten
überwiegen die Vorteile, beispielsweise freie Zeiteinteilung bei Projekten, Abwechslung, bereichsübergreifendes,
kreatives Arbeiten, relativ lockerer Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten. Jedes Projekt stellt eine neue
Herausforderung dar. Man ist als Screendesigner auch an der Konzeption und an der Produktion (Technik) beteiligt
und eingebunden. Dadurch hat man unter anderem die Chance, innovative Projekt- Umsetzungen zu entwickeln.

M.P.: Auch für mich überwiegen die positiven Aspekte, aber ich denke das ist recht individuell. Wenn man
einen "9 to 5 Job" möchte, ist man dort an der falschen Stelle. Will man einen abwechslungsreicehn Job mit jungen
Kollegen und hoher Flexibilität, sieht die Sache anders aus: viel Arbeit, viel Spass, viel Freiheit, viel Verantwortung –
mit den ganzen Nachteilen die dadurch entstehen.


politik-digital: Unabhängig von Ihrer eigenen Person, finden Sie, dass der
Artikel die Zustände in ihrer Firma allgemein widerspiegelt?


M.S.:Ich sehe meine und die Situation im allgemeinen klar und tiefgreifend wiedergegeben. Trotzdem
empfinde ich die Herangehensweise als zu wissenschaftlich und wenig spezifisch. Beispiele wären
vielleicht sinnvoll. Man kann sich nicht so recht vorstellen, was das auf die Praxis bezogen genau bedeutet.

M.P.: Ich stimme der Darstellung des Artikels nur zum Teil zu. Kleine Gruppen sind keine Erfindungen der
IT-Branche, es gab sie schon viel früher in der klassischen Industrie. Meine Firma ist keine Firma, die im
klassischen Sinne Infos bearbeitet, wie etwa Call Center dies tun. Aber sie gehört wohl zu der Branche. Dass die
innerbetrieblichen Einheiten ständig neu zusammengesetzt werden, trifft voll zu. Alle werden nach Belieben
umstrukturiert ohne Rücksicht auf Verluste. Das liegt natürlich auch an der schnellebigen Welt der IT.

S.B.: Uns fehlt es vor allem an erfahrenen Projektmanagern, die Projekte so gut planen, dass jeder in
Ruhe arbeiten kann (ohne Feiertage und Wochenenden in der Firma zu verbringen). Dazu kommt das über allem
schwebende Damoklesschwert "speed to market". Alle wollen, das ein Projekt möglichst gestern fertig wird.
Schließlich hat man es den Investoren versprochen. Dazu braucht man eine Geschäftsführung (oder
Projektmanager) die genügend Rückgrat haben, die Bedürfnisse Ihrer Mitarbeiter auch bei den Kunden nicht zu
vergessen.


politik-digital: Sind die Arbeitnehmer in ihren Firmen (gewerkschaftlich)
organisiert?

M.S.: Bei uns gibt es keine Gewerkschaften. Die Arbeitnehmer sind dazu angehalten, mit jedem noch
so schwerwiegenden Problem auf die entsprechende Instanz direkt zuzugehen. Das ist in der Regel durch den
lockeren Umgang auch gut möglich, birgt aber auch Probleme. Man muss genug Mut aufbringen und ist auf sich
allein gestellt. Der Arbeitgeber oder die Vorgesetzten bemühen sich aber, durch regelmässige Meetings mit den
Arbeitnehmern, in Gruppen oder einzeln, deren Zufriedenheit mit ihrem Job herauszufinden und gegebenenfalls
Probleme zu lösen. Das funktioniert meistens gut. Darüber hinaus gibt es viele Freizeitorganisationen (Chor,
Fussballverein, Squash, etc.). Insgesamt kann man sagen, dass man stark auf die eigene Initiative angewiesen ist.

M.P.: Auch in meiner Firma sind die Mitarbeiter nicht gewerkschaftlich organisiert. Ich glaube, dass
erhebliche Unterschiede zwischen Betrieben bestehen, in denen die Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert
sind, und denen ohne solche Strukturen. In den letzteren dürfte es der Betriebsleitung wesentlich leichter fallen,
Umstrukturierungen vorzunehmen.


S.B.: Gewerkschaften sollten sich überlegen, was sie den Arbeitern der neuen Wirtschaft noch an
Mehrwert anbieten können. Im Moment erleben wir in diesem Bereich einen umgekehrten Arbeitsmarkt. Alle
Firmen suchen Hände ringend Leute. Die Fluktuation ist hoch. Eine Firma, die Ihre Mitarbeiter schlecht behandelt
oder nicht genügend Entfaltungsmöglichkeiten bietet, sieht sich bald einem Massenexodus gegenüber.


politik-digital: Wie sehen sich die Arbeitnehmer selbst in ihren Firmen?


S.B.: Natürlich nörgeln alle. Ich glaube, dass im Moment viele verwöhnt sind, da sie tagtäglich spüren, wie
viele Angebote es da draussen am Markt für sie gibt. Viele sehen gar nicht mehr, wie gut es uns heutzutage geht.
Wenn da eine Firma ihren Mitarbeitern noch nicht einmal regelmäßige Massage anbietet und rauschende Parties
feiert, ist das natürlich ein Grund sich woanders umzuschauen.

M.S.: Ich denke, viele nehmen die angesprochenen Probleme in Kauf, weil ihnen ihre Arbeit
Spass macht und meist ihren Vorstellungen von einem Job entspricht, der mehr als nur Arbeit für sie bedeutet.
Darüber hinaus spielt sicherlich die Chance auf kreative und abwechslungsreiche Projekte, sowie die guten Berufs-
und Karriereaussichten eine Rolle. Gerade in der Internetbranche bergen (fast) alle Tätigkeiten zusätzlich die
Chance, innovative Lösungen zu finden, zu erlernen und anzuwenden. Die überwiegende Zahl der Arbeitnehmer ist
stolz auf ihren Job, bildet sich was drauf ein und will den Zustand, trotz vieler Klagen darüber, im Grunde nicht
anders haben. Sicherlich haben viele Arbeitnehmer aber auch große, psychische Probleme mit dieser Art Job. Man
hat sehr wenig Zeit und Muße fürs Privatleben, arbeitet fast permanent unter Stress und Erfolgsdruck und verdient
nicht besonders gut, vor allem, weil keine der vielen Überstunden bezahlt wird. Kommen leute extra für den Job in
eine neue Stadt, ist es ihnen nur sehr schwer möglich, Leute über die Firma hinaus kennenzulernen. Sie werden
dadurch auch noch stärker an die Firma gebunden.

M.P.: Ich kann mich diesen Beschreibungen nur anschließen. Die meisten freuen sich der Freiheit und des
guten Arbeitsklimas, welches unter anderem auch wegen der nicht vorhandenen Gewerkschaft möglich ist. Zwar
klagen alle über die viele Arbeit, sie sind aber trotzdem sehr zufrieden und wollen am besten nichts ändern.


politik-digital: Vielen Dank für das Gespräch.


Die Diskussion leitete Florian Niedlich

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