Digitale Hilfe auf der Flucht

Apps FlüchtlingshilfeFacebook und Viber – damit hat Zabi seine lange Reise aus Afghanistan nach Deutschland bewältigt. Ein eigenes Smartphone hatte der 17-Jährige auf der Flucht nicht. Damit stellt Zabi, laut kürzlich veröffentlichter ICT4Refugees-Studie, keine große Ausnahme dar. Im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) haben FeldforscherInnen von betterplace lab und Kiron Open Higher Education erstmals das digitale Nutzerverhalten von Menschen auf der Flucht untersucht – in Jordanien, Griechenland und der Türkei.

„Warum haben die denn alle Smartphones?“ fragten sich manche Bürger zu Beginn der großen globalen Zufluchtssuche. Glücklicherweise verwandelten sich skeptische Blicke – in vielen Fällen – zu verständnisvollen Mienen. Schnell erkannten Initiativen, NGOs und die netzaffine Zivilbevölkerung: Smartphones für Geflüchtete sind einerseits notwendig und andererseits auch Potenzial für technische Innovationen. Eine bereits breite Angebotspalette an Apps und Websites für Zufluchtssuchende bereichert die digitale Welt heute. Nicht nur zur Integration in Deutschland, sondern auch zur Erleichterung der Flucht und der Arbeit in den weltweiten Camps sprudelte es an digitalen Ideen. Plattformen, welche Angehörige wieder zusammenbringen sollen – wie Refunite oder Trace the Face des Roten Kreuzes sowie Online-Informationsportale – wie refugeeinfo-org oder die Initiative eines Syrers 8rbtna – sollen Menschen auf der Flucht helfen. Ohne Frage: auf der Flucht ist das Smartphone mehr als nur ein nützliches Werkzeug. Der emotionale Wert überwiegt. Das Smartphone ist oft die einzige Verbindung nach Hause sowie Schnittstelle zwischen Flüchtenden. So kann das vergebliche Warten auf eine Antwort von Angehörigen auf WhatsApp in manchen Fällen auch eine schleichende Hiobsbotschaft sein. Eine zusätzliche psychische Belastung, in die man sich von außen kaum hineinversetzen kann.

Nun verkündet die ICT4Refugees Studie: Smartphones sind auf der Flucht schon weit verbreitet, aber nicht jede Person besitzt eins. Schwankungen gebe es dort auch je nach materiellem Wohlstand eines Landes: Während der Smartphone-Besitz unter Geflüchteten aus Syrien nahezu Standard sei, sehe es bei AfghanInnen anders aus. Besonders bei Gruppen sei ein gemeinsames Smartphone pro Familie oder Freundeskreis auf der Flucht nicht unüblich. Jedoch nutzen nur Wenige neben privaten Messenger-Diensten andere Plattformen oder Apps. Das bestätigt auch Zabi: „Ich wusste nicht einmal, dass es Apps und Websites gibt, die Flüchtlingen helfen sollen.“

Empfehlungen der ICT4Refugees-Studie: „Do no Harm“

Für Engagierte, Fachleute und EntscheidungsträgerInnen im Rahmen der digitalen Entwicklungshilfe sprechen die beiden Autoren der ICT4Refugees-Studie einige Anregungen aus. Primär gilt es zu berücksichtigen, inwiefern Flüchtlingsgruppen Zugang zum Internet haben – und das nicht nur im technischen Sinne. Die Frage muss viel breiter gefasst werden: Haben Flüchtende auch kulturellen, sozio-ökonomischen, politischen und legalen Zugang? Problematisch wird digitale Innovation, sobald wir von unseren eigenen Nutzungsgewohnheiten und – kompetenzen ausgehen. Laut der ICT4Refugees-Studie seien vor allem ein verantwortungsvoller Umgang mit Datenschutz und niedrige Nutzerbarrieren wichtig. Freigegebene Informationen über die Identität einer flüchtenden Person können fatale Folgen für Einzelne haben. Der Schutz des Individuums sollte immer höchste Priorität haben.

Viele Apps können allein schon aus Gründen wie einem Mangel an Speicherplatz, Datenvolumen oder einer fehlenden E-Mail Adresse zur Registrierung scheitern. Nicht nur der Umgang mit E-Mails, auch das Konzept einer Website muss nicht jeder Person geläufig sein. So bestätigten viele in den Camps, die Banneraufschriften mit „refugeeinfo.org“ gar nicht als URL verstanden zu haben. Auch Zabi wusste von solchen Angeboten nichts und nutzte das Internet nicht in diesem Sinne als Informationsquelle. Manchmal ging er in Griechenland in ein Internetcafé, um Neues aus seinem Vertrautenkreis zu erfahren: „Ich war glücklich, dass ich über das Internet Kontakt zu Freunden halten konnte.“ Auch die ICT4Refugees-Studie bestätigt, dass viele Befragte ausschließlich eine private Eins-zu-Eins Kommunikation über ihre Smartphones nutzen: Textnachrichten über Chats und das Verschicken von Sprachnachrichten seien demnach üblich, alles darüber hinaus eher die Ausnahme.

Auch sind wir durch politisch-kulturelle Hintergründe alle auf verschiedene Arten mit Medien sozialisiert worden – das Level an Vertrauen in Nachrichten und Technologien kann sehr unterschiedlich sein.  Vielleicht haben sich auch deshalb private Messenger-Tools wie WhatsApp und Facebook als die meistgenutzten Plattformen herauskristallisiert. Die Autoren der Studie raten, diese als Grundlage für zukünftige Innovationen zu nutzen. So mache es bereits das Yuva Community Centre in Gaziantep (Türkei): per Facebook und Telegram informieren sie und halten Kontakt zu Geflüchteten. Daher lautet das Credo im Bericht: Mit dem agieren, was es bereits gibt, anstatt dauernd das Rad neu zu erfinden. Wie wichtig auch eine gründliche Erfahrung der Gegebenheiten vor Ort ist, verbildlicht eine Anekdote der Studie: Auf der griechischen Insel Lesbos wartet man mit einer griechischen SIM-Karte oft vergebens auf Mobilfunksignal. Mancherorts liegt die Insel weniger als zehn Kilometer vom türkischen Festland entfernt. Geflüchtete und HelferInnen mit einer türkischen SIM haben auf der griechischen Insel manchmal eine höhere Signalstärke.

Digitales Nutzerverhalten von Menschen auf der Flucht – Wie misst man das?

Das individuelle Nutzerverhalten über Smartphones kann sicherlich nicht nach dem Herkunftsland der Flüchtlinge generalisiert werden. Die ICT4Refugees Studie hat aber versucht, Trends und Potenziale der „Information Communication Technology“ (ICT) in Flüchtlingscamps herauszufinden. Durch mehr als 100 qualitative Interviews mit Geflüchteten und HelferInnen vor Ort sowie Beobachtungen fanden sie viele Parallelen in Jordanien (Amman, Mafraq), Griechenland (Athen, Lesbos) und der Türkei (Istanbul, Gaziantep). Doch um wirklich bewerten zu können, wie sinnvoll manche Apps oder Info-Websites waren, fehlt vor allem immer noch eins: Feedback von Menschen wie Zabi – den Zufluchtssuchenden selbst.

Zur groben Planung der Route müssen Smartphone und Internet dennoch unerlässlich gewesen sein. Auch Zabi erinnert sich, dass manche „Google Maps und anderes“ auf ihrem Handy zur Routenplanung nutzten, „davon habe ich dann mit profitiert.“ Konkrete Websites extra für Flüchtlinge – darüber hatte Zabi aber auch von anderen nichts gehört. An dieser Stelle wird deutlich: nicht das digitale Angebot ist das Problem. Die wahre Hürde liegt in der Verbreitung und Koordination des vorhandenen, digitalen Hilfsangebots. Zu einem ähnlichen Resümee kam auch der digitale Flüchtlingsgipfel in Berlin Ende Juni, auf dem sich viele TeilnehmerInnen für mehr Koordination zwischen den vielen Initiativen aussprachen. Zugleich könnte dadurch auch die Finanzierung solcher Projekte nachhaltiger gestaltet werden. Damit von der ganzen technischen Mühe auch etwas bei den Geflüchteten in Camps und auf dem Weg ankommt, bedarf es aber vor allem der Kommunikation – zwischen den Initiativen und HelferInnen vor Ort sowie den Geflüchteten. Warum nicht technisch affine Geflüchtete in den Camps zu MultiplikatorInnen ermutigen? Vielleicht wäre das ein Anfang, um die digitale Kluft in den Camps langsam zu verkleinern und das technische Angebot auch wirklich an die Bedürfnisse der Zielgruppe anzupassen.

Effektive Flüchtlingshilfe online oder digitales Durcheinander?

Mittlerweile hat auch Zabi ein Smartphone von einem Freund bekommen und lernt das Internet seit seiner Flucht immer besser kennen: „Hier in Deutschland habe ich das Smartphone dann zum Deutschlernen genutzt. Das mache ich jetzt noch oft.“ Seit einem knappen Jahr wohnt der 17-Jährige jetzt in Deutschland. Noch ein Jahr geht Zabi zur Schule, bevor er eine Ausbildung anfangen will. Jetzt spricht und schreibt Zabi schon sehr gut Deutsch. Die Verständigung mit ihm ist einfach. Auf die Frage, mit welchen Apps und Seiten er lernt, verrät er: „Wenn ich im Internet Deutsch lernen will, dann schreibe ich einfach „Deutsch lernen“ und dann kommen viele Programme“.

Einmal mehr wird klar, dass wir umdenken müssen – auch technisch. Unsere eigenen Ansichten, Nutzungsverhalten und Vorstellungen engen uns oft gedanklich so sehr ein, dass wir trotz warmherzigen Engagements gegen eine digitale Wand laufen. Koordination zwischen den Projekten und Kommunikation mit den Geflüchteten sind hier die Zutaten für eine benutzerorientierte, digitale Flüchtlingshilfe. Beginnende Kooperationen von Initiativen, wie sie sich auf dem digitalen Flüchtlingsgipfel ergeben haben, zeigen immer mehr Potenzial zur Zusammenarbeit – erfreulicherweise auch immer öfter mit Geflüchteten zusammen. Denn, ohne die Zielgruppe aktiv miteinzubeziehen, werden wir es nicht schaffen, aus der digitalen Erschöpfung herauszuklettern und das Potenzial der Flüchtlingshilfe voll auszuschöpfen.

Titelbild: Screenshot Apps Flüchlingshilfe von Jana Donat / politik-digital.de, licenced CC BY SA 3.0

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Eine Antwort auf Digitale Hilfe auf der Flucht

  1. Georg Mahler sagt:

    Eine tiefgründige Recherche. Sehr interessant. Da warten noch große Herausforderungen.

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